Lasst Euch nicht einschüchtern
 
Bertini Preisträger beim Bootcamp „Digitale Zivilcourage“

Bertini Preisträger beim Bootcamp „Digitale Zivilcourage“

Fotografin Maren Preiß

„Ich bin mutiger geworden, meine Stimme zu erheben“

Von stillen Mitlesern, Whataboutism und der Notwendigkeit, inhaltlich zu argumentieren: Wie Schüler lernen, konstruktiv im Netz zu diskutieren.

Die sozialen Medien sind Fluch und Segen zugleich. In autoritären Staaten können sie Demokratiebewegungen stärken, in freiheitlichen die Werte, auf denen ein demokratischer Staat beruht, gefährden. Das trifft vor allem auf Hassreden im Internet zu. Besonders gefährdet sind Jugendliche, die sich noch kaum Wissen im Bereich einer konstruktiven Diskussionskultur aneignen konnten. Sie stehen destruktiven Kommentaren häufig machtlos gegenüber.

„Jugendliche werden dort groß, wo Trolle am Lautstärke-Regler der Demokratie zerren“, heißt es auf der Website des Hamburger Vereins ichbinhier. Der Verein ist 2017 aus einer gleichnamigen Facebook-Aktionsgruppe hervorgegangen. Die mittlerweile gut 43.000 Mitglieder zählende Gruppe zeigt im Rahmen von Counterspeech-Aktionen auf reichweitenstarken Medienseiten regelmäßig Präsenz, um den Hetzern nicht das Feld zu überlassen. Die Regeln der Gruppe passen auf einen Notizzettel: Konstruktiver Dialog. Keine Hetze, kein Hass, keine Fake News. Auch der Verein ichbinhier folgt ihnen, er hat sich gezielt der Bildungsarbeit verschrieben und möchte mit Bootcamps an Schulen für das Thema „Digitale Zivilcourage“ sensibilisieren.

Das Helmut-Schmidt-Gymnasium in Hamburg-Wilhelmsburg an einem Morgen Mitte August. Die 27 Schülerinnen und Schüler der Klasse 10b haben gerade ihre Plätze eingenommen. Im Rahmen des Bootcamps „Digitale Zivilcourage“ soll ihnen an diesem Vormittag die Kunst des konstruktiven Dialogs vermittelt werden. Ihr Lehrer Hédi Bouden, Kulturbeauftragter der Schule und mit seiner Theatergruppe Preisträger des BERTINI-Preises, hat sich in den hinteren Teil des Raums zurückgezogen. Denn heute übernehmen die Trainer Jana Bories und Chris Wagner vom Verein ichbinhier.

Die beiden wollen an diesem Vormittag mithilfe von Simulationen erklären, wie man konstruktiv im Netz diskutiert und bei Hate Speech dagegenhalten kann. „Es geht uns um Zivilcourage, um die Lust an der Debatte und um Meinungsvielfalt. Wir wollen den Jugendlichen vermitteln, wie sie die Zivilgesellschaft demokratisch mitgestalten können, und wollen sie dazu animieren, Eigenverantwortung für das Miteinander im Netz zu übernehmen“, sagt Jana Bories.

Dazu gehört in diesem kleinen Sozialexperiment auch, die Perspektive zu wechseln und neben der konstruktiven Rolle auch die destruktive Rolle einzunehmen. Das Setting: ein Chat in einem fiktiven sozialen Medium. Denn zur Übung von digitaler Zivilcourage, so ist der Verein überzeugt, braucht es einen geschützten Raum, in dem sich Jugendliche unter der fachkundigen Begleitung von Trainern ausprobieren können.

Vor Ankunft der Schülerinnen und Schüler im Klassenraum haben Jana Bories und ihr Kollege Chris Wagner die Tablets verteilt. Dazu einen Zettel, auf dem die jeweilige Rolle des Schülers oder der Schülerin steht, in die sie gleich schlüpfen werden. Bereits vor den Sommerferien hatte man sich mit der Klasse auf die Themen geeinigt, die man mithilfe der Simulationen am Tablet behandeln will: Bodyshaming und LGBTQI+. Anhand dieser Themen sollen Medienkompetenz, Moderationstechnik und Deeskalationsstrategien vermittelt werden.

