Wolf Biermann während seiner Festrede anlässlich der Verleihung des BERTINI-Preises am 27. Januar 2014 (Bild: Carsten Thun)

Rede Wolf Biermanns

Anlässlich der Preisverleihung im Ernst Deutsch Theater am 27. Januar 2014

Männlein wie Weiblein – liebe preisgeschmückte Schüler! Verehrte Lehrer beiderlei Geschlechts! Willkommene Nobilitäten unserer Hansestadt! Kleingeister und Großkopfete aus Kunst und Wissenschaft, angetörnte Zaungäste und abgetörnte Reiter auf den Holzpferdchen im Medien-Karussell! Am Ende der obligaten Arabeske: greiser Herzensbruder Ralph Giordano.

*

Vor 16 Jahren wurde dieser Bertini-Preis zum ersten Male vergeben. Und heute habe ich die Ehre, sollte lügen: das Vergnügen, eine kleine Festrede für dieses Jahr 2014 zu halten, im vertrauten, im sympathischen Ernst-Deutsch-Theater unter den Fittichen der schönen Intendantin Isabella Vértes-Schütter, hier also im plebejischen Mundsburger Winkel von Barmbek basch. Es ist nicht meine Aufgabe, die ausgezeichneten Preisträger zu loben.

Die einzelnen Projekte der heute preisgekrönten Schülerinnen und Schüler werden sogleich von drei verschiedenen Lobrednern vorgestellt werden, die kurz und genau genug würdigen können, was da konkret zu loben ist.

Ich will heute zum ersten Mal einen Mann preisen, dem wir es überhaupt verdanken, daß es diese gute Tradition des Bertini-Preises in Hamburg gibt, seit nun schon sechzehn Jahren. Wir verdanken diesen Bertini-Preis dem pensionierten Pädagogen Michael Magunna.
Dieser Deutsch-Lehrer kam Anfang der 90er Jahre auf die Idee, einen solchen Preis für unsere Hansestadt vorzuschlagen. Der Lehrer hatte seinen Schülern im normalen Lehrplan für Höhere Schulen natürlich den weltbedeutenden Lübecker Heimatschinken „Die Buddenbrooks“ pädagogisch aufgeschnitten und serviert. Lehrer Magunna – zudem ein lebenslänglicher Goetheverehrer – hat seinen Kids in der Schule auch das Menschheitsdrama FAUST auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt. Goethes Hauptwerk verknüpft ja das fast noch mittelalterliche Volksbuch vom Schwarzkünstler Doktor Faustus im 16. Jahrhundert kunstvoll mit dem modernen Krimi seiner eigenen Epoche: Das plebejische Elend der Kindsmörderin.

Wolf Biermann während seiner Festrede anlässlich der Verleihung des BERTINI-Preises am 27. Januar 2014 (Bild: Carsten Thun)
Wolf Biermann während seiner Festrede anlässlich der Verleihung des BERTINI-Preises am 27. Januar 2014 (Bild: Carsten Thun)

Und ich sah vor 30 Jahren eine unerwartet starke, ja, fast professionelle Faustinszenierung, die dieser Lehrer damals mit den Schülern auf die Bühne seiner Schule gebracht hat.

Nun aber das Außerordentliche: dieser Magunna hat dann, und auf eigene Faust, mit seinen Schülern auch den Hamburger Heimat-Roman „Die Bertinis“ in seinen Lehrplan aufgenommen.

„Die Bertinis“ sind eine Art hanseatische Familiensaga. Sie spielt hauptsächlich im Tausendjährigem Reich, eine Story, mit einem jüdisch-italienisch-schwedischen, wie man heute korrekt sagt:  Migrationshintergrund. Der Autor Ralph Giordano schildert in seinem Roman mit viel Wahrhaftigkeit und wenig Fabelei, was er selber im Hamburg der Nazizeit erlebte und wie er mit seiner kleinen Familie den Holocaust überlebte.

