MUT IM NETZ – RISKANTE CHALLENGES, FAKE NEWS UND CYBERMOBBING

BERTINI-Tag 2019 am Kurt-Körber-Gymnasium unter dem Motto „Safer Surfing“

Schöne neue Welt: Im Zeitalter von Fake News, YouTube, Facebook, Instagram und sogenannten Influencern ist es auch für junge Menschen eine Herausforderung, sich einen Weg durch den digitalen Informationsdschungel zu bahnen. Dass Schülerinnen und Schüler Medienkompetenz am besten durch eigene Erfahrungen erlangen, haben auch viele Schulen erkannt und bieten entsprechende Formate an. Das Kurt-Körber-Gymnasium (KKG) in Hamburg-Billstedt veranstaltete kurz vor den Sommerferien 2019 den inzwischen 5. BERTINI-Tag unter dem Motto „Mut im Netz“. Jugendliche aus der 10. und 11. Jahrgangsstufe organisierten diesmal verschiedene Workshops zum Thema „Safer Surfing“. Die Veranstaltung begann mit einer Lektion, die wohl keiner so schnell vergessen wird.

Nach der morgendlichen Begrüßung in der Aula durch Schulleiter Christian Lenz und der Vorstellung des Programms begann der Tag mit einem Paukenschlag. Alle warteten gespannt darauf, dass die Gewinner der ersten „BERTINI-Tag-Verlosung“ bekanntgegeben werden. Drei Glückspilze sollten in den Besitz eines nagelneuen iPad 2018 kommen. Vor der Namensverkündung wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Preisausschreiben gebeten, sich auf die linke Seite der Aula zu stellen. Nur wenige Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte, die nicht per Unterschrift teilgenommen hatten, verblieben auf der rechten Seite.

Dann platzte die Bombe: Es gab überhaupt keine Verlosung, stattdessen sammelte eine Schülerin die Smartphones der verdutzten Gewinnspielteilnehmerinnen und –teilnehmer ein. Dazu hatten sich diese mit ihrer Unterschrift unter den Allgemeinen Geschäftsbedingungen verpflichtet. Dieser verlockenden „Fake-Verlosung“ waren nicht nur zahlreiche Schülerinnen und Schüler, sondern auch einige Lehrkräfte auf den Leim gegangen. Ganz unten in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB), die mit einem Beamer auf die Bühnenwand geworfen wurden, stand ganz deutlich, dass die mobilen Geräte der Unterschreibenden vom KKG eingezogen werden und eine Verlosung überhaupt nicht stattfinden wird. Reingefallen! Aber Hand aufs Herz: Wer von uns liest denn genau sämtliche Seiten der AGB, die uns von Amazon, Google und Co. vorgelegt werden?

Mit unseren Unterschriften und unserer Einverständniserklärung erteilen wir oft den Firmen unbeabsichtigt die Erlaubnis, mit unseren Daten Geschäfte zu machen. Was also tun? Das Internet ist aus unserem täglichen Leben nicht mehr wegzudenken. Die Antworten auf viele Fragen „googeln“ wir inzwischen ganz selbstverständlich, buchen Reisen online oder kommunizieren mit Freunden und Bekannten aus aller Welt über Social Media. Jeder Fünfte wurde im Internet allerdings auch schon beleidigt, anonym denunziert oder sexuell belästigt. Ob Mobbing, unerlaubt gepostete private Fotos, Darstellungen von Gewalt und Sex: Im Internet finden junge Menschen nicht nur putzige Katzenvideos, sondern auch Verstörendes oder Verführerisches. Eine Online-Abstinenz ist aber auch keine wirkliche Option.

Die Hauptintention der 15 Schülerinnen und Schüler des Profils Medien, die den 5. BERTINI-Tag organisiert hatten, bestand jedoch nicht darin zu vermitteln, woran die Gefahren erkannt werden und wie sich jeder Einzelne davor wappnen kann, sondern eher darin, anderen Internetnutzern helfen zu können. Deswegen wurde in den anschließenden Workshops, die von den Organisatoren geleitet wurden, der Fokus auf die Kommunikation und Information über couragierte Wege und Mittel im Internet gelegt, damit jede bzw. jeder selbst die Initiative ergreifen kann, um das Internet sicherer zu machen.

