VON HAMBURG NACH MAJDANEK

Im März 2018 besuchten Schülerinnen und Schüler des Lise-Meitner-Gymnasiums die KZ- Gedenkstätten Majdanek und Belzec in Polen. Dort verfolgten die Nazis ihre Vernichtungsaktionen gegen Juden. An den Gräueltaten beteiligten sich auch Polizisten aus Hamburg. Zwölf Jugendliche verarbeiteten ihre Erkenntnisse über die Verbrechen und die Täter in drei Kurzfilmen

  • NACHGESPÜRT: SCHÜLERINNEN UND SCHÜLER RECHERCHIEREN GEMEINSAM MIT LEHRERIN SUSANNE EHLERS UND FOTOGRAFIN GISELA FLOTO.

NACH DEM ÜBERFALL AUF POLEN 1939 ERRICHTETE DIE NATIONALSOZIALISTEN AUF DEM BESETZTEN GEBIET EIN GENERALGOUVERNEMENT UND BEGANNEN MIT DER SYSTEMATISCHEN AUSBEUTUNG UND ERMORDUNG DER POLNISCHEN BEVÖLKERUNG, INSBESONDERE DER JUDEN, ABER AUCH DER SINTI UND ROMA. ES WURDEN MEHRERE KONZENTRATIONS- UND VERNICHTUNGSLAGER ERRICHTET. DAZU GEHÖRTE DAS VERNICHTUNGSLAGER BELZEC IM SÜDOSTEN POLENS IN DER NÄHE VON LUBLIN. „HIER WURDEN 1942 SCHÄTZUNGSWEISE 450.000 BIS 650.000 MENSCHEN ERMORDET, DARUNTER PRIMÄR JUDEN“, HEISST ES IN DEM FILM „MASSENMORD IN BELZEC“, DEN VIER SCHÜLER DES LISE-MEITNER-GYMNASIUMS NACH DEM BESUCH DER KZ-GEDENKSTÄTTE GEDREHT HABEN. DER FILM VON FELIX MINKOWITSCH (17), LUISA TOSCHKE (17), MALGORZATA (GOSIA) SZUBA (16) UND TOMASZ ASZYK (18) WAR NICHT DER EINZIGE, DER NACH EINER REISE IM MÄRZ 2018 NACH POLEN ENTSTANDEN IST. ACHT WEITERE SCHÜLER DREHTEN ZWEI FILME ÜBER MITTÄTER AN MASSAKERN UND ERMORDUNGEN IM KZ MAJDANEK. AN DEN GRÄUELTATEN WAREN MITGLIEDER DER HAMBURGER RESERVE-BATAILLONS 101 BETEILIGT.

Insgesamt hatte sich eine Gruppe von 20 Schülerinnen und Schüler des Lise-Meitner-Gymnasiums gemeinsam mit Gesichtslehrerin Susanne Ehlers und Fotografin Gisela Floto im März 2018 in den Südosten Polens aufgemacht. An der freiwilligen Reise beteiligten sich Schüler des Hauptkurses „Handelsorientierte Gesellschaftswissenschaften und vier Schüler des Geschichtskurses des 10. Jahrgangs. Sie besuchten die Stadt Lublin, die einst ein großes jüdisches Zentrum besaß und die ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager Belzec und Majdanek. „Zur Vorbereitung hatten wir uns mit der Verfolgung der Juden während der NS-Zeit in Hamburg beschäftigt und eine Ausstellung in der Israelitischen Töchterschule besucht“, sagt Luisa. Weil die Reise mit Bildern dokumentiert werden sollte, arbeiteten sich die Schüler in einem Workshop der Fotografin Gisela Floto in das Gebiet des Fotografierens und Filmens ein. Zum Abschluss des Projektes sollten die fertigen Filme auf einer Schulveranstaltung präsentiert werden.

