Lasst Euch nicht einschüchtern
 
Solidarität mit der jüdischen Gemeinde

Solidarität mit der jüdischen Gemeinde

Bertinipreisprojekt ‚Solidarität mit der jüdischen Gemeinde‘ des Gymnasiums Kaiser-Friedrich-Ufer. Die Schüler Carlotta, Alva, Sarah, Malte und Lino
Kultur, Foto:Andreas Laible / Funke Foto Services

Nach dem Angriff auf einen jüdischen Studenten vor der Synagoge Eimsbüttel war das Entsetzen auch im nahegelegenen Gymnasium Kaiser-Friedrich-Ufer groß. Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte wollten ein Zeichen setzen und drehten ein Video mit einer Solidaritätsbekundung für die jüdische Gemeinde.

„Wir sind eure Nachbarn, wir fühlen mit euch.“ „Wir verurteilen jegliche Gewalt gegen jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger.“ „Gemeinsam gegen Antisemitismus.“ Mit diesen und weiteren Statements drücken Schülerinnen und Schüler des Gymnasium Kaiser-Friedrich-Ufer in ihrem aus aktuellem Anlass produzierten Video ihre Solidarität mit der jüdischen Gemeinde in Hamburg aus. Es entstand Anfang Oktober 2020 als Reaktion auf die Attacke vor der Synagoge in Eimsbüttel. Dort war ein jüdischer Student von einem jungen Mann mit einem Klappspaten angegriffen und schwer verletzt worden. Der Angreifer trug Tarnkleidung und handelte aus mutmaßlich rechtsradikalen Motiven. Er hatte einen Zettel mit einem Hakenkreuz bei sich. Der Täter zeigte auch psychische Auffälligkeiten und wurde deshalb in die Psychiatrie eingewiesen. „Doch entscheidend ist, dass er ein antisemitisches Klima gespürt hat, dass es ihm scheinbar erlaubt, so zu handeln“, sagt Schulleiter Arne Wolter.

Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler sowie Eltern des nahegelegenen Gymnasiums Kaiser-Friedrich-Ufer waren schockiert über diesen Angriff, der sich fast ein Jahr nach dem rechtsradikalen Angriff auf eine Synagoge in Halle mit zwei Toten ereignete. „Es hat uns alle sehr getroffen“, erzählt Sarah Sidi (16) vom Schulsprecherteam. „Die jüdische Gemeinde liegt rund 200 Meter von unserer Schule entfernt, uns hat das alle schockiert, auch weil es so nah war“, ergänzt Malte Kreyer (17) vom Schulsprecherteam. „Es war der gesamten Schule ein Bedürfnis, ein Zeichen zu setzen und unsere Solidarität zu bekunden“, sagt Schulleiter Arne Wolter. Das sah das Schulsprecherteam auch so und griff den Vorschlag von Lehrer Jan Schumann auf, eine Videobotschaft zu erstellen. „Wegen der Corona-Schutzmaßnahmen war ein Video das geeignetste Mittel“, erläutert Jan Schumann.

Das Schulsprecherteam informierte die Schülerinnen und Schüler aller Jahrgangsstufen über das geplante Projekt, dass innerhalb von vier Tagen fertiggestellt werden sollte. „Es war ja in den Herbstferien passiert und wir wollten gleich zu Schulbeginn eine Reaktion zeigen“, erklärt Carlotta Latour (15). Vorgegeben war nur das Format Video, bei der Gestaltung der Videobotschaften hatten die Jugendlichen freie Hand. „Wir konnten sehr viele Schülerinnen und Schüler aktivieren, viele wollten mitmachen, was uns sehr gefreut hat“, berichtet Sarah. Rund 20 Klassen sowie Schülerinnen und Schüler aus der Oberstufe und übergreifenden Kursen beteiligten sich an dem Projekt. „Mit gut 400 Schülerinnen und Schülern war rund die Hälfte der Schule dabei“, berichtet Schulleiter Arne Wolter. „Es ging gar nicht mehr um die Frage, warum wir das Video drehen, sondern nur noch wie“, erinnert sich Alva Klauss (17).

Es entstanden Szenen, in denen Schülerinnen und Schüler einzeln oder in Gruppen ihre Solidarität in unterschiedlicher Form ausdrückten: Siebtklässlerinnen und Siebtklässler etwa, die sich im Klassenraum mit einem gemeinsamen Aufruf gegen Antisemitismus wendeten, Schülerinnen und Schüler aus den neunten Klassen, die mit ihren Körpern ein Peace-Zeichen auf dem Schulhof formten, oder Oberstufenschülerinnen und -schüler, die ihre Solidarität vor der Synagoge in verschiedenen Sprachen bekundeten. Es gab Aufrufe zu Gemeinschaft, Vielfalt und Unterstützung sowie die Forderung, dass sich niemand aufgrund seiner Religion, Nationalität und Sexualität fürchten müsse und dass Antisemitismus keinen Platz in der Gesellschaft habe. Jüngere Schülerinnen und Schüler bekräftigten in unterschiedlichen Sprachen, dass sie alle verschieden seien und dass dies ein Reichtum sei. Ältere Schülerinnen und Schüler nannten Zahlen, die verdeutlichen, wie stark Vorurteile gegen Juden in der Gesellschaft noch vorhanden sind. Der sechsminütige Film ist mit sanften Klavierklängen unterlegt und schließt mit den Worten: „Wir stehen hinter euch. Zusammen gegen Antisemitismus. Bleibt stark!“

Das Schulsprecherteam hat das Video der jüdischen Gemeinde im November in einer kleinen Zeremonie in der Schulaula übergeben. Weil es sogar bis nach Israel gelangte, haben die Schülerinnen und Schüler noch eine Version mit englischen Untertiteln produziert. „Das Video hat mich auch persönlich sehr berührt, besonders dass auch die jüngeren Schülerinnen und Schüler sich mit dem Thema so intensiv auseinandergesetzt haben. Wir wollten mit dem Video aber auch andere Jugendliche erreichen, damit sie sich ihrer Vorurteile bewusst werden“, erklärt Carlotta. Denn Vorurteile seien in der Gesellschaft noch viel zu breit vorhanden. Das Produzieren sei unter der Einhaltung der Corona-Schutzregeln nicht so einfach gewesen, von ihrer Mission hat es die Jugendlichen jedoch nicht abgehalten.

Sie freuen sich darüber, dass das Ergebnis so vielfältig geworden ist und dass so viele Schülerinnen und Schüler mitgemacht haben, dass auch Lehrkräfte vor die Kamera getreten sind und andere ihre Unterrichtszeit spontan für den Dreh zur Verfügung gestellt haben. „Das Video hat mir Hoffnung gemacht, auch wenn es noch ein langer Weg ist, gegen Antisemitismus zu kämpfen“, bekennt Malte. „Und es war auch entscheidend, den Betroffenen im Moment der Hilflosigkeit beizustehen“, betont Lino Goldbeck (16).

Dass die spontane Bewerbung für den BERTINI-Preis erfolgreich war, freut die Schülerinnen und Schüler. „Durch den Preis wird das Video noch etwas weiter bekannt und damit unsere Botschaft, sich gegen Antisemitismus zu wehren“, sagt Carlotta.

Film auf der Homepage des Kaifu Gymnasiums

Solidarität mit der Jüdischen Gemeinde