ERINNERN AN DIE MORDE IM KINDERKRANKENHAUS ROTHENBURGSORT

27 Schülerinnen und Schüler der Profilklasse MuT – Musik und Theater – der Stadtteilschule Bergedorf inszenierten ein Musiktheaterstück über den menschenverachtenden Umgang mit jungen Patientinnen und Patienten in der NS-Zeit – und forderten das Publikum zum Nachdenken über den Wert des Lebens in der heutigen Gesellschaft auf.

Zwei Jugendliche stöbern auf einem Dachboden in alten Papieren und Fotos ihrer Großmutter. Sie stoßen auf ein Album mit Bildern aus einem Kinderkrankenhaus. Während sie sich die Dokumente anschauen, fragen sie sich, was genau sie dort sehen, und stellen fest: „Keine Ahnung.“ Das ist auch ein Teil des Titels des Musiktheaterstücks der Profilklasse. In „Das Kinderkrankenhaus Rothenburgsort. Oder: Keine Ahnung!“ thematisieren die 15- bis 17-jährigen Schülerinnen und Schüler die grauenvollen Ereignisse in der damaligen Kinderklinik. „Mindestens 56 behinderte Kinder wurden dort in der NS-Zeit von jungen Ärztinnen ermordet. Sie hatten ihnen Spritzen mit einer Überdosis Luminal verabreicht. Dadurch kam es zu Lungenentzündungen, an denen die Kinder nach einigen Tagen qualvoll starben“, berichtet Jovan Thiedig (15). Die Jugendlichen waren durch ein Musical des Hamburger Autors und Regisseurs Dirk Schattner auf diese Ereignisse gestoßen.

„Wir hatten uns in der 8. Klasse mit dem Nationalsozialismus beschäftigt, vor allem mit dem Antisemitismus und der „Aktion T4“ der Nazis, und wir hatten Dirk Schattner zu Besuch, der uns von seinem Stück erzählte“, schildert Alyssa-Paris Röhrl (15). Die „Aktion T4“ bezeichnet die systematische Ermordung von Menschen mit Behinderungen durch die Nationalsozialisten. Sie wollten angeblich „unwertes Leben“ vernichten. Die Klasse war von dem Schicksal der ermordeten Kinder so schockiert, dass sie dieses Thema in einem eigenen Stück umsetzen und mit Fragen zum Wert des Lebens in unserer heutigen Gesellschaft verbinden wollte. „Als Grundlage diente uns das Musical von Dirk Schattner. Wir haben daraus auch vier Songs übernommen, wollten aber unseren Schwerpunkt stärker auf das legen, was damals passiert ist“, erklärt Jovan. Die Jugendlichen recherchierten weitere Zusammenhänge und luden die Autoren Andreas Babel und Hildegard Thevs in ihre Klasse ein.

Der Celler Journalist Andreas Babel hatte sich für sein Buch „Kindermord im Krankenhaus: Warum Mediziner während des Nationalsozialismus behinderte Kinder töteten“ intensiv mit den damaligen Ärztinnen des Krankenhauses Rothenburgsort und ihren Taten befasst. Einige von ihnen praktizierten nach dem Ende der NS-Zeit ungestraft weiter als angesehene Kinderärztinnen. „Auch Hildegard Thevs hatte für ihr Buch `Stolpersteine in Hamburg-Rothenburgsort´ im Hamburger Staatsarchiv über die Vorgänge rund um das Kinderkrankenhaus geforscht“, berichtet Theaterlehrer Bernd Ruffer. Beide Autoren stellten den Schülerinnen und Schülern biografische Informationen über die Ärztinnen und Bildmaterial für ihr Stück zur Verfügung.

GEWISSENLOS:
ÄRZTINNEN ERMORDETEN BEHINDERTE KINDER MIT EINER ÜBERDOSIS LUMINAL.
Foto: andersartig-gedenken.de

Entstanden ist ein Musiktheaterstück, das auf verschiedenen zeitlichen Ebenen spielt. Als Hauptstrang führen die Szenen mit den beiden Jugendlichen auf dem Dachboden durch die Handlung. Daran anknüpfend, wird das Geschehen in der damaligen Klinik szenisch dargestellt. Und der auf der Bühne stets anwesende Chor vermittelt in seinen Songs weitere Aspekte der Handlung. Die Lieder wurden zusammen mit Musiklehrerin Christiane Vad und Künstlern des ursprünglichen Musicals erarbeitet. „Wir wollten die verschiedenen Sichtweisen auf die Bühne bringen, etwa die der Ärztinnen, die den Tötungsbefehlen folgten. Oder die der Krankenschwestern, die etwas ahnten oder sogar wussten, aber schwiegen“, erläutert Jolin Steinhauf (16). Das Stück kommt mit wenigen Requisiten aus, Projektionen von Fotos der Kinder, Ärztinnen und Schwestern aus der damaligen Zeit illustrieren die Handlung.