Erst vor Ort begannen die Schüler das Ausmaß der NS-Grausamkeiten ansatzweise zu begreifen. In der Gedenkstätte des Lagers Majdanek, das anfänglich ein Arbeitslager war und dann zur Tötungsstätte wurde, sind noch viele Details erhalten, wie Häftlingsbaracken, Wachtürme und das Krematorium. „Am bedrückendsten war für mich, als ich in der Ausstellung die riesigen Gitterkörbe mit Massen von Schuhen der ermordeten Menschen sah“, sagt Luisa. Im Vernichtungslager Belzec hatten die Nazis selbst viele Spuren vernichtet, aber durch die Texte und Bilder der Ausstellung und die Originalräume „stellte sich doch ein sehr intensives und düsteres Bild ein“, berichtet Felix. Das Lager hatte anfangs drei und später sechs Gaskammern. „Das Ziel war die endgültige Vernichtung der Juden im Generalgouvernement unter dem Decknamen „Aktion Reinhardt“, erläutert Luisa. Beteiligt waren daran auch Täter, die zuvor schon bei der Aktion T4, der Ermordung behinderter Menschen, mitgemacht hatten. „Über die nahe liegenden Bahngleise der Eisenbahnstrecke Lublin – Lemberg wurden die Menschen zu Hunderten in das Lager gebracht“, sagt Gosia.

In ihrem Film „Massenmord in Belzec“ wollten die Schüler die dortigen Verbrechen „so detailliert wie möglich dokumentieren, aber auch ihren persönlichen Eindruck von dem Ort wiedergeben.“ So wechseln sich Bilder vom Außengelände des Lagers in Schwarz-Weiß-Aufnahmen ab mit Fotos aus der Ausstellung. Zu den Bildern wird nicht nur ein Text gesprochen, sondern sie werden auch mit Musik unterlegt – mit der Titelmelodie aus dem Film Schindlers Liste. Besonders beeindruckt hat die Schüler ein „gewaltiger, leerer Raum mit Hall und hohen Decken, fast ohne Licht, nur eine Gedenktafel befindet sich dort. Es war ein beeindruckendes Kunstwerk, um die Leere zu erfahren und das Fehlen jeglicher Menschlichkeit“, sagt Felix. Auch dieses Bild setzen sie in ihrem Film ein, und es gelingt ihnen in ihrem Sechs-Minuten-Stück eine Vermittlung von historischen Fakten und der eigenen Betroffenheit angesichts des Ortes: „Wir sind überwältigt von der Inhumanität und Brutalität“ kommentiert der Sprecher im Film die Ereignisse. „Uns war es wichtig, auf die Grausamkeiten der Nazis aufmerksam zu machen, damit die Vergangenheit nicht vergessen und solche Untaten nicht noch einmal zugelassen werden“, sagt Felix.

Warum Menschen zu Tätern werden, dieser Frage gingen die beiden anderen Film-Gruppen nach. Eine besondere Rolle spielte das Hamburger Reserve-Polizei-Bataillon 101. „Es war Teil der Ordnungspolizei und bestand aus Männern mittleren Alters. Obwohl sie es nicht mussten, haben sie sich an Deportationen und Ermordungen von Juden beteiligt“, sagt Sophie Michaelsen (16). Ihre Gruppe mit den Mitschülern Ella Lütkebohle (17), Calvin Klein (17) und Luisa Brosdetzko (17) stellte in einer Kurz-Dokumentation den „Täter Julius Wohlauf im Lager Majdanek“ vor. Er war überzeugter Nazi, wollte ursprünglich Sport- und Geschichtslehrer werden, ging aber als Offiziersanwärter zur Schutzpolizei. „Wir haben unter anderem im Staatsarchiv über seine Person recherchiert, dort gibt es einen dicken Ordner über ihn“, sagt Ella. Aus seiner Offizierslaufbahn wurde nichts. In seinem Polizeizeugnis ist zu lesen, dass er ein „lebhafter gewandter Mann mit fast guter geistiger Veranlagung und ungesundem Ehrgeiz“ war. Man bescheinigte ihm eine ausgesprochene „Führerveranlagung“. Dieses Dokument wird im Film ebenso gezeigt, wie ein Foto von ihm in heiterer Runde mit Frauen und Kollegen.

