„WIR WÄREN ALLE NICHT HIER“

21 Schülerinnen und Schüler der Ida Ehre Schule stellen in ihrem Theaterstück dar, welche Bedeutung die Menschenrechte heute haben und warum besonders das Recht auf Inklusion wichtig ist

Für Enya Pfauter waren die Menschenrechte ein ganz neues Themenfeld. „Bevor wir an unserem Theaterstück gearbeitet haben, wusste ich nicht, das es bestimmte Rechte gibt wie etwa das Recht auf Bildung“, sagt die 15jährige Schülerinder Ida Ehre Schule. Manchen ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler ging es ähnlich, andere hatten schon etwas vom Wahlrecht oder dem Recht auf Gleichbehandlung gehört. Für Benjamin Schnackenburg (15), einem von sieben Schülerinnen und Schülern in der Klasse mit einer Behinderung, ist besonders der Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention wichtig.

In diesem Artikel wird das Recht behinderter Menschen auf Bildung verankert und ein „inklusives Bildungssystem“ eingefordert – gleicher Zugang zu den Bildungseinrichtungen für alle. „Wenn es den Artikel nicht gäbe, wäre ich gar nicht hier an dieser Regelschule“, sagt Benjamin, der wegen einer körperlichen Behinderung im Rollstuhl sitzt. Das trifft auch auf die anderen behinderten Schülerinnen und Schüler der Klasse zu. Deswegen heißt ihr Stück, das sie zum 70. Jahrestag der Menschenrechte erarbeiteten: „Wir wären alle nicht hier.“

AUSDRUCKSSTARK:
SCHÜLERINNEN DER IDA EHRE SCHULE BEI DER PROBE
FOTOS JÖRG MODROW

Es entstand als Antwort auf eine Anfrage der ehemaligen Schulleiterin der Ida Ehre Schule Helga Wendland. Sie war Mitorganisatorin der Diskussionsveranstaltung „Menschenrechte für alle – nach 70 Jahren am Ende?“ in der Apostelkirche in Eimsbüttel. „Es wurde nach einem Einstieg für den Gesprächsabend gesucht, an dem unter anderen Politikprofessorin Gesine Schwan und Gabriele Stein von Amnesty International teilnahmen“, erläutert Theaterlehrer Timo Gerdes. Gemeinsam mit Musik- und Klassenlehrer Thomas Bischoff dachte er über eine mögliche Inszenierung nach und fragte die Schülerinnen und Schüler der damaligen 8c des Theater-Musik-Profils „Klangwelt und Bühnenzauber“, ob sie sich eine Aufführung zu dem Thema vorstellen könnten. Die 21 Jugendlichen hatten große Lust darauf, und so ging es an die Erarbeitung des Stücks.

Die Klasse beschäftigte sich zunächst mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die am 10. Dezember 1948 von den Vereinten Nationen verkündet wurde. Die 30 Grundrechte sollen laut Amnesty International den „größtmöglichen Schutz aller Menschen gewährleisten“. Alle Schülerinnen und Schüler erhielten ein kleines Heft, in dem sie die 30 Artikel nachlesen konnten und das sie später auch auf der Bühne verwendeten. Sie fragten sich, wie es mit diesen Rechten in der Praxis aussieht. „Wir haben dann Ideen und aktuelle Nachrichten zu Verstößen gegen die Menschenrechte gesammelt“, berichtet Zoe Wolf (15). Aktuelle Themen in den Medien waren zu jener Zeit etwa die Ermordung des Journalisten Jamal Kashoggi im saudiarabischen Konsulat in Istanbul, die willkürliche Entlassung zahlreicher Staatsangestellter nach dem Putsch in der Türkei oder die ungleichen Verdienstmöglichkeiten von Mann und Frau hierzulande.