Um das destruktive beziehungsweise das konstruktive Diskussionsverhalten der Schülerinnen und Schüler zu befeuern, gießen die beiden Medienpädagogen Öl ins Feuer der inszenierten Auseinandersetzung: YouTube-Videos zum jeweiligen Thema sollen die Gemüter erhitzen. Nach einer Einführung dürfen die Schülerinnen und Schüler endlich einen Blick auf den Zettel werfen, auf dem ihnen ihre erste Rolle zugewiesen wird. Josues Rolle lautet „unzufrieden und genervt“. Dazu gibt es für den Schüler eine Regieanweisung: „Du schreibst genervte Kommentare und verbreitest schlechte Stimmung. Du drehst Dich vor allem um Dich selbst und Deine Probleme. Du unterstützt andere, die schlechte Stimmung machen und likst deren respektlose Kommentare. Du schreibst emotionale Beiträge und hoffst, darüber Aufmerksamkeit und Anerkennung zu bekommen.“ Für die nächsten 20 Minuten ist Josue ein Netz-Troll.

Fotografin Maren Preiß

Josues Mitschülerin Tugra wurde die entgegengesetzte Rolle zugelost: „politisch interessiert und engagiert“. Ihre Regieanweisung lautet: „Das Thema ist Dir wichtig, und Du traust Dich auch, Deine Meinung zu schreiben. Deine Kommentare sind sachlich, Du bringst Argumente und Dein Wissen ein. Du beleidigst andere nicht.“ Tugra hat die Aufgabe, sich sachlich, konstruktiv und empathisch in die Diskussion einzubringen.

Unter anonymisierten Namen werden die Schülerinnen und Schüler der Klasse 10b gleich zwanzig Minuten lang ihr verbales Gift im geschützten Raum des fiktiven Social-Media-Chats verteilen beziehungsweise „Liebe in die Welt pusten“, wie Jana Bories die konstruktive Rolle umschreibt.

Die Versuchsanordnung steht, Jana Bories und Chris Wagner zeigen das erste YouTube-Video zum Thema Bodyshaming. Eine junge Frau verteidigt darin selbstbewusst ihre Monobraue – ein Körpermerkmal, das dem gängigen Schönheitsideal widerspricht. Kurze Murmelpause, dann schreiben die Schülerinnen und Schüler im Bewusstsein ihrer zugewiesenen Rolle um die Wette.

„Wie ekelhaft!“
„Ich schenk ihr eine Pinzette.“
„Und ich ihr Wachsstreifen.«
„Für die Umwelt ist es besser, wenn man nicht so viele Hygieneartikel verbraucht, vor allem bei so unnötigen Sachen.“
„Super girl weiter so lass dich nicht einschüchtern super.“
„Das ist doch voll scheiße!“
„leute, kommentiert freundlich.“
„Wieso denn jetzt scheiße? Sie steht zu ihrem Aussehen, das ist eine Charaktereigenschaft, die nicht jeder hat.“
„Ich muss gleich kotzen.“

Während die Schülerinnen und Schüler sich immer besser in ihre Rollen einfinden, sitzen die beiden Medienpädagogen vor der Klasse an ihren Laptops und verfolgen den Chat ihrer Probanden. Chris Wagner ist sichtlich erstaunt über die Frequenz, mit der die Schülerinnen und Schüler ihre Kommentare absetzen: „Ihr ballert da ganz schön rein.“ Am Ende werden es insgesamt 403 Kommentare sein.

