Hohe Auszeichnung für einen unermüdlichen Einsatz gegen das Vergessen

Klaus Möller engagiert sich seit mehr als 20 Jahren für die Aufarbeitung der NS-Verbrechen im Stadtteil Harburg. Mit seiner Erinnerungsarbeit führte er auch zahlreiche Schülerinnen und Schüler zum BERTINI-Preis. Am 11. April 2019 erhielt der Pädagoge für sein Wirken das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Es war ein kleiner, aber festlicher Rahmen für einen besonderen Anlass. Im Turmsaal des Hamburger Rathauses, auch als Saal der Republiken bekannt, wegen der dort hängenden prächtigen Gemälde alter Stadtrepubliken, erhielt der pensionierte Geschichts- und Englischlehrer Klaus Möller das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Vor einer Runde von 20 geladenen Gästen begrüßte der Senator Ties Rabe den Harburger zu der Ehrung mit den Worten „so erfreuliche Termine wie dieser stehen selten im Kalender eines Schulsenators.“. Es seien ja nicht viele Männer und Frauen, die die Auszeichnung des Bundespräsidenten in Empfang nehmen könnten, fuhr Rabe fort. Möller habe sich mit „größtem Engagement gegen das Vergessen der nationalsozialistischen Gräueltaten eingesetzt“ und mit „Beharrlichkeit und Fingerspitzengefühl dafür gesorgt, dass sich auch junge Menschen mit den Geschichten der Opfer, ihrem Leben und Leiden, auseinandergesetzt haben“, betonte Rabe.

Tatsächlich ist das Engagement von Klaus Möller (83) außergewöhnlich. Seit mehr als 20 Jahren wirkt er in der Initiative „Gedenken in Harburg“ mit, die über die NS-Verbrechen im Stadtteil aufklärt, die jährlich stattfindenden Harburger Gedenktage und viele Treffen mit Zeitzeugen organisiert. In seiner Zeit als stellvertretender Schulleiter am Gymnasium Heisenberg hatte Möller immer wieder Schülerinnen und Schüler ermuntert, sich mit den Verbrechen der NS-Zeit zu befassen. Er lud Zeitzeugen in die Schule, die von ihren persönlichen Schicksalen berichteten. Viele Jugendliche motivierten diese Begegnungen zur weiteren Beschäftigung mit den Biografien der NS-Opfer und sie erarbeiteten im außerschulischen Rahmen umfangreiche Dokumentationen. So schrieb der Schüler Frederic Wünsche 1999 eine Arbeit über die Widerstandskämpferin Marie-Luise Schultze-Jahn, die zusammen mit dem Hamburger Studenten Hans Leipelt die Arbeit der „Weißen Rose“ fortsetzte. Er war der erste Heisenberg-Schüler, der sich mit seiner Dokumentation beim BERTINI-Preis bewarb – und ausgezeichnet wurde.

Der BERTINI-Preis wird jedes Jahr an junge Menschen verliehen, die sich mit verschiedenen Projekten gegen das Vergessen der NS-Opfer engagieren und gegen Unrecht und die Ausgrenzung von Menschen in der Hansestadt eintreten. Diese Kriterien trafen auch auf die Arbeit der Heisenberg-Schülerin Luisa Gluck zu. In ihrer 83 Seiten starken Arbeit mit Fotos, Briefen und Zeitungsausschnitten hatte sie sich auf die Spuren der Familie Goldberg aus Harburg begeben, die 1939 in Polen Opfer des Holocausts wurde. Ihre Dokumentation wurde 2002 mit dem BERTINI-Preis ausgezeichnet. Ebenso wie die Arbeit der beiden Schülerinnen Nura Behjat und Gesa Schwabe, die nicht glauben konnten, dass Jugendliche in der NS-Zeit verfolgt wurden, nur weil sie sich für eine bestimmte Musikrichtung begeisterten. Für ihre Dokumentation über die Swing-Jugend erhielten sie 2006 den BERTINI-Preis.

