Laudatio – Reichsausschusskinder

Laudatio Ulrich Mumm, BürgerStiftung Hamburg

Verehrte Gäste,
liebe Schülerinnen und Schüler,
meine sehr geehrten Damen und Herren

REICHSAUSSCHUSSKINDER Ein Theaterprojekt von 17 Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums Klosterschule PATE: Ulrich Mumm

Das Vergangene ist nicht vergangen, es lebt fort und fragt uns nach

  • unserer Wahrnehmung
  • unserer Aufarbeitung
  • und unserer Haltung

Kann man sich das heute überhaupt noch vorstellen? Da werden kleine Kinder, besonders schutzbedürftig wegen ihrer Einschränkungen und Handicaps, im Alter von wenigen Tagen bis zu drei Jahren aussortiert, von Ärztinnen und Ärzten geprüft, als lebensunwert definiert und dann gezielt getötet. Das alles geschah, auch in Hamburg, vor knapp 80 Jahren, in Langenhorn und im Kinderkrankenhaus Rothenburgsort, also in Häusern, in denen eigentlich Menschen gesund werden sollten.

Was war das Motiv? Befanden sich die Täter im Befehlsnotstand, wären also bei Zuwiderhandlungen selbst Opfer geworden? Gab es nach 1945 Reue, Verurteilungen wegen Unmenschlichkeit?

Das Motiv war in den allermeisten Fällen rassenhygenische Überzeugung im Sinne der NS-Ideologie, dass ein eingeschränktes, behindertes Leben unnütz und für ‚das Volk‘ eine Belastung wäre und man sich dieser Belastung entledigen dürfe. Allerdings wurden die Tötungen kaschiert und ‚Behandlung‘ genannt, genau wie der Begriff Euthanasie (= guter Tod) selbst ein Euphemismus ist. Die wahre Todesursache der Kinder nach einer tödlichen Spritze versteckte man im Begriff Lungenentzündung.

Nein, es gab keinen Befehlsnotstand: von 15 Ärztinnen weigerten sich vier in Rothenburgsort, sich an den Tötungen zu beteiligen – und sie hatten keine Konsequenzen zu tragen. Ebenso wie andernorts Proteste möglich und teilweise erfolgreich waren, wie bei Pastor Paul Braune in Bethel und Bischof Galen in Münster (Aktion T 4).

Es gab nach 1945 kaum erkennbare Reue und keine Verurteilungen; in Hamburg konnten Ärztinnen und Ärzte nach Anhörung ihrer Argumente wieder praktizieren.

17 Schülerinnen und Schüler des Theaterkurses Jahrgang 10 des Gymnasiums Klosterschule haben sich unter der Leitung von Berit Juppenlatz im vergangenen Jahr dieser schweren Thematik angenommen. Sie haben recherchiert, sie haben sich beraten lassen, mit Historikern gesprochen und ein Theaterstück geschrieben, angeregt von Michael Batz. Ihr Projekt nannten sie „Reichsausschusskinder“. Denn in einem zentralen Ausschuss in Berlin wurden die Anträge aus den einzelnen Städten entschieden, wurden Todesurteile ausgesprochen. Die ‚Behandlung‘ hieß Tod, und den Eltern wurde das Resultat als ‚Erlösung‘ nahegebracht.

Die Schülerinnen und Schüler haben sich intensiv mit den Fakten, den historischen Tatsachen, den Abläufen und einzelnen Personen beschäftigt. Sie haben in ihrem Theaterstück die Opfer und die Täter als Individuen herausgearbeitet und auch die Eltern zu Wort kommen lassen. Denn diese Eltern wurden betrogen; man gaukelte ihnen eine heilende Operation vor, der sie meist zustimmten. In vielfältigen Szenen, als Gruppe und Einzelperson, in Bewegung und verharrender Statik, hat dieser Theaterkurs nicht nur die Zuschauer erreicht und erschüttert, sondern auch die BERTINI-Jury beeindruckt, nachdenklich gemacht und überzeugt. Das Vergangene wurde dramatisch vergegenwärtigt; es ist historische Aufarbeitung im besten Sinne, künstlerisch verdichtet und aktualisiert und ein in jeder Hinsicht würdiges Projekt für den BERTINI-Preis 2017.

Aber – dieses großartige Theaterstück führt uns nicht nur in die Vergangenheit. Wir sollten es uns nicht zu einfach machen. Dieses Theaterstück stellt auch Fragen an unsere Gegenwart, an uns selbst, an unsere ethische Überzeugung. Es gibt auch in unserer Zeit ethische Grenzen, die angetastet werden:

  • Wie stehen wir z. B. zu der Aussage des australischen Philosophen Peter Singer, dass die Tötung behinderter Säuglinge nicht zwangsläufig ein Unrecht sei?
  • Wie halten wir es mit der Selbstbestimmungslogik über das eigene Leben, mit der Frage der aktiven Sterbehilfe, der industriellen Verwertung embryonalen Materials (Stammzellenforschung) usw.

So ist dieses großartige Theaterprojekt nicht nur ein historisches, hat nicht nur dramaturgisch-theatrale Bedeutung, sondern enthält auch einen ethischen Impuls für uns und wirft aktuelle Fragen auf. Auch deswegen ist es so überzeugend.

Meinen herzlichen Glückwunsch an die Schülerinnen und Schüler des Theaterprojektes „Reichsausschusskinder“ der Klosterschule zum BERTINI-Preis 2018.