Lasst Euch nicht einschüchtern
 
BERTINI-Preisverleihung 2018

BERTINI-Preisverleihung 2018

Zum 21. Mal wurden junge Menschen für ihr beispielgebendes Engagement gegen das Vergessen und Verdrängen von Unrecht und Gewalt und ihr Eintreten für ein gleichberechtigtes Miteinander ausgezeichnet.

Ein Theaterprojekt zur Hamburger SwingJugend, ein Video-Projekt zu den Verbrechen von zwei Hamburger Polizisten in den Konzentrationslagern Majdanek und Belzec, ein Kunstprojekt zu Stolpersteinen und ein Theaterprojekt zu Identität, Ausgrenzung und Radikalisierung von Jugendlichen:

AUFTAKT: ISABELLA VÉRTES-SCHÜTTER
BEGRÜSST DIE GÄSTE IM ERNST DEUTSCH THEATER ZUR
21. VERLEIHUNG DES BERTINI-PREISES, BEGLEITET VON DER
GEBÄRDENDOLMETSCHERIN CELINE SAWKINS.

Diese vier Projekte hatte die Jury im Dezember 2018 für die Auszeichnung mit dem BERTINI-Preis ausgewählt. Im Rahmen der 21. Preisverleihung standen an diesem Tag 50 Hamburger Jugendliche für ihre Spurensuche, ihre Erinnerungsarbeit und ihr Eintreten für ein gleichberechtigtes Miteinander im Mittelpunkt.

 

Isabella Vértes-Schütter, Intendantin des Ernst Deutsch Theaters und Vorsitzende des BERTINI-Preis e.V., begrüßte die rund 700 Gäste und erinnerte an den Ehrenvorsitzenden des BERTINI-Preises Ralph Giordano. Sie habe in dem zurückliegenden Jahr oft an ihn denken müssen. Ein Ausspruch sei ihr dabei in besonderer Weise erinnerlich gewesen: „Wer die Demokratie beschädigen will, bekommt es mit mir zu tun, der hat mich am Hals.“ Isabella Vértes-Schütter weiter: „Die Stimmen, die die Demokratie beschädigen wollen, sind wieder lauter geworden. Und wir alle sind aufgerufen, dass sie uns am Hals haben.“

AUFTRAG: SCHULSENATOR TIES RABE BETONT IN SEINEM GRUSSWORT DIE NOTWENDIGKEIT, ANGESICHTS AKTUELLER ENTWICKLUNGEN WACHSAM ZU SEIN.

Auch Schulsenator Ties Rabe zeigte sich in seinem Grußwort besorgt über aktuelle Entwicklungen. Der von den Nazis begangene Massenmord in den Konzentrationslagern sei nur der Endpunkt einer langen gesellschaftlichen Entwicklung und eines Verfalls der Menschlichkeit gewesen, die bereits Jahre zuvor eingesetzt habe. Angefangen habe es mit Feindbildern, die von skrupellosen Politikern aufgegriffen und benutzt wurden, um die Demokratie auszuhöhlen. Und auch heute bestünde wieder Anlass, wachsam zu sein. An die Jugendlichen gewandt: „Aber die BERTINI-Preisträger zeigen, dass es auch Grund zu Optimismus und Hoffnung gibt.“

In seiner Festrede berichtete der Performance-Künstler und Moderator Michel Abdollahi, dass er für seinen Aufruf gegen Faschismus und für die Erinnerungskultur anlässlich der Befreiung von Auschwitz zahlreiche Hass-Mails und Drohungen erhalten habe. In seiner WDR-Kolumne „Der deutsche Schäferhund“ hatte er auf den bevorstehenden Gedenktag hingewiesen und erklärt: „Der Holocaust ist kein Vogelschiss der Geschichte.“ Als er tags darauf seine Mails öffnete, habe er die „üblichen Nachrichten“ gefunden: „Du bist der Nächste“ oder „Dich zünden wir auch an“ und

AUFRUF: MICHEL ABDOLLAHI ERMUTIGT IN SEINER FESTREDE, SICH GEGEN HASS UND HETZE ZUR WEHR ZU SETZEN.