Ties Rabe lobte Klaus Möller für die insgesamt neun prämierten Schülerprojekte mit den Worten, dass dies „unter Hamburger Lehrkräften ein absoluter Rekord“ sei. Doch auch jenseits der Schülerprojekte sei es Möller ein „inneres Anliegen“, über die NS-Verbrechen besonders in Harburg zu informieren, stellte Rabe fest. Der Schulsenator nannte neben Möllers Mitwirkung bei der Initiative „Gedenken in Harburg“ unter anderem auch die Mitarbeit bei der Arbeitsgemeinschaft „Biographische Spurensuche“ der Landeszentrale für politische Bildung und des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden. Dort erforschte Möller die Lebensgeschichten der Ermordeten. Er veröffentliche zudem zahlreiche Kurzbiographien von NS-Opfern, und initiierte Putzaktionen für die mittlerweile 231 in Harburg verlegten Stolpersteine zum Gedenken an die Opfer.

Schließlich überreichte der Schulsenator dem Pädagogen für sein „jahrelanges vielfältiges und herausragendes Engagement für die Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus“ im Namen des Bundespräsidenten das Bundesverdienstkreuz am Bande. Schon zum zweiten Mal wurde damit ein Lehrer, der sich unter anderem im Rahmen des BERTINI-Preises für das Erinnern an die Opfer der NS-Zeit einsetzte und junge Menschen an dieses Thema heranführte, mit der hohen Auszeichnung geehrt. Am 27. Mai 2015 erhielt der Initiator und Förderer des Preises Michael Magunna das Bundesverdienstkreuz.

Klaus Möller zeigte sich überwältigt von der Würdigung und hob in seiner Dankesrede vor allem die Menschen hervor, ohne die seine „jahrelange ehrenamtliche Arbeit Stückwerk geblieben wäre“, so Möller. Er nannte als erstes die Schülerinnen und Schüler, die sich in ihrer Freizeit engagierten sowie die Zeitzeugen, jene „hochbetagte Menschen, die für die jungen Forscherinnen und Jungforscher nicht nur wichtige Informanten, sondern auch Wegbereiter für ihr Verständnis der Vergangenheit waren“, sagt Möller. Seine enge Verbundenheit mit ihnen zeigt sich auch bei den Gästen, die er zu seiner Ehrung eingeladen hatte und für deren Unterstützung und Mitarbeit er sich noch einmal bedankte. Seiner Einladung gefolgt waren unter anderen die Zeitzeugin Inge Hutton, sowie die ehemalige Lehrerin Hannelore Fielitz, die ein BERTINI-Projekt in Finkenwerder begleitet hatte. Auch die beiden ehemaligen Schulleiter des Heisenberg-Gymnasiums Dietmar Streitberg und Rolf Harms, waren gekommen, sie hatte ihrem Kollegen für seine Projekte den Rücken freigehalten.

Stellvertretend für die Archive und Forschungseinrichtungen, die die Jugendlichen bei ihren Arbeiten unterstützten, bedankte sich Möller auch bei den anwesenden Detlef Garbe von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Beate Meyer vom Institut für die Geschichte der deutschen Juden, Barbara Hartje vom Freundeskreis KZ Gedenkstätte Neuengamme sowie Peter Hess von der Hamburger Stolperstein-Initiative. Ebenso bei Isabella Vértes-Schütter als Vorsitzende des BERTINI- Preises und ihrem Stellvertreter Karlheinz Goetsch. Bevor Möller mit seinen Gästen anstieß, formulierte er noch den ausdrücklichen Dank an seine Frau Irmtraut Möller, die als „gute Ratgeberin und sachkundige Expertin für die Klärung aller Probleme der modernen Informationstechnik“ entscheidend zu dem Erfolg seiner Projekte beigetragen habe. Nach der Auszeichnung müsse er sich nun in seiner Arbeit gegen das Vergessen weiter „bewähren“, sagte der Geehrte zum Abschluss.