Lasst Euch nicht einschüchtern
 
Alexander-von-Humboldt-Gymnasium: „Menschsein ist eine Entscheidung – Du hast die Wahl!“

Alexander-von-Humboldt-Gymnasium: „Menschsein ist eine Entscheidung – Du hast die Wahl!“

Eben noch durch Gewalt dividiert, nun geläutert und friedlich vereint: Die Schülerinnen und Schüler in der Schlussszene. Fotograf: Maren Prieß

17 Oberstufenschülerinnen und -schüler des Alexander-von-Humboldt-Gymnasiums widmeten sich in einem Theaterprojekt rassistisch motivierten Gewalttaten der jüngsten Vergangenheit, um auf die Notwendigkeit aufmerksam zu machen, auch in der Gegenwart proaktiv gegen Rassismus und Diskriminierung vorzugehen.

Kassel – Halle – Hanau. Drei Orte als Chiffren für rassistisch motivierte Anschläge der jüngsten Vergangenheit, die innerhalb von nur acht Monaten das Land erschütterten – zumindest für kurze Zeit. „Rassismen existieren, verlieren aber an Aufmerksamkeit, weil sie Gefahr laufen, ,normal‘ zu werden“, sagt Ibrahim Mahmood, 17, Oberstufenschüler des Alexander-von-Humboldt-Gymnasiums in Hamburg-Wilstorf. Seine Mitschülerin Laura Maaß, 17, ergänzt: „Den Leuten ist es kaum bewusst, wie präsent diese Problematiken auch heutzutage noch immer sind. Dabei findet Diskriminierung genau vor unseren Augen statt. Die meisten kriegen es zwar mit, schreiten aber nicht ein, weil sie meinen, es betreffe sie nicht oder andere würden sich schon kümmern.“

Ibrahim Mahmood und Laura Maaß sind zwei von insgesamt 17 Oberstufenschülerinnen und -schülern des Theaterkurses des Alexander-von-Humboldt-Gymnasiums. In ihrem Theaterstück „Menschsein ist eine Entscheidung – Du hast die Wahl!“ haben sie sich mit den Anschlägen von Kassel, Halle und Hanau beschäftigt. In vier Szenen setzen sie sich mit Aspekten von Rassismus, Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit auseinander. „Damit wollen wir ein Zeichen gegen jegliche Form von Diskriminierung setzen“, erklärt der 18-jährige Macie Nawabi. „Uns ist es wichtig, dass menschenverachtende Ereignisse aus den letzten zwei Jahren nicht in Vergessenheit geraten.“

Am 1. November 2021 feierte die Szenen-Collage im Rahmen der Harburger Gedenktage Premiere. Requisiten und Dialoge wurden dabei bewusst sparsam eingesetzt, als besondere Stilmittel dienten das Standbild und Slow Motion. „Es schien uns wichtig, dass unsere Botschaften allein durch unser schauspielerisches Können vermittelt werden“, sagt Macie Nawabi. „Die Zuschauer sollen sich in unsere Szenen hineinfühlen und sich unsere Botschaften und Appelle auf diesem Wege erschließen können.“

Die erste Szene widmet sich dem Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, der sich für eine humane Flüchtlingspolitik starkgemacht hatte. Sie beginnt mit der Ankunft eines Flüchtlingsbootes, dargestellt mittels eines zusammengebundenen Seils, das den äußeren Rand des kleinen Bootes markiert, das die Flüchtenden über das Meer bringen soll. Als die gefährliche Überfahrt geschafft und das ersehnte Festland erreicht ist, wird die Gruppe der Flüchtenden von Wächtern umstellt, die die Ankommenden, so scheint es, feindlich abwehren. Das Ensemble erstarrt mit ausgestreckten Armen in einem Standbild, flehentlich um Hilfe ersuchend. Parallel zu dieser Szene wird der Film eines fiktiven Monologs von Walter Lübcke auf eine Leinwand projiziert, dargestellt von dem 17-jährigen Pedro Felipe Pereira de Deus. Es ist ein eindrucksvolles Bekenntnis zu Humanität und Mitmenschlichkeit, wie es Walter Lübcke hätte verfassen können, wäre er nicht von einem rechtsextremistischen Täter auf der Terrasse seines Hauses erschossen worden.