DATENSCHUTZ?
SCHÜLERINNEN UND SCHÜLER PRÜFEN DIE SICHERHEIT IHRER PERSÖNLICHEN DATEN.
FOTO: SABINE DEH

Ganz nah an der Realität im Internet waren dann auch die Themen, die die jugendlichen Organisatoren für den diesjährigen BERTINI-Tag vorbereitet hatten. In den sechs Workshops ging es um Themen wie „Verschwörungstheorien“, „Manipulation durch Medien“ oder „Totale Überwachung“. Die Gruppe „Mut im Netz“ beschäftigte sich mit dem Datenschutzgesetz und der Frage, wie weit dieses Gesetz greift. „Der Minority Report ist längst real geworden“, befürchtete Workshop-Leiterin Elif Kocak (16). Ob wir kreditwürdig sind, einen Führerschein machen dürfen oder einen Job bekommen, wird in unserer modernen Zeit häufig durch ein Punktesystem ermittelt. Die entsprechenden Daten beziehen SCHUFA, potenzielle Arbeitgeber oder die Flensburger Führerscheinstelle zu einem beträchtlichen Teil aus dem Internet. „Das ist ja gruselig. Ich habe das Gefühl, dass wir längst in einem Überwachungsstaat leben“, so ein Schüler.

Im Workshop „Lobbyismus“ schauten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine Diskussionsrunde im US-Fernsehen an, die sich mit einem geplanten neuen Gesetz beschäftigt, das den Erwerb von Waffen deutlich erleichtern soll. Drei Schülerinnen und Schüler schlüpften unter der Leitung einer Moderatorin in die Rollen eines Industriellen aus der Waffenbranche, des US-Präsidenten Donald Trump und einer Mutter, deren Sohn bei einem Amoklauf an seiner Schule ums Leben kam. Alle drei vertraten ihren Standpunkt mit starken Argumenten. Nach der beeindruckenden Vorstellung aus dem Stegreif beschäftigten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Gruppe mit der Frage, ob Lobbyismus gut oder schlecht für eine Demokratie sei. Die angeregte Diskussion wurde von den beiden Workshop-Leiterinnen Sarah Schrader und Else Hoffmann, beide 17 Jahre alt, souverän geleitet. Das Gros der Schülerinnen und Schüler war der Meinung, dass Lobbyismus für die Politik nur ein Werkzeug sei, damit andere ihre Arbeit erledigen. Die Gruppe kam zu dem Schluss: Lobbyismus ist oft ein Mittel der Manipulation.

Im Raum nebenan ging es um das Thema „Challenges – Tod durch das Netz“. Manche dieser Herausforderungen sind lustig, einige, wie die „Ice Bucket Challenge“, dienen einem guten Zweck. Andere, wie „Planking“: steif wie ein Brett auf einem Brückengeländer liegen, oder „Ice and Salt“, in der die Teilnehmer sich selbst schmerzhafte Eisverbrennungen zufügen, sind wirklich gefährlich. Warum macht man dabei mit? Das Mitleid hält sich in Grenzen. „Die wissen doch, was sie tun, und sollten sich der Folgen bewusst sein“, fand ein 17-Jähriger. Aber auch Eltern unterschätzen offenbar die Gefahren dieser Challenges. „Die denken, ihr Kind hat online Spaß und trifft sich dort mit Freunden“, vermutete eine Schülerin. Die wenigsten Mütter und Väter dürften etwas von der „Blue Whale Challenge“ oder der „Momo-Challenge“ gehört haben, die auf Gruppenzwang setzen. 50 Aufgaben an 50 Tagen. Am Ende werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Selbstmord aufgefordert.

DERYA YALCINKAYA UND IHR KOLLEGE
ANDREAS FEHLING HATTEN DEN BERTINI-TAG 2019 GEMEINSAM MIT DEN  SCHÜLERINNEN UND SCHÜLERN VORBEREITET. FOTO: SABINE DEH

Derya Yalcinkaya und ihr Kollege Andreas Fehling, Pädagogen aus dem Bereich „Medienprofil“, hatten den BERTINI-Tag 2019 gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern seit Februar vorbereitet. „Die Schülerinnen und Schüler im Alter von 15 bis 18 Jahren haben selbständig Fragen entwickelt, die man nicht einfach mit ja oder nein beantworten kann“, lobt Derya Yalcinkaya die Jugendlichen. „Es ging aber auch darum, nicht einfach nur Wikipedia-Artikel zu kopieren, sondern eigene Themen zu entwickeln. Das hat hervorragend funktioniert“, ergänzt Andreas Fehling. Junge Menschen wüssten oft gar nicht, welche Spuren sie im Internet hinterlassen. Manche verschulden sich, weil sie sorglos Verträge abschließen, deren Konsequenzen sie gar nicht überblicken können. Wichtig sei außerdem, dass die Schülerinnen und Schüler begreifen, dass z. B. Antisemitismus und Mobbing im Internet nicht tolerierbar sind. „Hate-Speech, ob online oder im realen Leben, passt nicht in unsere demokratische Gesellschaft“, so der 18-jährige Abdul Wahed Wahedi. Er ist davon überzeugt, dass der BERTINI-Tag mit seinen Themen ein wichtiger Tag im Schuljahr des Kurt-Körber-Gymnasiums ist.