RAPPEN FÜR MEHR MENSCHLICHKEIT

Die Klasse 7b des Gymnasiums Kaiser-Friedrich-Ufer nahm gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern einer Internationalen Vorbereitungsklasse und weiteren Freunden ein Musikvideo auf. Botschaft ist die klangvoll in Szene gesetzte Aufforderung, Vorurteile und Ausgrenzung zu überwinden.

»WIR WOLLTEN MAL WAS MIT EINER MESSAGE MACHEN UND ALLES AUFSCHREIBEN, WAS BESSER SEIN SOLL IN DER WELT«, SAGT JONAS (12). DER SCHÜLER DES GYMNASIUMS KAISER-FRIEDRICH-UFER IN EIMSBÜTTEL IST EINER VON 30 SCHÜLERINNEN UND SCHÜLERN AUS DER KLASSE 7B, DIE GEMEINSAM MIT SCHÜLERINNEN UND SCHÜLERN EINER INTERNATIONALEN VORBEREITUNGSKLASSE (IVK) EIN MUSIKVIDEO MIT EIGENEM SONG KONZIPIERT UND AUFGENOMMEN HABEN. IN IHREM SONG RUFEN SIE ZU MEHR MENSCHLICHKEIT AUF UND WENDEN SICH GEGEN VORURTEILE UND AUSGRENZUNG. Und so sind in dem Video ebenso fröhlich wie nachdenklich rappende Kinder und Jugendliche zu sehen. Sie stammen aus verschiedenen Kulturen, aber sie haben eine gemeinsame Botschaft. »Hey, ganz egal, wer du bist oder was dir gefällt: Eigentlich ist nur wichtig, dass man zueinander hält«, lautet ein Vers ihres Liedes. Er soll deutlich machen, »dass wir alle gut miteinander leben können und dass alle Menschen gleichberechtigt sind«, erklärt Jonas. 

RAPPEN FÜR MEHR MENSCHLICHKEIT: MUSIKPÄDAGOGIN URSULA RICHTER BEI EINER PROBE MIT IHREN SCHÜLERINNEN UND SCHÜLERN.

Auf die Idee zu ihrem »Humanity Rap« kamen die Siebtklässler anlässlich der 125-Jahr-Feier ihrer Schule. »Wir hatten schon einmal
ein Video gedreht, da ging es um das Leitbild unserer Schule. Jetzt wollten wir etwas zu Menschenrechten und Gerechtigkeit machen«, berichtet Bennet (12). Bei diesem Thema lag es auf der Hand, die Schülerinnen und Schüler der damaligen Internationalen Vorbereitungsklasse, die inzwischen Regelklassen besuchen, mit einzubeziehen.
Zu den Kindern und Jugendlichen aus Flüchtlings- und Einwandererfamilien, die aus so verschiedenen Ländern wie Afghanistan, Syrien, Bosnien, Kroatien, Estland, China oder Vietnam stammen, hatten einige Schülerinnen und Schüler schon einen guten Kontakt. So war es nicht schwer, sie zum Mitmachen zu motivieren. »Wir fanden das sehr passend zu zeigen, dass wir ja auch mit verschiedenen Kulturen zusammenleben«, sagt Milli (13). Da die IVK-Kinder und -Jugendlichen noch dabei waren, Deutsch zu lernen, fanden die Schülerinnen und Schüler auch für diejenigen, die die Sprache noch nicht so gut beherrschten, eine Lösung: »Wer noch Schwierigkeiten bei der Aussprache hatte, konnte auch einfach
nur mittanzen«, erklärt Milli. Und auch besondere Fähigkeiten wurden gewürdigt: »Ein Junge hatte den Beatbox ziemlich gut
drauf, der hat den Grundrhythmus gemacht«, berichtet Bennet.