Ein Elite-Literat wie Thomas Mann würde über den Realismus seines Kollegen Ralph Giordano vermutlich Spott ausgießen. So giftete der Großschriftsteller mal über einen Nachwuchs- Romancier: „Man hat das peinliche Gefühl, der Autor hat wirklich alles selbst erlebt, was er da im Roman erzählt …“  Das klingt nach einer Witzelei von Oscar Wilde. Soweit kannte ich den „guten Menschen von Köln“, Heinrich Böll: der hätte bei solchem Feuilleton-Schmäh den Kopf geschüttelt. Und ein ungnädiger Zeitgenosse wie Günter Grass wohl gegrinst. Neid und Bewunderung sind oft Zwillinge.

Die Mutter der Roman-Familie Bertini ist eine galizische Jüdin, wie es auch die wirkliche Mutter des Ralph Giordano war. Im Roman wie im Leben: Der Vater ein Hallodri, ein italienischer Mann am Klavier und in Hitlers Hamburg gefährlich „jüdisch versippt“. Und die drei Söhne dieser Eltern im tödlichen Schatten der Rassegesetze, sogenannte „Halbjuden“.

Ralph Giordano erzählt anschaulich und anrührend, wie er entkam, mit seinen Eltern und drei Brüdern.

Zwölf Jahre lang entging er den Deportationen und wurde auch nicht getötet unter dem Bombenhimmel im Inferno des Feuersturms „Gomorrha“, im Juli 1943. Mir selbst ist das alles vertraut und eingebrannt ins Gedächtnis. Diese Gefahren habe ja auch ich als ein Kommunistenkind und Judenbalg, als ein „Mischling Ersten Grades“ – hier in Hamburg-Hammerbrook überlebt.

Den Bombenkrieg der Alliierten gegen die Hitlerdiktatur verklarte meine kommunistische Mutter mir in Worten, wie ich sie verstand, als einen Freiheitskrieg: Die tödlichen Flugzeuge über uns – so flüsterte sie – waren not-wendig, denn sie sollten unsere Not wenden.

Giordano erzählt im Roman, wie seine kleine Familie gegen Ende des Krieges – mit knapper Not bis zum Einmarsch der britischen Armee – im Keller einer Ruine im abgebrannten Stadtteil Barmbek durchgehalten hat. Dieses Kunststück gelang nur, weil es auch in Hamburg in diesen finsteren Zeiten der Nazi-Diktatur Deutsche gab, die einen jüdischen Nachbarn nicht bei der Gestapo denunzierten, die den vogelfreien Juden sogar beistanden, mit Brotmarken, mit einem Versteck, mit ein paar Briketts und Kartoffeln – sei es mit einem tröstenden Wort, sei es mit Verschwiegenheit.

Michael Magunna, dieser leidenschaftliche Pädagoge, hatte die Botschaft des Romanautors Ralph Giordano offenbar nicht nur in die jungen Köpfe transportiert, sondern dabei auch selbst tiefer begriffen. Er besuchte mit seinen Schülern die Straßen und Plätze des Bertini-Romans, etwa so, wie die James-Joyce-Begeisterten am Bloomsday in Dublin auf den Spuren des Ulysses wandeln.

In Rostock und im Ruhrgebiet brannten nach dem Tod der DDR die Asylantenheime. Es gab „National befreite Zonen“ in Mecklenburg. So kam dem Lehrer der Einfall, in Hamburg einen Schüler-Preis zu begründen, der sich andockt an diese 800 Seiten lange Hamburgensie des hamburger Juden mit dem italienischen Namen. Und wichtiger noch: Magunna hatte außerdem das Geschick, die Nerven und das Beharrungsvermögen, seine Idee – gegen die Trägheit der Bürokratie – in die Tat umzusetzen. Das gelang ihm, weil er Mitstreiter fand, engagierte Schulkollegen, kluge Mäzene, ganz besonders den Literatur-Journalisten Hans-Jürgen Fink vom Hamburger Abendblatt. Ich lese Ihnen ein paar Sätze vor, aus des Deutschlehrers allererstem Schriftsatz an die Schulbehörde vom 14. September 1994. All das passierte vor 20 Jahren:

Lehrer Michael Magunna ergriff vor 20 Jahren die Initiative, die zum BERTINI Preis führte.
Lehrer Michael Magunna ergriff vor 20 Jahren die Initiative, die zum BERTINI Preis führte.