Sich in Slow Motion traktierende Schülerinnen, kurz bevor sie ins Friedenslager wechseln. Foto: Maren Preiß

„Es fiel mir nicht immer leicht, mich in solch eine Situation hineinzuversetzen und bestimmte Emotionen darzustellen. Ich war ja noch nie in so einer Situation – zum Glück“, schreibt Pedro Felipe Pereira de Deus in der gemeinschaftlich verfassten Dokumentation, in der der Arbeits- und Erkenntnisprozess der Schülerinnen und Schüler festgehalten wurde. „Als ich es dann aber geschafft hatte, fing ich wirklich an zu spüren, wie sich Walter Lübcke damals gefühlt haben muss. Kein Mensch sollte solch einer Situation ausgesetzt sein, in der er Angst haben muss, sein Haus zu verlassen – und das, obwohl er doch gar nichts Falsches getan hat“, so Pedro Felipe Pereira de Deus. Das Einfühlen in die Innenwelt potenzieller Opfer von rechtsextremistischen Anschlägen habe ihn begreifen lassen, wie schlimm es wirklich sei: „Mich hat dieser Prozess des Einfühlens nachhaltig verändert.“

Der Leiterin der Theater-AG, Dilşat Şen, lag genau dieser Erkenntnisgewinn am Herzen. „Den Schülerinnen und Schülern war es wichtig, den Opfern ein Gesicht zu geben. Sie waren Menschen mit einer Lebensgeschichte, mit einem familiären Umfeld, mit Freunden. Es waren Menschen, die noch ihr ganzes Leben vor sich hatten“, sagt die Pädagogin.

Besonders wirkungsvoll gelingt dies in der Darstellung des Anschlags von Hanau. Acht Schülerinnen und Schüler spielen die Besucher der Shishabar. In einer Ecke unterhalten sich drei junge Männer, während sie eine Wasserpfeife rauchen. Eine Kellnerin quert das Bühnenbild mit einem Sektglas auf einem Tablett, in einer anderen Ecke prosten sich drei andere Besucher zu und machen Selfies. Es sind Szenen der Unschuld, die im Loop wiederholt werden. Im Hintergrund tickt eine Uhr. Dann fällt ein todbringender Schuss, die Besucher der Shishabar fallen leblos zu Boden, die Uhr tickt nicht mehr. Gebrochen wird diese Szene, indem die Darstellerinnen und Darsteller nacheinander aufstehen, zum Bühnenrand gehen und Biografisches über das Opfer erzählen, das sie verkörpern. Beim Verlassen der Bühne wiederholen sie im Chor den Satz: „Say their names“ – „Nenne ihre Namen“, auf dass die Opfer der Anschläge nicht vergessen werden.

Die Ruhe vor dem Angriff auf die Synagoge in Halle: Die Schülerinnen und Schüler als Gläubige an Jom Kippur. Foto: Maren Preiß

Auch für den 18-jährigen Albion Ferizaj blieb die Theaterarbeit nicht wirkungslos: „Vorher war eine Nachricht über einen rassistischen Anschlag eine Nachricht von vielen. Durch das Theaterprojekt habe ich mehr Mitgefühl für die Opfer bekommen.“ Und die 19-jährige Beatrice Konsulova berichtet: „Auch ich gehörte zu denjenigen, die sich noch nicht so oft mit diesen Themen beschäftigt hatten. Ich war überrascht darüber, wie sich mein eigenes Empfinden veränderte, als ich Teil des Geschehens wurde. Es war plötzlich alles so hautnah.“