Fotografin Maren Preiß

„Man konnte gut sehen, was die Hater produziert haben“, sagt Wagner in der anschließenden Auswertung, die nach jedem Simulationsblock folgt und der Vertiefung des Themas dienen soll. „Die Hater haben kurz, knackig und schnell geschrieben, da ist Konfrontation, da ist Beleidigung“, sagt Wagner. „Die Supporter haben dagegen Dinge wie respektvollen Umgang eingefordert. Ich fand es schön, dass ihr dazu ermutigt habt, das ideale Schönheitsideal zu durchbrechen.“

Auch seine Kollegin Jana Bories ist zufrieden mit dem Ergebnis der ersten Simulation. „Es war schön zu sehen, dass ihr Support für die Person im Video ausgedrückt habt. Und es hat mir gefallen, wenn ihr konkret jemanden angesprochen habt. Mit einem Kommentar wie ,Bitte kommentiere doch respektvoll‘ habt ihr dem Hassredner signalisiert: Ich sehe, was du hier geschrieben hast.“ Besonders lobend erwähnt Jana Bories den konstruktiven Ansatz einiger Unterstützer. „Wenn ihr versucht, Inhalte zu finden und einen neuen Aspekt reinzubringen und aufeinander zu reagieren, dann kann wirklich ein interessantes Gespräch entstehen.“

Später werden die Jugendlichen noch mit einem in Diskussionen gern verwendeten Trick vertraut gemacht: dem Whataboutism. Mit diesem rhetorischen Mittel soll die eigene Schuld relativiert werden, indem zur eigenen Entlastung ein Gegenvorwurf erhoben wird – Medienkompetenz für Fortgeschrittene. Onur freut sich über die Aufklärung: „Ich finde es gut, dass wir jetzt wissen, was das heißt. Ich habe jetzt ein neues Wort in meinem Wortschatz.“

Der YouTube-Film „Tariks Genderkrise“ leitet die zweite Simulation zum Thema LGBTQI+. ein. Darin spricht ein junger homosexueller schwarzer Mann über die Erweiterungen im Gender-Spektrum und behauptet, selbst Feminist zu sein. Die Tastaturen der Schülerinnen und Schüler, die kurz zuvor in ihre neuen Rollen geschlüpft sind, glühen.

„Scheiß Schwuchtel!“
„Ich finde es toll, wenn man sich für Gleichberechtigung einsetzt“
„Es ist ekelhaft“
„Ich finde es super, dass er offen darüber reden kann. Weiter so  !!!!!“
„Es gibt nur Mann und Frau“
„Schwule sind wie Mädchen.“
„Es ist sachlich und seine Meinung ist nicht ekelhaft“

Das Genderthema scheint die Gemüter der Jugendlichen deutlich stärker zu erhitzen als das Thema Monobraue. „Da war viel Hate zu sehen und wenig Argumente“, resümiert Saachi in der Auswertung. In ihrer konstruktiven Rolle sei sie da gar nicht hinterhergekommen. „So schnell konnte ich gar nicht reagieren, wie die Hater ihre Kommentare abgeschickt haben“, sagt sie. „Wenn du jemanden supporten willst, musst du erst mal wissen, mit welchen Argumenten, das kostet Zeit. Haten ist da viel einfacher, haten kann jeder.“ Josue nickt zustimmend: „Als Hater kann man schreiben, was man will. Das muss noch nicht mal zum Thema passen.“

Auch Mitschülerin Tugra ist in der konstruktiven Rolle an ihre Grenzen gestoßen: „Egal, was man geschrieben hat, man konnte die Hater gar nicht erreichen. Man lieferte Argumente, die wurden aber einfach ignoriert.“ Josue ergänzt: „Mich hat das richtig wütend gemacht, dass meine Stimme in dieser Rolle nicht gehört wurde.“

