„Wer nichts über die Vergangenheit weiss, kann auch nichts über die Zukunft wissen.“

Die 24 Schülerinnen und Schüler einer Berufsvorbereitungsklasse für Migranten erarbeiteten sich die deutsche Sprache und Geschichte mit einem komplexen Thema. In ihrem Literaturkurs befassten sie sich mit dem Thema „Holocaust und Faschismus“.

Für Mustafa, Ionut, Simona, Kamil und die Mitschülerinnen und Mitschüler des Literaturkurses der Gewerbeschule 8 (G 8) war es eine ehrenvolle Aufgabe: In der Stadtteilbuchhandlung „Seitenweise“ schauten sie sich nach lesenswerten Büchern um, die für die Schulbibliothek angeschafft werden sollten. Kamil-Burak Güzel suchte den Roman „Arab Boy“ aus, der von Rassismus handelt. Ionut- Mircea Boldea griff nach dem Buch „Kind im Niemandsland“. Es schildert die Verfolgung eines jüdischen Jungen durch die Nazis. Anhand dieser und weiterer Buchvorschläge entschieden sich die Jugendlichen schließlich auch für das Thema, mit dem sie sich in ihrem Literaturkurs ein Schulhalbjahr lang befassen wollten: Holocaust und Faschismus.

Damit hatten sich die 24 Schülerinnen und Schüler des Kurses ein anspruchsvolles Thema ausgewählt, denn die Jugendlichen sprachen erst seit anderthalb Jahren Deutsch. Sie stammen aus unterschiedlichen Ländern wie Rumänien, Chile, Guinea oder Indien und besuchten gemeinsam eine der Berufsvorbereitungsklassen für Migranten (die BVJM-Klasse) an der G 8. Hier lernten die 17- bis 20-Jährigen Deutsch und versuchten gleichzeitig in zwei Jahren ihren Haupt- oder Realschulabschluss zu erwerben. Um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern, hatten die Jugendlichen im Schuljahr 2010/11 zu ihren üblichen Schulfächern den Neigungskurs Literaturwerkstatt belegt.

„Mein Opa war Soldat im Zweiten Weltkrieg und hat einiges erzählt, aber ich wollte noch mehr darüber wissen, was in Deutschland und Rumänien passiert ist“, erklärt der in Rumänien geborene Ionut-Mircea Boldea, 19, sein Interesse für das Thema. Die Schwestern Simona, 18, und Este Gendelman, 19, aus Russland wollten ebenfalls vertiefen, was sie von ihrem Opa und durch die jüdische Gemeinde bereits erfahren hatten. „Wir besuchten während einer Holland-Fahrt das Anne- Frank-Museum, das Schicksal des jüdischen Mädchens hat mich sehr bewegt“, berichtet Simona. Anderen Schülerinnen und Schülern, wie etwa den aus dem Irak stammenden Zwillingen Mustafa und Noor Raad Salih, 18, waren die dunklen Kapitel deutscher Geschichte kaum bekannt. „Wir haben in der Schule nicht gelernt, wer Hitler war“, so Noor Raad.

Kursleiterin Marianne Marheineke entwickelte mit den Schülerinnen und Schülern ein detailliertes Kursprogramm, um sich dem Thema von verschiedenen Seiten zu nähern. Zu Beginn beschäftigten sich die Jugendlichen mit der Frage: „Was ist eine Diktatur?“ Sie recherchierten in der Bücherhalle, informierten sich bei einem Vortrag von Amnesty International über Menschenrechte und sahen ein Theaterstück über rechtsextreme Gewalt. Und sie setzten sich in mehreren Einheiten intensiv mit den Geschehnissen im Hitler- Deutschland auseinander.