Die Premiere des Theaterstücks war eigentlich bereits für das Jahr 2020 vorgesehen. Doch pandemiebedingt mussten die Harburger Gedenktage damals ausfallen. Das gab den Schülerinnen und Schülern des Theaterkurses die Gelegenheit, sich noch intensiver mit dem Themenfeld zu beschäftigen. Ein Teil dieser Vorarbeit fiel in die Zeit von Lockdown und Fernunterricht. Als erste Annäherung an das Thema konfrontierte Theaterpädagogin Dilşat Şen die Schülerinnen und Schüler mit einer spielpraktischen Übung: Die Schülerinnen und Schüler, die sich zuvor für eine Rolle entschieden hatten (Rassist, Immigrant oder Außenstehender), sollten einen inneren Monolog aus der Sicht ihrer Figur schreiben und diesen anschließend filmen. In dieser biografischen Erzählung sollte Bezug zu einem der Anschläge genommen werden. „Damit unsere Szenen so realitätsnah und emotional wie möglich würden, setzten wir uns im Homeschooling intensiv mit den Anschlägen auseinander. Wir lasen Texte dazu und schauten uns Dokumentationen an, um diese schrecklichen Ereignisse multiperspektivisch zu betrachten“, berichtet Laura Maaß, 17.

Schülerinnen und Schüler mimen die verängstigten Gläubigen nach den Schüssen auf die Synagogentür. Foto: Maren Preiß

Dazu gehörte auch das Attentat von Halle, bei dem ein Täter an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, versuchte, in die Synagoge einzudringen, um die dort betenden Menschen zu töten. Dank der umfangreichen Vorarbeiten konnte der antisemitische Anschlag von den Schülerinnen und Schülern später mit wenigen Mitteln effektvoll umgesetzt werden: Nach dem Schlag auf die Tür, gebaut aus Schaumstoffwürfeln, fliehen die betenden Menschen zueinander, sie kauern sich am Boden zusammen mit angstvollem Blick. Der feierliche Klang des Schofarhorns verstummt. Gebrochen wird die Szene, indem die Darstellerinnen und Darsteller nacheinander ihre Rollen ablegen und die Zuschauenden über das versuchte Attentat informieren.

Die vierte und letzte Szene der Collage ist die Darstellung eines abstrakten Konflikts, der zusammen mit einer alltagstauglichen Lösung präsentiert wird. Es braucht zwei Mutige, die die Gewaltspirale brechen und den hasserfüllten Konflikt in sein friedliches Gegenteil verwandeln: Zwei einander feindlich gesinnte Lager stehen sich gegenüber und beschimpfen sich heftig. Sie gehen aufeinander los, es kommt zu körperlicher Gewalt, die mit Slow-Motion-Bewegungen dargestellt wird. Zwei Darsteller aber beteiligen sich nicht an dem Kampf, sie treten an den Bühnenrand, wenden sich dem Publikum zu und weisen den Weg aus dem Konflikt: „Liebe statt Hass.“ Nacheinander wechseln auch die Kombattanten im Bühnenhintergrund die Seite, stellen sich mit nach vorn an den Bühnenrand, einander unterhakend. Jedes Paar gibt seine eigene Maxime aus: „Freiheit statt Unterdrückung“, „Integration statt Assimilation“, „Vielfalt statt Einfalt“, „Einheit statt Zwiespalt“, „Akzeptanz statt Rassismus“, „Toleranz statt Intoleranz“, „Freundschaft statt Feindschaft“ – eine Phalanx des Friedens entsteht. Zum Abschluss stimmen alle Beteiligten gemeinsam und mit lauter Stimme in den Chor ein: „Menschsein ist eine Entscheidung – Du hast die Wahl!“

Gemessen an der Stille, war die Premiere am 1. November 2021 im Harburger Rathaus ein großer Erfolg. „Die anhaltende Stille im Publikum zeigte den Erfolg der gelungenen Arbeit der Schülerinnen und Schüler“, sagt Kerstin Bahrenburg, Lehrerin aus Niedersachsen. Die Szenen-Collage habe eine „beeindruckend bedrückende Wirkung“ auf das Publikum gehabt. „Wir haben Zuschauende berührt, einigen kamen sogar die Tränen“, resümiert der 17-jährige Oberstufenschüler Jeff Bornholdt. „Und wir haben sie zum Nachdenken angeregt. Unsere Arbeit hat sich also gelohnt.“

Eben noch durch Gewalt dividiert, nun geläutert und friedlich vereint: Die Schülerinnen und Schüler in der Schlussszene. Foto: Maren Preiß

 


Bertini-Preis 2021 für das Alexander-von Humboldt-Gymnasium

Sendung: Hamburg Journal 18.00 | 27.01.2022 | 18:00 Uhr 2 Min | Verfügbar bis 26.01.2023