„KEIN DEUTSCHER LAND“

19 Schülerinnen und Schüler des Helmut-Schmidt-Gymnasium widmeten sich in ihrem Theaterkurs den Themen Heimat und Identität. Auf der Basis von Umfragen an ihrer Schule, die von vielen Jugendlichen mit Migrationshintergrund besucht wird, inszenierten sie ein provozierendes Theaterstück zum Thema Radikalismus und führten es auch in Israel auf.

  • IN SZENE GESETZT: SCHÜLERINNEN UND SCHÜLER DES HELMUT-SCHMIDT-GYMNASIUMS BEI DER AUFFÜHRUNG IHRES PROVOKANTEN THEATERSTÜCKS „KEIN DEUTSCHER LAND“.

URSPRÜNGLICH SOLLTE DAS NEUE STÜCK DES THEATERKURSES EINE KOMÖDIE WERDEN. NACHDEM 2016 DAS THEATERSTÜCK „KRIEG -– WOHIN WÜRDEST DU FLIEHEN?“ MIT DEM BERTINI-PREIS PRÄMIERT WORDEN WAR, SOLLTE ES NUN UM DIE THEMEN HEIMAT UND IDENTITÄT GEHEN. GEMEINSAM MIT THEATERLEHRER HÉDI BOUDEN GINGEN DIE OBERSTUFENSCHÜLERINNEN UND -SCHÜLER DER FRAGE NACH, WAS ES BEDEUTET, EIN DEUTSCHER ZU SEIN. EIN GROßTEIL DER SCHÜLERINNEN UND SCHÜLER, DIE DAS WILHELMSBURGER GYMNASIUM BESUCHEN, STAMMT AUS MIGRATIONSFAMILIEN. DIE KINDER UND JUGENDLICHEN SELBST SIND MEIST IN DEUTSCHLAND GEBOREN, DOCH IHRE ELTERN HABEN BEISPIELSWEISE TÜRKISCHE ODER KURDISCHE, ALBANISCHE ODER BOSNISCHE WURZELN.

Impulse für das Thema gaben die Texte von Fünft- und Sechstklässlern. Die Kinder hatten ihre Gedanken zu der Problemstellung „Deutsch oder nicht deutsch sein“ aufgeschrieben. „Wir hatten mit positiven Stereotypen gerechnet wie Pünktlichkeit oder Ordnung, aber es kamen ganz krasse Antworten“, sagt Max Fluder (18). „Eine Elfjährige schrieb, die Deutschen seien zu nett, nähmen zu viele Flüchtlinge auf und die Flüchtlinge seien faul. Und sie meinte, hier sollte mal ein Terroranschlag passieren“, berichtet Tugce Perek Yücel (19). Ein anderes Mädchen hatte geschrieben „Ich bin nicht deutsch, weil ich bis zur Hochzeit Jungfrau bleiben will“, erzählt Ilayda Tasci (18). Diese schockierenden Antworten machten deutlich, welche Vorurteile im Umfeld der Kinder herrschen: „So etwas kommt ja nicht von ihnen, das haben sie gehört oder gelesen“, sagt Tugce.

Die Schülerinnen und Schüler machten sich Gedanken über die Gründe und Folgen von Vorverurteilungen, fragten sich, was für das Gefühl von Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft nötig sei. Und was mit Jugendlichen passiert, wenn sie sich ausgegrenzt oder perspektivlos empfinden. Wo suchen sie Halt? Mit diesen Aspekten entwickelten die Schülerinnen und Schüler den Inhalt ihres Stücks, das nun eine Jugendtragödie wurde. Darin stehen drei Jugendliche im Vordergrund, die sich auf verschiedenen Wegen radikalisieren. Salim schließt sich einer salafistischen Gruppe an, Patrick gerät in die rechtsextremistische Szene und Emil flieht in eine virtuelle Welt mit Kriegsspielen.

„Zu Beginn haben wir die Personen und ihre Vorgeschichten eingeführt“, sagt Ilayda. Sie spielte eine Mitschülerin, die Emil mobbt. Emil ist introvertiert, wird in der Schule ausgegrenzt und zieht sich in seine Computerwelt zurück. „Er ist eigentlich nur ein Schatten zwischen zwei Welten“, erklärt Max, der die Rolle von Emil verkörperte. Auch die anderen Figuren haben eine komplexe Problematik. Patrick hat oft Ärger mit seinem arbeitslosen Vater. Bei den Nazis glaubt er so etwas wie Verständnis zu finden. Salim stammt aus einer muslimischen Familie, steht zwischen verschiedenen kulturellen Welten und verhält sich aggressiv und frauenfeindlich. Er radikalisiert sich bei den Salafisten. „Wir wollten aber zeigen, dass sich Radikalisierung nicht nur auf den religiösen Extremismus beschränkt, deshalb haben wir die drei Handlungsstränge gewählt“, erläutert Tugce.

Die Jugendlichen stellten auch den Einfluss der Gruppe auf den Einzelnen dar. „Es entwickelt sich ein Gruppenzwang, der die Jugendlichen zu Gewalttaten drängt“, sagt Tugce. Da erwarten die Rechtsextremisten von Patrick, dass er ein Flüchtlingsheim anzündet. Salim folgt der islamistischen Ideologie und bereitet ein Bombenattentat vor. Und unter dem medialen Dauereinfluss voller Gewalt entwickelt Emil immer mehr Hass auf die Umwelt und plant einen Amoklauf.