„Das Foto eines scheinbar normalen Menschen steht seinen entsetzlichen Taten gegenüber“, sagt Sophie. Denn er war an mehreren Massakern beteiligt, darunter auch an dem Massaker von Jozefow am 13. 7. 1942. „Er suchte die Plätze für die Hinrichtungen im Wald aus, dort wurden rund 1.500 unschuldige Juden erschossen“, sagt Ella. Im Film analysierten die Schüler, dass „Gruppenzwang und der Wunsch nach Achtung“ die Mitglieder des Polizeibataillons 101 zu ihren Taten führte. Sie kommen zu dem Schluss: „Bald wurden die Massentötungen nur noch als Arbeit empfunden. Manche sahen sich sogar als Erlöser, wenn sie die Kinder bereits ermordeter Eltern töteten.“ Nach dem Krieg ging Julius Wohlauf zurück in den Polizeidienst, erst 1967 wurde er für seine Taten verantwortlich gemacht. Für die Beihilfe zum Mord an 9.200 Menschen wurde er „nur zu acht Jahren Gefängnis verurteilt“, sagt Sophie. In ihrer Doku, die neben Fotos und Quellen zu Wohlauf auch Bilder zu den Opfern zeigt, erklären die Schüler, dass sie zwar den Beweggründen des Täters nachgehen, seine Taten jedoch nicht rechtfertigen wollten. Sie lassen ihren Film mit der Widmung enden: „Im Gedenken an die Opfer.“

Warum ein anderes Mitglied des Reserve-Polizei-Bataillons 101 zum Täter wurde, konnten die Schüler Henri Gnutzmann (17), Erdi Sayar (17), Kai Dietrich (17) sowie Jan-Lukas Rohde (16) nicht herausfinden. In ihrer Dokumentation „Heinz Bumann – ein ganz normaler Mensch“ gingen sie den Spuren des Hamburger Holzmaklers nach. „Er hatte eine erfolgreiche Firma, war finanziell unabhängig, hatte nichts gegen Juden“, sagt Henri. Doch auch er wurde zum Täter unter anderem beim Massaker von Jozefow. „Er hat die Beteiligung an den Morden zunächst verweigert, aber er hat sie auch nicht verhindert“, so Erdi. Auch über ihn fanden die Schüler Akten im Staatsarchiv. Heinz Bumann wurde 1948 für seine Mittäterschaft zu acht Jahren Haft verurteilt. In ihrem Film arbeiten die Schüler mit vielen symbolischen Bildern. Das Porträt von Heinz Bumann flechten sie ein, in den Blick auf das mit Lagerzäunen umgebene Gelände der Gedenkstätte Majdanek. Während der Reise lag Schnee und es war sehr kalt, was die Atmosphäre dieses besonderen Ortes in allen Filmen noch einmal heraushebt.

Alle Schüler hatten nach der Reise selbstständig und teils nur in ihrer Freizeit an ihren Filmen gearbeitet. Bei der Vorführung ihrer Werke in der Schulveranstaltung kamen sie alle gut an. „Die meisten Zuschauer waren emotional sehr berührt“, sagt Gosia. Auch die Schüler selbst haben viel mitgenommen aus dem Projekt. „Jeder der damals nichts getan hat, ist mitverantwortlich. Und heute sollte jeder auf seine Handlungen schauen, und dafür sorgen, dass so ein Unrecht nicht wieder passiert“, sagt Sophie. „Nur weil viele Leute eine gewisse Meinung vertreten, sollte man unabhängig bleiben und seinem eigenen Gewissen folgen“, ergänzt Erdi.

Für den Bertini-Preis haben sich die Schüler erst nach Abschluss der Filme beworben, dass sie ausgezeichnet wurden, freut sie umso mehr. Mit einem Teil des Preisgeldes wollen die Schülerinnen und Schüler einen Stolperstein für Lise Meitner finanzieren. Die Namensgeberin ihrer Schule war eine jüdische Kernphysikerin, die 1938 vor den Nazis nach Schweden floh.