Dann schauten sich die jungen Leute auf den Straßen in ihrer Schul- und Wohngegend nach Stolpersteinen um und informierten sich auf der Internetseite (www.stolpersteinehamburg. de) über die Menschen, an die die Gedenksteine erinnern. Sie besuchten die Gedenkstätten in Neuengamme und am Bullenhuser Damm. „Es hat mich erschüttert, als ich erfuhr, wie die Kinder in der Schule Bullenhuser Damm gefangen gehalten und ermordet wurden“, sagt Mustafa Raad Salih. Seine Schwester Noor hat auch der Besuch der Ausstellung „Schule unterm Hakenkreuz“ im Schulmuseum nachdenklich gemacht: „Die Schüler wurden zum Sport und zum Fahnenappell gezwungen, sie hatten keine Freiheit und wir wissen nach den Erfahrungen in unserer Heimat, wie wertvoll es ist, in Freiheit leben zu können“, erklärt Noor. Die Geschwister waren mit ihren Eltern aus dem Kriegs- und Krisengebiet Irak ins Ausland geflohen.

Zu einem tiefen Verständnis der Thematik gelangten die Schülerinnen und Schüler durch die Gespräche mit Zeitzeugen. So trafen sie an der Israelitischen Schule Steffi Wittenberg, die dort zur Schule gegangen war, bevor sie mit der Familie vor den Nazis ins Exil nach Uruguay flüchtete. Die 86-Jährige beeindruckte die Jugendlichen mit ihrem lebenslangen Engagement gegen Unterdrückung. Sie war für die „black people“ aktiv und setzt sich auch heute gegen Rassismus ein. Auf einer Podiumsdiskussion begegneten die Schülerinnen und Schüler auch der engagierten Autorin, Reporterin und Schauspielerin Peggy Parnass, die als Fünfjährige mit einem Kinder-Transport aus Nazi-Deutschland nach Schweden geflohen war. „Wir haben mit ihr über das Weggehen aus der Heimat gesprochen und dass man nie vergessen kann, was passiert ist“, erzählt Ionut-Mircea Boldea.

Der Zeitzeuge Avner Gruber folgte der Einladung der Jugendlichen zu einem Gespräch in ihrer Schule. Sie hatten zuvor das Buch „Kind im Niemandsland“ von Ursula Brauer gelesen. Es basiert auf den Erinnerungen des gebürtigen Rumänen, der heute in Hamburg lebt. „Er kam als Junge in ein KZ und wir haben ihn gefragt, wie er diese schwere Zeit überleben konnte“, erinnert sich Ionut. „Er hat uns erzählt, dass er lange nicht darüber sprechen konnte, erst als seine Kinder ihn nach seinen Erlebnissen fragten, begann er alles aufzuschreiben“, berichtet Simona Gendelman.

Die Schülerinnen und Schüler wollten sich zu alledem selbst engagieren. Sie hörten einen Vortrag der Sozialarbeiterin Neda Abdolalivon der Initiative Jugendliche ohne Grenzen (JOG). „Die Initiative setzt sich für Menschenrechte und Rechte von jugendlichen Flüchtlingen ein. Die wollten wir unterstützen“, erklärt Ionut. So begannen die Jugendlichen, von denen viele ihre Heimat aus politischen Gründen verlassen mussten, mit einer Spendensammlung. Sie organisierten einen Flohmarkt und verkauften Bücher, die ihnen Lehrkräfte gespendet hatten. Und sie veranstalteten eine Solidaritätsparty. Den Erlös beider Aktionen in Höhe von 435 Euro übergaben sie Neda Abdolali für die Initiative.

Zum Ende des Kurses stand ein literarischer Abend auf dem Programm. Die jungen Leute stellten Texte zum Thema „Holocaust und Faschismus“ zusammen und trugen sie auf einer öffentlichen Lesung in der Buchhandlung „Seitenweise“ vor. Zu den Gästen zählten unter anderen Avner Gruber, Steffi Wittenberg und Neda Abdolali. Die Herausforderung, Texte vor einem größeren Publikum vorzutragen, meisterten die Schülerinnen und Schüler mit Begeisterung. Este Gendelmann hatte zudem einen Essay geschrieben. Darin ging es ihr um die Erinnerung an die unschuldig Verfolgten der NS-Zeit. Ihre wichtigste Erkenntnis aus dem Literaturkurs fasst sie mit einem Spruch aus Russland zusammen: „Wer nichts über die Vergangenheit weiß, kann auch nichts über die Zukunft wissen.“