Begründung meines Vorschlages zur Stiftung eines „Bertini-Preises“ durch die Freie und Hansestadt Hamburg:

Ziel des Preises soll es sein, ein Verhalten von Schülern zu fördern und einzuüben, „politische und soziale Verantwortung zu übernehmen und im Sinne der freiheitlich-demokratischen Grundordnung an der Gestaltung der Gesellschaft mitzuwirken.“ (§2, Abs. 2.4 Schulgesetz der Freien und Hansestadt Hamburg vom 17. 10. 1977), indem sie aufgefordert werden, zu jeder Form von Rassismus und chauvinistischem Nationalismus im Bereich Hamburgs … auf diese oder jene Weise tätig Stellung zu nehmen.

Damit soll gemeint sein: Beispiele für aktive Toleranz zu geben oder diese zu fördern; Beispiele für aktive Integration von Ausländern und Minderheiten zu geben oder diese zu fördern; innovativ und aktiv zu werden bei der Hilfe und Schutz bei Verfolgung und Diskriminierung in ihrem Gemeinwesen oder Hilfe und Schutz zu organisieren. – Man könnte dieses Ziel zusammenfassend mit „produktiver Zivilcourage“ für die im Grundgesetz verankerten Wertvorstellungen umschreiben, die noch den Grundkonsens unserer Gesellschaft darstellen.“

So lautete damals die Eingabe an die Obrigkeit, abgefaßt in einem verdorrten Deutsch, das auch Aktenschränke auf zwei Beinen verstehen.

Man könnte das Gemeinte auch lebendiger sagen. Im Grunde das Gleiche formulierte einst in Paris der deutscheste aller deutschen Dichter, Heinrich Heine. Der fand – was Wunder – eine schöne Formulierung. Der Poet nannte das, was der Lehrer Michael Magunna „produktive Zivilcourage“ nennt, in seinem Gedicht „Enfant Perdu“ kurz und bündig „Freiheitskrieg“, also den „Freiheitskrieg der Menschheit“.

Ja, verehrte Friedensfreunde, Sie haben richtig gehört: Krieg. Freiheitskrieg. Krieg ist ja eigentlich ein Schreckenswort. Ich will Ihnen verraten, wie Heine auf das elektrisierende Wort „Freiheitskrieg“ kam, er hat es mir in Paris vor kurzem erst verraten.

Ich besuchte meinen Meister nach Jahren mal wieder auf dem Friedhof am Montmartre und fragte: Wie kam ihnen die tolle Erfindung in den Kopf, ich meine die Zeile: „Verlorner Posten in dem Freiheitskriege // Hielt ich seit dreißig Jahren treulich aus …“ ?  Heine sagte: „ach, keine Erfindung! Das Doppelwort >Freiheitskrieg< kam schon gelegentlich vor! Und meistens stimmte an ihm nur der hintere Teil: Krieg. Denn die Freiheit, die da erkämpft werden sollte, erwies sich als Betrug, oder Illusion, als die Camouflage der nächst raffinierteren Form von Unrecht und Unterdrückung.

Ich hab in meiner frühen Jugend erlebt – wie eine Offenbarung – in Düsseldorf den Kaiser Napoleon als Hegels Weltgeist zu Pferde … und dann brachen ja die so genannten Freiheitskriege der Deutschen aus. Absurd! Diese Kriege gegen den Befreier Napoleon Bonaparte, eine Farce! Für uns Juden in Europa war und blieb dieser Imperator der Emanzipator, der ersehnte Befreier! Der Deutsche Michel aber wollte lieber schnarchen, wollte lieber von seinen vertrauten Fürsten geknechtet werden, statt von den frechen Franzosen wach geküsst. Im Singular aber des fatalen Wortes, wie ich es dann – am Rande der Matratzengruft in Paris – 1851 für meinen Gebrauch prägte: also im „Freiheitskrieg“ – da bedeutet dieses Zweiworte-Wort etwas Geistiges! Revolutionäres! und Erfreuliches! Ich meinte nämlich den ewigen Freiheits-Krieg der Menschheit gegen Unterdrückung, im Kleinen wie im Großen, im Privaten wie im Politischen. Und das ist ein wahrhaft heiliger und ist ein ewiger Krieg, den wir Menschen schon ausgefochten haben in der Steinzeit, dann in der Antike. Und wir kämpfen ihn aus bis heute. Das wird bis ans Ende der Welt so weitergehn.“

