BERTINI-PREISVERLEIHUNG 2019

Ein Theaterprojekt über Menschenrechte und Inklusion, eine Informations- und Aufklärungskampagne zum Gedenken an 500 jüdische Zwangsarbeiterinnen, ein Musiktheaterstück über die Ermordung behinderter Kinder im ehemaligen Kinderkrankenhaus Rothenburgsort und eine Theater-Trilogie zu Tabuthemen wie Zwangsheirat, Ehrenmord und Homosexualität – diese vier beeindruckenden Projekte wurden mit dem BERTINIPreis 2019 ausgezeichnet. Im Rahmen der 22. Preisverleihung am 27. Januar 2020 im Ernst Deutsch Theater standen 97 Schülerinnen und Schüler für ihre Spurensuche, ihre Erinnerungsarbeit und ihr Eintreten für ein gleichberechtigtes Miteinander im Mittelpunkt.

AUFTAKT: ISABELLA VÉRTES-SCHÜTTER BEGRÜSST DIE GÄSTE IM ERNST DEUTSCH THEATER ZUR 22. VERLEIHUNG DES BERTINI-PREISES.

Isabella Vértes-Schütter, Intendantin des Ernst Deutsch Theaters und Vorsitzende des BERTINI-Preis e. V., begrüßte die mehr als 700 Zuschauerinnen und Zuschauer. Der BERTINI-Preis, der jedes Jahr am 27. Januar verliehen wird, dem Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus, richtet sich „an junge Menschen, die sich für ein solidarisches Miteinander in Hamburg einsetzen, die gegen Ausgrenzung von Menschen eintreten und Erinnerungsarbeit leisten“, so Isabella Vértes-Schütter. Sie erinnerte an den Namensgeber des Preises, den 2014 verstorbenen Schriftsteller Ralph Giordano, dessen Mutter Jüdin war. Sein autobiografischer Roman „Die Bertinis“ schildert das Schicksal seiner Familie während der NS-Zeit, die dem Vernichtungslager Auschwitz nur knapp entkommen ist. „Mein Kompass ist Auschwitz“, hatte Ralph Giordano immer wieder gesagt und damit seine Lebensaufgabe begründet: „Mit wachsamen Augen auf aktuelle politische Entwicklungen zu schauen und sich einzumischen: gegen Unrecht und Gewalt, für Frieden und Völkerverständigung“, so die Intendantin. Angesichts eines Wiedererstarkens des Antisemitismus fehle seine Stimme, betonte sie. Doch sie sei sich sicher, dass sich Ralph Giordano über das Engagement der an diesem Tag ausgezeichneten 97 jungen Hamburgerinnen und Hamburger gefreut hätte. Aus 22 Bewerbungen hatte die Jury des BERTINI-Preises für diese herausragenden vier Projekte votiert.

In seinem Grußwort ging auch der Erste Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, Peter Tschentscher, auf die Bedeutung einer engagierten Jugend ein. Angesichts des Krieges, des unvorstellbaren Leids und der Verbrechen der Nationalsozialisten sei die gebotene Haltung: „Nie wieder soll von deutschem Boden so etwas ausgehen!“ Das Motto des BERTINI-Preises: „Hinschauen, aufmerksam sein, sich einmischen und eingreifen, sich nicht einschüchtern lassen, mutig und unbequem sein“, sei ein dringender Wunsch an die junge Generation und er werde tatsächlich auch angenommen, sagte der Erste Bürgermeister und gratulierte den Preisträgerinnen und Preisträgern zu ihrem Engagement und ihren beeindruckenden Projekten.

Bischöfin Kerstin Fehrs erinnerte in ihrer eindringlichen Festrede anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz an die sechs Millionen Menschen, die den unfassbaren Gräueltaten der Nazis zum Opfer gefallen sind. „Sich an einem solchen Gedenktag berühren zu lassen bis an die Herzhaut, ist eine Herausforderung“, sagte Kerstin Fehrs und sie bedankte sich bei den BERTINI-Preisträgerinnen und -Preisträgern, denen dies gelungen sei. „Ihr habt bewegende Projekte in unsere Hände gelegt“, so Kerstin Fehrs. In einer Zeit, in der der Rechtsextremismus im Land wieder lauter werde, „der Antisemitismus längst seine hässliche Fratze“ zeige und es auch Islamfeindlichkeit gebe, sei es so wichtig, dass die junge Generation hellwach ist. „Ihr, die jungen Menschen hier im Saal, bleibt mutig, mitreißend. Wir brauchen Euch. Erinnerung braucht eine Zukunft. Deshalb: Bitte macht weiter!“, ermunterte die Bischöfin das junge Publikum.

Moderator Christian Buhk vom NDR führte bereits zum dritten Mal durch die Veranstaltung und bat im Anschluss an die Festrede die Preisträgerinnen und Preisträger nacheinander auf die Bühne. Vorgestellt wurden die Projekte der vier Gruppen in kurzen Einspielfilmen, die von den NDR-Mitarbeitern Christian Becker und Florian Skupin gedreht worden waren. Auf die Bühne begleitet wurden die BERTINI-Preisträgerinnen und -Preisträger von ihren Paten aus dem BERTINI-Preis e. V., die die Leistungen der Jugendlichen jeweils in einer Laudatio würdigten und die Urkunden sowie einen Scheck über jeweils 2.500 Euro überreichten.