„Um die Gedanken der Figuren darstellen zu können und das, was ihnen die Gesellschaft vorlebt, haben wir mit chorischen Szenen gearbeitet“, berichtet Max. So sitzen die drei Protagonisten in einer Szene in der Mitte und um sie herum rufen alle anderen Darsteller im Chor rechte Parolen oder Schlachtrufe. In anderen Szenen tragen die Rufer Augenbinden, „um zu zeigen: wer ohne nachzudenken diffamierende Sprüche ruft, ist blind“, sagt Ilayda.

Auch für die Frauenfiguren im Stück läuft es nicht gut. Salim lebt eine Doppelmoral, missachtet die Prinzipien seiner deutschen Freundin, die noch nicht mit ihm Sex haben will. Gleichzeitig fordert er von seiner Schwester Yeter, keinen deutschen Freund zu haben. Die Tragödie spitzt sich zu. Es kommt zu Gruppenvergewaltigung, Totschlag und Mord. Patrick zündet zwar nicht das Flüchtlingsheim an und wendet sich gegen die Nazis. Aber die Schwester von Salim, der im Streit mit Patrick umkam, übernimmt sein geplantes Bombenattentat in einem Einkaufszentrum. „Niemand hat sie beachtet, sie als Deutsche akzeptiert, deswegen fragt sie am Ende anklagend: ‘Bin ich weniger deutsch als ihr? Seid ihr die einzigen Auserwählten?‘“, erklärt Tugce.

Der Theaterkurs, de anfangs aus 44 Schülerinnen und Schüler des 11. und 12. Jahrgangs bestand, führte die erste Version des Stücks im April 2017 an der Schule auf. „Weil dann die Abiturienten abgingen, haben wir das Stück umgearbeitet, sodass wir es mit 19 Schülern weiterspielen konnten“, berichtet Max. Anregungen bekamen die Schülerinnen und Schüler bei verschiedenen Veranstaltungen, die im Rahmen des Theatergroßprojekts „Viel Theater um uns“ an der Schule und im Stadtteil stattfanden und bei denen Kinder und Jugendliche verschiedener Jahrgänge und Fächer wie Deutsch, Kunst, Religion oder PGW beteiligt waren. So entstanden etwa in zwei Poetry-Events inspirierende Texte für die jungen Schauspieler. Sie führten Szenen ihres Stücks zu verschiedenen Anlässen auf, wie einem Bildungsfestival in Essen oder während einer Podiumsdiskussion mit Politikern in Hamburg. Auch dadurch reifte das Stück weiter. Bis Anfang 2018 gab es mehrere Aufführungen, etwa zum Tag der Demokratie im Barmbeker Kulturzentrum Zinnschmelze oder im Auswanderermuseum BallinStadt Hamburg.

Die Reaktionen waren sehr positiv. „Viele Zuschauer sagten aber auch, dass sie nach dem Stück Redebedarf hatten“, berichtet Ilayda. Das hatten die jungen Theatermacher schon eingeplant: Nach den Aufführungen folgten stets Diskussionsrunden. „Der Inhalt wirkt ja teils verstörend und wir haben vieles zugespitzt“, sagt Max. Der Theaterkurs wollte letztlich auch provozieren, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. „Wir müssen über diese Themen reden“, sagt Tugce. Die gesellschaftliche Debatte anzustoßen, ist den Schülerinnen und Schülern sowohl in der Schule wie im Stadtteil gelungen. Für das Engagement gab es bereits Preise wie den renommierten Hildegard-Hamm-Brücher-Preis.

Groß war die Aufregung jedoch, als Lehrer Hédy Bouden vorschlug, mit dem Stück in Israel aufzutreten. „Ist das nicht eine Nummer zu groß?“, fragte sich Max und Ilayda war sich unsicher, „wie die Nazi-Sprüche, bei denen ich mich hier schon überwinden musste, sie zu rufen, wohl dort ankommen?“. Auch einige Eltern hatten zunächst Bedenken hinsichtlich der Reise, die in Kooperation mit dem Goethe-Institut stattfand. Doch letztlich durften alle Schülerinnen und Schüler mit. „Und es war genau richtig“, zieht Max Bilanz. „Wir sind sehr gut aufgenommen worden und auch die Aufführungen in Jerusalem und Tel Aviv sind gut angekommen“, sind sich die Theatermacher einig. „Die Diskussionen waren noch mal viel intensiver und sehr reflektiert“, stellt Lehrer Hédy Bouden fest, der sich auch darüber freute, „wie reif die Schüler während des Projektes geworden sind“.

Für die Schülerinnen und Schüler, die inzwischen alle ihr Abitur geschafft haben, ist die Reise unvergesslich. „Es hat mich reicher gemacht an Erfahrungen und zu Diskussionen angeregt“, sagt Max. „Wir trafen dort auch Zeitzeugen zum Gespräch und lernten andere Denkweisen kennen“, fügt Ilayda hinzu. Tugce fand es gut, „die jüdische Geschichte kennenzulernen, wir haben auch die Gedenkstätte Yad Vashem besucht“, sagt sie. Aus dem Besuch in Israel entstanden bereits Folgeprojekte. Und das Helmut-Schmidt-Gymnasium wurde zur ersten Hamburger Partnerschule der deutschsprachigen Abteilung der International School for Holocaust Studies Yad Vashem. (ICHEIC).