„Wir wollten aber nicht nur zeigen, was mit behinderten Menschen damals geschah, sondern auch, wie Behinderte heute wahrgenommen werden“, sagt Jovan. So gab es Filmausschnitte über eine ehemalige Mitschülerin mit Trisomie 21, einer vererbbaren Chromosomenstörung, die auch als „Down-Syndrom“ bezeichnet wird. Dem Mädchen wurde von einem Bademeister das Recht auf das Schwimmenlernen verweigert. Drei Schülerinnensprachen sich auf der Bühne gegen diese Ausgrenzung aus. Und sie gingen noch einen Schritt weiter und fragten sich selbst und das Publikum: „Wenn Sie als Schwangere erfahren würden, dass Sie ein Kind mit Trisomie 21 erwarten, was würden Sie tun?“ Schon zu Beginn des Stücks wurde das Publikum aufgefordert, zu ethischen Fragen Stellung zu nehmen, etwa bei der Überlegung, wie ein autonomes Fahrzeug für den Fall programmiert sein sollte, wenn es nicht mehr bremsen kann: Wen soll es überfahren, wen leben lassen? „Wofür stimmen Sie?“ – das Publikum sollte sich entscheiden und zu der einen oder anderen Möglichkeit aufstehen.

MEHRSTIMMIG:
CHORISCH WERDEN VERSCHIEDENE SICHTWEISEN AUF DIE KINDERMORDE VERMITTELT.

Die Reaktionen auf dieses herausfordernde Stück waren sehr positiv. Die 27 Schülerinnen und Schüler führten es mehrmals an ihrer Schule auf, aber auch an anderen Orten, so auf den Bühnen des Hamburger Sprechwerks, auf Kampnagel und im PEM Theater an den Elbbrücken. Im Rahmen des Wettbewerbs „andersartig gedenken on stage“ erhielten sie für ihre Leistung sogar den 1. Preis und spielten ihr Stück anlässlich der Preisverleihung auch im Theater Thikwa in Berlin. „Es ist ein trauriges Thema, aber man muss es aufgreifen und die menschenverachtende Politik von damals zeigen“, sagt Mattes Ilgner (15). „Und das Publikum hat das verstanden, viele waren sehr berührt“, fügt Marlon Leonhard Bröske (15) hinzu.

UNVERGESSEN:
NAMEN, GEBURTSDATEN UND FUSSABDRÜCKE ERINNERN AN DIE ERMORDETEN KINDER.

Über ihre Theaterarbeit hinaus befassten sich die Jugendlichen mit der Frage, wie die Gebäude des ehemaligen Kinderkrankenhauses Rothenburgsort als Gedenkstätte gestaltet werden könnten. Die Klinik bestand bis 1982, zurzeit werden die Gebäude vom Institut für Hygiene und Umwelt genutzt. „Aber das Institut zieht demnächst um, und obwohl es schon seit Langem Planungen zur Einrichtung eines Mahnmals gibt, verzögert sich deren Umsetzung“, berichtet Alyssa. Die Jugendlichen wollten nicht abwarten und suchten nach einer Übergangslösung. Nach dem schockierenden Attentat auf eine jüdische Synagoge in Halle im Oktober 2019 mit zwei Toten setzten sie ihre Überlegungen in die Tat um. „Um wenigstens aufzuklären und an das Vergangene zu erinnern, bauten wir aus verschiedenen Materialien eine Installation mit Silhouetten von Kindern, Krankenschwestern und einem Kinderbett“, schildert Marlon. „Wir hatten ja selbst vor dem Stück keine Ahnung, haben uns aber dem Thema gestellt“, fügt Jolin hinzu. Die Installation wurde zusammen mit einer Informationstafel im November 2019 in einer Gedenkstunde als temporärer Gedenkort eingeweiht. Die Schülerinnen und Schüler spielten und sangen Auszüge aus ihrem Stück. „Wir haben eine Verantwortung gegenüber den Kindern: Sie dürfen nicht vergessen werden!“, sagt Alyssa. Und weil es bald keine Zeitzeugen mehr geben wird, die von den Verbrechen berichten können, „wollen wir die neuen Zeitzeugen sein“, ergänzt Mattes.