Diese Rechercheergebnisse flossen in das Stück ein, das die Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit Theaterlehrer Timo Gerdes erarbeiteten. „Wir haben einige Menschenrechte vorgestellt und Bezug darauf genommen, was sie für das Zusammenleben bedeuten“, erklärt Enya. Wie zum Beispiel das Recht, dass niemand in Sklaverei oder Leibeigenschaft gehalten werden darf (Artikel 4), oder das Recht jedes Menschen, bei Verfolgung in anderen Ländern Asyl zu suchen (Artikel 14). Mit den Beispielen von Verstößen gegen die Grundrechte warfen die Jugendlichen auch einen kritischen Blick auf die Einhaltung und den Wert der Menschenrechte heute.

INKLUSIV:
SCHÜLERINNEN UND SCHÜLER STUDIEREN GEMEINSAM ROLLENTEXTE EIN.
FOTOS JÖRG MODROW

Bei dieser Frage kam auch der Aspekt „Inklusion“ zum Tragen. Aufgrund von Lern- oder Konzentrationsschwäche oder wegen körperlicher oder emotionaler Einschränkungen haben sieben der 21 Schülerinnen und Schüler einen anerkannten Förderbedarf und werden von Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen zusätzlich betreut. Deshalb war es allen Schülerinnen und Schülern ein wichtiges Anliegen, auf den Artikel 26 hinzuweisen, der das Recht auf volle Entfaltung der Persönlichkeit beinhaltet, und auf den Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention, der den Artikel 26 bekräftigt. „Er existiert seit 2008 und erkennt das Recht auf Bildung für behinderte Menschen an“, sagt Zoe. Und Benjamin fügt den Satz hinzu, den er auch im Stück vorträgt: „Ohne diesen Beschluss wäre ich nicht in Eurer Klasse. Ich wäre an einer Förderschule, die früher Sonderschule genannt wurde.“ Diese Worte fallen gegen Ende des Stücks, und wenn Benjamin sie sagt, steht er mit seinem Rollstuhl ganz vorn auf der Bühne.

„Unser Theaterlehrer hat auch die anderen Schülerinnen und Schüler mit einer Behinderung gefragt, ob wir uns zutrauen, mit dem Satz: ‚Ich wäre auch nicht hier‘ nach vorne zu treten“, schildert Zoe. „Obwohl die betreffenden Schülerinnen und Schüler damit ihren Förderstatus outen, waren alle auf Anhieb damit einverstanden“, betont Klassenlehrer Thomas Bischoff. Das knapp zehnminütige Stück schließt mit einem von der Schülerin Belinda Frey selbst verfassten Song, der um Verständnis und Anerkennung für andere wirbt.

Nachdem der Theatertext stand, ging es an die Rollenverteilung und die Proben. Manche Sätze waren nicht leicht zu sprechen, da sie die juristische Sprache der Grundrechte wiedergeben. Bei den Proben halfen die Schülerinnen und Schüler sich gegenseitig und jeder konnte dabei seine Fähigkeiten einbringen. „Ich kann mir Texte schnell merken“, erklärt Benjamin. „Ich musste für meine Sätze länger üben“, sagt Aniston Kula Papa (15). Doch dann konnte er sie mit seiner kräftigen Stimme überzeugend rüberbringen. „Es zeigte sich schon bei den Vorbereitungen, dass Inklusion in der Profilklasse wirklich gelebt wird“, sagt Timo Gerdes.

Die Aufführung am 4. Februar 2019 in der Apostelkirche war ein gelungenes Ereignis. Das Publikum bedankte sich mit großem Applaus bei den jungen Schauspielerinnen und Schauspielern. Auch eine Aufführung in der Schule fand positive Resonanz. „Während sich die Zuschauer in der Kirche mit dem Thema schon etwas auskannten, war es für die Schülerinnen und Schüler eher etwas Neues und sie haben, wie ich damals, einiges über die Menschenrechte erfahren können“, befindet Enya. „Die Botschaft unseres Stücks war ja auch, dass die Menschenrechte nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen sind, sondern dass es auch immer noch viele Konflikte gibt und man um die Einhaltung kämpfen muss“, erklärt Benjamin. „Aber es ist gut, dass es die Möglichkeit gibt, seine eigene Meinung zu sagen“, betont Aniston und Zoe findet, „dass wir dank dieser Rechte in einer Klasse sind, wo jeder – egal wie er ist – eine Bereicherung ist.“