WIR WÄREN ALLE NICHT HIER
Ein Theaterprojekt von 21 Schülerinnen und Schülern
der Ida Ehre Schule
Pate: Hansjürgen Menzel-Prachner

Hansjürgen Menzel-Prachner vom Ida-Ehre-Kulturverein sprach die Laudatio für die 21 Schülerinnen und Schüler der Ida Ehre Schule und ihr Theaterprojekt „Wir wären alle nicht hier“. Die heutige Klasse 9c hatte für eine Veranstaltung zum Thema „70 Jahre Menschenrechte“ ein Theaterstück über Menschenrechte in Szene gesetzt und aufgeführt, in dem es auch um die Inklusion geht – ein Thema, das für die Schülerinnen und Schüler gelebter Schulalltag ist, da in der Klasse sieben Schülerinnen und Schüler eine Behinderung haben. Auf der Bühne zeigten sie den Mut, sich als solche zu outen. „Mit Eurem Stück seid Ihr couragiert gegen Ausgrenzung und Marginalisierung“ eingetreten, so Laudator Hansjürgen Menzel-Prachner.

GEDENKEN AN 500 JÜDISCHE ZWANGSARBEITERINNEN
IM KZ-AUSSENLAGER NEUGRABEN Ein Projekt von
19 Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums Süderelbe, der Stadtteilschulen Neugraben-Fischbek und Süderelbe sowie des Friedrich-Ebert-Gymnasiums
Pate: Hanno Billerbeck

Mit ihrem Projekt „Gedenken an 500 jüdische Zwangsarbeiterinnen im KZ-Außenlager Neugraben“ engagierten sich 19 Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Süderelbe, der Stadtteilschulen Neugraben-Fischbek und Süderelbe sowie des Friedrich-Ebert-Gymnasiums auf vielfältige Weise dafür, dass das Schicksal der jüdischen Frauen, die zwischen 1944 und 1945 in diesem Lager inhaftiert waren, nicht vergessen wird. Sie starteten Umfragen, erstellten einen Wikipedia-Eintrag und wollen das Thema im Unterricht ihrer Schule verankern. Darüber hinaus planen sie, Hinweistafeln im öffentlichen Raum anzubringen sowie einen Film zu drehen. „Ihr seid Euch darüber einig, dass Unrecht nicht verschwiegen werden darf und öffentlich erkennbar sein soll, besonders wenn es mitten im eigenen Stadtteil geschah. Und dafür wollt Ihr dauerhaft etwas tun“, stellte Laudator Hanno Billerbeck vom Kirchenkreis Hamburg-Ost den persönlichen Einsatz der Jugendlichen heraus.

DAS KINDERKRANKENHAUS ROTHENBURGSORT
Ein Projekt von 27 Schülerinnen und Schülern der
Stadtteilschule Bergedorf
Patin: Barbara Hartje

Als einen kleinen, aber wichtigen Beitrag zur Erinnerungsarbeit in Hamburg beschrieb Barbara Hartje vom Freundeskreis KZ-Gedenkstätte Neuengamme das Projekt von 27 Schülerinnen und Schülern der Stadtteilschule Bergedorf. Sie hatten ein ergreifendes Musiktheaterstück über „Das Kinderkrankenhaus Rothenburgsort“ verfasst und mehrmals erfolgreich aufgeführt. Darüber hinaus setzten sie sich aktiv für das Gedenken an die 56 behinderten Kinder ein, die dort in der NS-Zeit ermordet worden waren: Kurzerhand installierten sie vor dem Gebäude der ehemaligen Klinik einen vorläufigen Gedenkort. „Ihr habt nicht nur hingeschaut und erinnert, sondern Euch auch eingemischt“, lobte Barbara Hartje in ihrer Laudatio das Engagement der Jugendlichen.

HALIMAHS ERWACHEN – LIEBER TOT ALS EHRENLOS!
Ein Theaterprojekt von 30 Schülerinnen und Schülern
des Helmut-Schmidt-Gymnasiums
Patin: Katja Conradi

Im Theaterprojekt „Halimahs Erwachen – lieber tot als ehrenlos!“ befassten sich 30 Schülerinnen und Schüler des Helmut-Schmidt-Gymnasiums mit Tabuthemen wie Zwangsheirat, sexuelle Selbstbestimmung und Ehrenmord in Familien, die stark von kulturellen und religiösen Traditionen geprägt sind. Die Theater-Trilogie wurde mehrfach mit großer Resonanz aufgeführt, anschließend diskutierten die jungen Darstellerinnen und Darsteller mit dem Publikum. „Die Jury hat ‚Halimahs Erwachen‘ den BERTINI-Preis zugesprochen, weil sie den Mut der Beteiligten auszeichnen möchte“, sagte Laudatorin Katja Conradi von der BürgerStiftung Hamburg. Es habe den ganzen Mut der Jugendlichen erfordert, „vermeintliche Gewissheiten anzuzweifeln, sich gegen vorgefertigte Rollenbilder zur Wehr zu setzen und Freiheit und Selbstbestimmung einzufordern“, so Katja Conradi anerkennend.

Für den musikalischen Rahmen der Preisverleihung sorgten die „Alstertalboys“ von der Staatlichen Jugendmusikschule Hamburg mit Lenn von Sassen und Hannes Goldau an der Gitarre, Wotan Láposi am Keyboard, Paul Schultheiß am Bass und Carl John am Schlagzeug. Sie begeisterten das Publikum mit Klassikern wie „Smoke on the Water“ von Deep Purple und „The Thrill is Gone“ von B. B. King sowie mit dem modernen Titel „Toxicity“ von System of a Down.

Fotos Jörg Modrow, Carsten Thun, ZDF / Renate Schäfer, Titelfoto: Jörg Modrow