„Muslime sind die neuen Juden“. Er selbst antworte auf solche Mails und Posts nur noch, wenn er den Eindruck habe, den Urheber mit seinen Argumenten noch erreichen zu können. Es gebe eine „beängstigende Stimmung gegen Minderheiten in diesem Land“, so Abdollahi. Er appellierte an das Publikum: „Wenn Sie auf Hass und Hetze stoßen, gehen Sie mit allen Rechtsmitteln dagegen vor. Wir werden nicht zulassen, dass bestimmte Menschen den Faschismus in unsere Gesellschaft zurückbringen.“

NDR-Moderator Christian Buhk, der zum zweiten Mal durch die Veranstaltung führte, unterstrich diesen Appell: „Ich freue mich die BERTINI-Preisverleihung zu moderieren, ein Preis, der Hamburger Jugendliche für ihre Zivilcourage auszeichnet.“
Die NDR-Mitarbeiter Christian Becker und Florian Skupin hatten die Preisträgerinnen und Preisträger zuvor aufgesucht und mit Mikrofon und Fernsehkamera anschaulich aufbereitet, wofür die Jugendlichen ausgezeichnet worden sind. Mit zweiminütigen Einspielfilmen wurden die Preisträgerinnen und Preisträger vorgestellt, bevor die Förderer des BERTINI-Preises in ihren Laudationes ausführten, womit die Jugendlichen die Jury überzeugt hatten.

Laudator Axel Zwingenberger überreichte den BERTINI-Preis an 18 Schülerinnen und Schüler der Bugenhagenschule Alsterdorf für ihr Theaterprojekt „Aus der Reihe tanzen“ und würdigte sie mit den Worten: „Ihr habt das Thema ’Swing-Kids‘ dem Vergessen entrissen und eine musikalische Kultur gewürdigt, die sich dem Gleichschaltungswahnsinn der Nazis entgegenstellte.“
Hubert Grimm von der Freimaurerloge Roland ehrte 19 Schülerinnen und Schüler des Wilhelmsburger Helmut-Schmidt-Gymnasiums für ihr Theaterprojekt „Kein deutscher Land“, das sie anlässlich der besorgniserregenden Ergebnisse einer Umfrage unter Mitschülerinnen und Mitschülern zum Thema „Heimat und Identität“ inszeniert hatten. Das Stück widmet sich der Radikalisierung von Jugendlichen aufgrund erlittener Ausgrenzung und Diskriminierung. In seiner Laudatio sagte er: „Nur ohne Vorurteile ist man ein frei denkender, also ein freier Mensch.“

Heidi Melis von der Hamburger Volksbank überreichte den BERTINI-Preis an 12 Schülerinnen und Schüler des Lise-Meitner-Gymnasiums, die sich im Anschluss an den Besuch der Gedenkstätten Majdanek und Belzec in Videobeiträgen mit ihren Erkenntnissen und Eindrücken auseinandergesetzt haben. „Ihr seid auf eine eindrucksvolle Weise der Frage nachgegangen, wie aus ganz normalen Menschen Mörder werden“, betonte die Laudatorin.

Den klangvollen musikalischen Rahmen der 21. BERTINI-Preisverleihung gestaltete die vierköpfige Band „Ouchmyback“ der Staatlichen Jugendmusikschule Hamburg mit Luca Blum (E-Gitarre), Alexander Maguire (Keyboard/Schlagzeug), Mohamed Camara (E-Bass) und Jonathan Bodenschatz (Schlagzeug/Percussion). Sie spielten „Johnny B. Good“ (Chuck Berry), „Knockin‘ on Heaven’s Door“ (Bob Dylan) und „Spain“ (Chick Corea).

Jan Frenzel vom NDR würdigte die 16-jährige Nele Borchert vom Albert-SchweitzerGymnasium für ihr Kunstprojekt „Ich gebe den Steinen ein Gesicht“. Die Schülerin hatte die Gesichter von Deportierten, zu deren Gedenken Stolpersteine in Hamburg verlegt worden waren, mithilfe von kunstvoll angefertigten Schablonen und Kreidespray neben die Steine gesprüht. „Nele Borchert hat unsere Augen neu auf die Stolpersteine gerichtet“, hob der Laudator die kreative Leistung der jungen Preisträgerin hervor.
Die Gebärdensprachdolmetscherinnen Celine Sawkins und Christine Müller übersetzten abwechselnd die gesprochenen Beiträge. Den klangvollen musikalischen Rahmen der 21. BERTINI-Preisverleihung gestaltete die vierköpfige Band „Ouchmyback“ der Staatlichen Jugendmusikschule Hamburg mit Luca Blum (E-Gitarre), Alexander Maguire (Keyboard/ Schlagzeug), Mohamed Camara (E-Bass) und Jonathan Bodenschatz (Schlagzeug/Percussion). Sie spielten „Johnny B. Good“ (Chuck Berry), „Knockin‘ on Heaven’s Door“ (Bob Dylan) und „Spain“ (Chick Corea).