Medienpädagogin Jana Bories nimmt das zum Anlass, von der Bedeutung der stillen Mitleser zu erzählen: „Ihr dürft nicht davon ausgehen, dass ihr die Hater überzeugen könnt, aber eure Kommentare werden trotzdem gelesen: von den stillen Mitlesern, die zwar den Chat lesen, sich aber nicht aktiv an der Diskussion beteiligen. Die könnt ihr mit eurer Gegenrede sehr wohl überzeugen.“ Und sie schiebt gleich noch zwei Tipps hinterher: „Manchmal kann auch eine visuelle Botschaft helfen, jemanden zu unterstützen. Und wenn ihr gegenseitig eure Kommentare likt, dann setzt ihr dem Hass ebenfalls etwas entgegen.“ Im Übrigen reiche es aus, nur einen guten Kommentar zu schreiben, „einen, mit dem ihr euch wohlfühlt. Schickt gute Argumente in die Welt, für die stillen Mitleser. Und seid euch der Tatsache bewusst, dass es noch andere Leute gibt, ihr müsst nicht allein die Welt retten.“ Die Maxime des Vereins ichbinhier lautet nicht umsonst: „Wir sind der Meinung, dass Fakten, Mut und Freundlichkeit stärker sind als Gerüchte, Angst und Hass. Und dass jede Stimme das Klima besser macht. Viele positive erst recht.“

Fotografin Maren Preiß

Im dritten Teil des Workshops nehmen die Ergebnisse des Bootcamps buchstäblich Gestalt an: In Gruppenarbeit sollen die Schülerinnen und Schüler die stärksten Kommentare aus ihrem Chat heraussuchen und sie auf einer Linie, deren Spektrum von „besonders respektvoll“ bis „besonders respektlos“ reicht, platzieren. Auf großen Papierbahnen werden die Ergebnisse festgehalten und anschließend auf einer Tafel befestigt. Das Phänomen Hate Speech hat nun das so dringend notwendige Gegengewicht: die mit Argumenten untermauerte sachliche Counter Speech.

Nach fünfeinhalb Stunden Unterricht, zwei Simulationsblöcken, jeder Menge Input, vielen Diskussionen und einer Gruppenarbeit stellt Jana Bories schließlich die Abschlussfrage: Warum sollten wir uns eigentlich auch für jemanden einsetzen, wenn wir gar nicht selbst betroffen sind? Die Medienpädagogin strebt dramaturgisch auf das große Finale zu, auf die Frage, die wie eine Klammer die Veranstaltung umrahmt: In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Am Ende, so Bories, gehe es ihr um diesen Klickmoment: die Notwendigkeit zu spüren, in einen Diskurs einzugreifen, seine Stimme zu erheben, weil ein paar Leute die Stimmung vermiesen und die Zahl der Meinungen, die gehört werden, kleiner werden.

Lehrer Hédi Boudin schätzt am Bootcamp besonders den Perspektivwechsel. „Es war wichtig, dass die Jugendlichen die Sichtweise gewechselt haben. Dadurch haben sie gesehen, was Haten und Supporten im Einzelnen bewirken kann. Dass es anschließend auf einer Metaebene diskutiert wurde, macht die Schülerinnen und Schüler dabei unglaublich kompetent.“ Das Bootcamp trage dazu bei, dass die Jugendlichen gestärkt werden im Umgang mit Hass-Kommentaren in den sozialen Netzwerken. „Dieser Workshop ist eine hervorragende Präventionsarbeit.“

Das Feedback von dreien seiner Schüler scheint ihm recht zugeben. Für Tugra hat sich der Blick auf das Thema durch den Workshop verändert. „Davor war ich eine Person, die nur zugeschaut hat. Ich war eine der stillen Mitleserinnen. Jetzt bin ich mutiger geworden, meine Stimme zu erheben.“ Auch Saachi würde jetzt „sofort eingreifen“, wenn sie sähe, dass jemand im Netz angegriffen wird. Und auch Josue würde sich in einem Chat mit vielen Hasskommentaren nun wohl nicht mehr zurückziehen. „Wenn jemand etwas Blödes sagt, dann lasse ich ihn erst mal aussprechen und halte dann mit Argumenten dagegen. Aber wenn es zur Erniedrigung kommt, dann hört der Spaß auf. Bei extremen Sachen würde ich einen Kommentar anzeigen. Dass das möglich ist, wusste ich vorher nicht.“

Fotografin Maren Preiß

Autorin Maren Preiß