Heine redete sich in Rage: „Diese Binsenwahrheit hat sogar der geniale Fürstenknecht Goethe originell formuliert:

Nur der verdient sich Freiheit, wie das Leben,
der täglich sie erobern muß …

Wolf Biermann am 27. Januar 2014 im Ernst Deutsch Theater (Bild: Carsten Thun)
Wolf Biermann am 27. Januar 2014 im Ernst Deutsch Theater (Bild: Carsten Thun)

Nun kam es mir vor, als ob die weiße Marmorstatue auf dem Grab wackelte. Heine geriet ins Predigen: „Freiheitskrieg! Ein ewiges Auf und Ab. Allerdings jedes mal neu inszeniert. In jeder Epoche rebelliert der alte Adam in neugeschneiderten Kostümen und mit moderneren Waffen, von der Steinschleuder über die Armbrust und Kanonen bis …“ – da stockte Heine. Und ich ergänzte. „Von der Steinschleuder bis zur Atombombe und zum Computer.“ – „Computer? – Sie reden sonderbar irre!“ – Ich sagte: „Nein! Das Fernsehen schüttet uns jeden Tag eine Kanne digitales Blut, Menschenblut aus aller Welt, ins Wohnzimmer. In diesen Monaten tobt der Freiheitskrieg in der Stadt Kiew, in Afghanistan, in Thailand, in Ägypten, Afrika, in Russland … in … Und unsre schöne Hansestadt Hamburg ist gewiß keine Hölle, aber auch kein Paradies!

Sie kommen aus Hamburg?
Ich lebe dort, im schöneren Altona.

„Altona …“, seufzte der Heine auf: „Onkel Salomon, der Rothschild von Hamburg! Der reiche Sack! Der riesige Park! Der Mastenwald im Hafen! Der Blick von seinem Balkon über die Elbe … seine Tochter Amalie, der üppige Engel … Ach, mein Freund … über Freiheitsfragen konnte ich mit meinem Onkel Salomon Heine in Hamburg nie disputieren. Deswegen waren die finanziellen Zuwendungen, mit denen er mich schlau besänftigen wollte, für mich immer eine Demütigung. Eigentlich hatte er kein moralisches Recht, mir immer wieder das schnöde Geld zu zahlen. Aber was tun? Ich mußte leben. Und Mathilde, mein Weib in Paris, mein süßes dickes Kind, wollte Austern schlampampern und Kleider aus Samt und Seide tragen. Flanieren … und Champagner schlürfen …“

Dann kam es mir vor als ob der Heine in seinem weißen Marmorgrab im Cimetière auf der butte Montmartre eingeschlafen war, und so ging ich meiner Wege.

*

Wenn ich hier heute nicht der Festredner wäre, sondern der Lehrer, und das Ernst-Deutsch-Theater wäre eine pädagogische Anstalt, dann würde ich versuchen, Sie alle in ein spielerische Exerzitie zu locken. Wenigstens ein großes Gedicht sollte jeder Mensch auswendig hersagen können. Sei es zum sich Spreizen im Spiel der Geschlechter und auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten. Oder sei es als poetischer Notproviant, ein Stück Seelenbrot im Knast. Ich würde meinen Schülern die Hausaufgabe aufladen, das Testament des exilierten Dichters Heine, also seine gereimte Lebensbilanz auswendig zu lernen. Das Gedicht „Enfant Perdu“. Es findet sich im Zyklus „Romanzero“, der im Hamburger Verlag Hoffmann & Campe 1851 veröffentlicht wurde. Diese unsterblichen Verse werde ich wohl noch auswendig hersagen können, wenn so vergängliche Worte wie „Bertini-Preis“, „Buddenbrooks“, „Computer“ und „Energiewende“ und „Oevelgönne“ und „Athabaska-Kai“ auf der Festplatte in meinem Schädel längst gelöscht sind. Ich werde Ihnen jetzt zum Schluß das Gedicht aufsagen wie ein braver Schüler in der Abitur-Prüfung bei Schulmeister Magunna.

