Laudatio – Von Gott und der Welt verlassen? – Wie Zwangsarbeiter während des 2. Weltkriegs in Bergedorf behandelt wurden.

Isa Lübbers, Kirchenkreis Hamburg-Ost

Sehr geehrte Bürgerschaftspräsidentin,
sehr geehrter erster Bürgermeister,
sehr geehrte Damen und Herren, 
sehr geehrtes, liebes Team der Geschichtswerkstatt der Stadtteilschule Bergedorf,
sehr geehrte Frau Schmidt

ERINNERUNG AN DAS SCHICKSAL RUSSISCHER KRIEGSGEFANGENER IN BERGEDORF Ein Projekt von elf Schülerinnen und Schülern der Stadtteilschule Bergedorf PATIN: Isa Lübbers

Zum dritten Mal geht der BERTINI-Preis an Schülerinnen und Schüler der Stadtteilschule Bergedorf. Kein Wunder, denn Michael Magunna war Lehrer an dieser Schule und Ralph Giordano hat die beeindruckende Schulbibliothek vor acht Jahren mit eingeweiht.

Dort habt ihr mir berichtet, dass es euch wichtig ist, gegen Unrecht aufzustehen, das heute geschieht. Und dass ihr das Vergessen aufhalten wollt, denn wenn vergessen wird, was passiert ist, dann kann es sich wiederholen.

Quasi vor eurer Haustür habt ihr erlebt, dass Vieles in Vergessenheit zu geraten droht. Namen auf den Grabsteinen russischer Kriegsgefangener waren kaum mehr zu lesen und ihr habt begonnen, nach deren Geschichte als Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Bergedorf und Umgebung zu fragen.

Ihr habt euch sehr persönlich genähert, gefragt, ob sie von Gott und der Welt verlassen waren und dabei ein großes Maß an Empathie, also Einfühlungsvermögen bewiesen, um euch vorzustellen, wie es einzelnen Menschen damals ergangen ist.

Zugute kam euch, dass viele Menschen in Bergedorf und Umgebung über Generationen ortsverbunden sind. So habt ihr Menschen befragen können, die aus ihrer Kindheit noch Erinnerungen an die Zwangsarbeiter in den elterlichen Betrieben hatten oder von den Großeltern davon erzählt bekamen. Ihr habt zugehört, Fragen gestellt, Akten gewälzt und habt euch in die konkreten Personen hineinversetzt und aus ihrer Perspektive davon erzählt.

Diese Art der Aneignung von Schicksalen hat etwas in euch verändert.

Und besonders beeindruckend finde ich: Ihr habt es nicht für euch behalten, sondern habt szenische Lesungen veranstaltet und die Einzelschicksale anderen in Bergedorf in Erinnerung gebracht. Dabei habt ihr auch versucht, euch in die ansässigen Menschen und auch in zwei Vertreter der Kirche hineinzuversetzen; in Menschen, die unterstützten, wo sie konnten und andere, die mitmachten oder weg sahen.

„Wir müssen nach hinten schauen, um den Nebel vor uns zu durchschauen“ – das ist eure Erkenntnis aus dem Projekt.

Und ihr habt aber auch Ärger bekommen, als ihr versucht habt, Kontakt zu einer Firma zu bekommen, in der 40 sowjetische Kriegsgefangene gearbeitet haben. Lange hat es gedauert, bis klar wurde, wer die richtige Ansprechpartnerin ist und ihr seid bereit, Ergebnisse und Schlussfolgerungen zu korrigieren, wenn sie sich als nichtzutreffend erweisen.

Aber ihr bleibt dran und das ist gut so. Und vielleicht stellt sich die Firmeninhaberin heute offensiv der Vergangenheit – mit euch zusammen – und restauriert die abgenommene Gedenktafel wieder.

Euer Projekt, für das ihr heute den BERTINI-Preis verliehen bekommt, ist wahrlich preiswürdig und: Es ist nicht das Ende eures Engagements.

Macht weiter – gegen das Vergessen, gegen zu einfache Lösungen und für eine mitmenschliche Welt.

Ich gratuliere euch herzlich!