Bevor es an die Aufnahme des Videos ging, mussten erst einmal Inhalte und Melodie erdacht werden. Um den Songtext zu schreiben, sammelten die Schülerinnen und Schüler der »Textgruppe« alles, was sie aktuell gerade beschäftigte und erschütterte. Das waren im vergangenen Jahr etwa die von US- Präsident Donald Trump ausgerufene Abschottungspolitik für sein Land, die rechten Sprüche von AfD-Politikern, die Ausgrenzung von Flüchtlingen und Obdachlosen. Nach dem Brainstorming und ersten Textzeilen entstanden dann Strophen mit Passagen wie: »Magst du Döner oder Eis, bist du schwarz oder weiß? – Hast du überm Kopf ein Dach? Oder liegst du draußen wach?« – »Darfst du deine Meinung sagen? Oder wirst du dann geschlagen?« Egal, in welcher Situation sich die Menschen befinden, im Refrain kommen die Schülerinnen und Schüler zu dem Schluss: »Hey, ganz egal, wer du bist oder was dir gefällt: Wir sind alle Menschen auf derselben Welt.«

MUSIKALISCH ÜBERZEUGEN: 56 SCHÜLERINNEN UND SCHÜLER ÜBEN FÜR DEN HUMANITY RAP.

Während die Texte entstanden, entwickelte die »Melodiegruppe« die Akkorde dazu. Einige Schülerinnen und Schüler spielen selbst
Instrumente und so wurden für den Song auch Klavier, Saxofon, Gitarre und Trompete aufgenommen. »Die Tonaufnahmen haben wir in einem kleinen privaten Tonstudio eines ehemaligen Schülers unserer Schule gemacht«, berichtet Matilda H. (13). Und weil sie für ihr Musikvideo auch passende Kulissen brauchten, überlegten sich die Schülerinnen und Schüler, an welchen Orten in Hamburg die einzelnen Szenen am besten gedreht werden konnten. »Eine Szene haben wir vor der Elbphilharmonie gedreht, weil es ein internationaler Platz ist, wo sich viele Leute begegnen und viele Touristen sind«, erläutert Matilda L. (12). Andere Szenen entstanden am Altonaer Balkon, auf dem Schulhof oder vor einem syrischen Restaurant im Stadtteil. »Es sollten Orte sein, wo man Gemeinschaft zeigen kann«, erklärt Milli. Die Schülerinnen und Schüler hatten sich
alle Aufgaben vorher gut überlegt, etwa auch angefragt, ob sie an Plätzen wie der Elbphilharmonie drehen dürfen. »Sie haben alles völlig selbständig geplant und umgesetzt«, betont Klassenlehrerin Ursula Richter.
In einigen Video-Sequenzen wird über Ausgrenzung und deren Überwindung nicht nur gesungen, sondern sie wird auch dargestellt: Da werden etwa zwei Kinder von einer Fußball spielenden Gruppe auf dem Schulhof ausgeschlossen. Im Text heißt es dann: »Schau nicht weg, schau dir an, wie man was verändern kann! Gerade hier, auch bei dir, steht der Flüchtling vor der Tür.« – »Sag nicht nein, sei kein Schwein, lass ihn einfach zu dir rein! Ist dein Haus auch zu klein, lass ihn in dein Herz hinein!« Und dann dürfen die beiden Kinder auf dem Schulhof schließlich mitspielen. Auch auf die unterschiedliche Herkunft der Kinder und Jugendlichen geht das Video ein. Weil viele arabisch sprechende Kinder bei dem Song mitgemacht haben, entschied die Klasse spontan, den Refrain zum Schluss auch einmal auf Arabisch zu wiederholen. »Wir hatten ein syrisches Mädchen dabei, das uns die richtige Aussprache der arabischen Wörter beigebracht hat«, erzählt Milli.

Weil die Schülerinnen und Schüler mit ihrem Song möglichst viele Menschen erreichen wollten, stellten sie ihren »Humanity Rap« auf YouTube. Mit großem Erfolg: »Bislang haben schon über 2800 Nutzer das Video angeklickt«, berichtet Jonas begeistert. Riesig war auch die Freude, als die Schülerinnen und Schüler erfuhren, dass ihr Projekt mit dem BERTINI-Preis ausgezeichnet wird. »Wir haben intensiv diskutiert, wofür wir das Preisgeld ausgeben wollen«, sagt Jonas. Die Klasse beschloss schließlich, einen Teil des Preisgeldes für bedürftige Kinder zu spenden. »Wir haben gemerkt: Obwohl wir noch nicht wählen dürfen, können wir dennoch etwas bewirken«, ist Matilda L. überzeugt.