Im Sinne von Heinrich Heine seid nun Ihr, Jungs und Deerns, geprüft worden: von der Jury gewogen und für schwer genug befunden. Ihr habt immerhin eine Ahnung davon, daß Soldaten in Heinrich Heines Freiheitskrieg der Menschheit keinen Sold kriegen und daß sie gehorsam nur gegenüber den Befehlen des eigenen Gewissens sind. Ihr habt auf Eure Art den Sinn für politische Zivilcourage bewiesen. Dabei mußtet Ihr keine Bäume ausreißen und keine Berge versetzen, weil ihr zum Glück in einer Demokratie lebt. Ihr gehört zu denen, das habt Ihr bewiesen, die unsere Demokratie schätzen, sie ideenreich verteidigen und so am Leben erhalten.

Sollte eines schönen Tages eine totalitäre Diktatur über uns hier hereinbrechen, dann wäret Ihr jedenfalls etwas früher gewarnt und besser gewappnet als solche, die sich niemals tapfer eigemischt haben in den Streit der Welt.

Damit sich ein paar von Euch das Heine-Gedicht bequem in die Tasche stecken können, und anschließend ins Gehirn, habe ich Euch Heines poetische Bilanz abgeschrieben und mit dem Computerprogramm „create booklet“ auf das handlichere Din A5 – Format zweiseitig ausgedruckt.

So´n Spickzettel mit dem schönen Gedicht müßte eigentlich auch meinem Freund, dem Goethe- und Giordano-Fan Michael Magunna gefallen. Der Teufel Mephistopheles liefert dazu die Studentenweisheit im Faust:

Denn was man schwarz auf weiß besitzt,
Kann man getrost nach Hause tragen.

Magunna, Magunna! Du hast uns diesen Bertinipreis aufgeladen! Du bist Schuld an allem! Und wir danken es Dir.


 Heinrich Heine (1797 -1856)
Enfant Perdu

   Verlorner Posten in dem Freiheitskriege,
Hielt ich seit dreißig Jahren treulich aus.
Ich kämpfte ohne Hoffnung, daß ich siege,
Ich wußte, nie komm ich gesund nach Haus.

   Ich wachte Tag und Nacht – Ich konnt nicht schlafen,
Wie in dem Lagerzelt der Freunde Schar –
(Auch hielt das laute Schnarchen dieser Braven
Mich wach, wenn ich ein bißchen schlummrig war).

   In jenen Nächten hat Langweil‘ ergriffen
Mich oft, auch Furcht – (nur Narren fürchten nichts) –
Sie zu verscheuchen, hab ich dann gepfiffen
Die frechen Reime eines Spottgedichts.

   Ja, wachsam stand ich, das Gewehr im Arme,
Und nahte irgendein verdächt’ger Gauch,
So schoß ich gut und jagt ihm eine warme,
Brühwarme Kugel in den schnöden Bauch.

   Mitunter freilich mocht es sich ereignen.
Daß solch ein schlechter Gauch gleichfalls sehr gut
Zu schießen wußte – ach, ich kann’s nicht leugnen –
Die Wunden klaffen – es verströmt mein Blut.

   Ein Posten ist vakant! – Die Wunden klaffen –
Der eine fällt, die andern rücken nach –
Doch fall ich unbesiegt, und meine Waffen
Sind nicht gebrochen – nur mein Herze brach.


Ralph Giordano bedankt sich bei Wolf Biermann für seine Festrede. (Bild: Carsten Thun)
Ralph Giordano bedankt sich bei Wolf Biermann für seine Festrede. (Bild: Carsten Thun)

 

Lasst Euch nicht einschüchtern