AUS DER REIHE GETANZT – ERINNERUNG AN DIE SWING-JUGEND

18 Schülerinnen und Schüler vom Theaterkurs der Bugenhagen-Schule Alsterdorf befassten sich mit der Swing-Jugend, die im Nationalsozialismus unterdrückt und verfolgt wurden und brachten deren Geschichte auf die Bühne.

  • AUS DER REIHE GETANZT: SCHÜLERINNEN UND SCHÜLER PROBEN DEN SWING.

SIE BEGEISTERTEN SICH FÜR AMERIKANISCHEN JAZZ UND TANZTEN DAZU LINDY HOP. SIE STYLTEN SICH NACH ENGLISCHER MODE, DIE JUNGS IN FLANELLANZÜGEN SAMT KRAWATTE MIT WINDSOR-KNOTEN. DIE MÄDCHEN IN BUNTEN KLEIDERN, FALTENRÖCKEN ODER HOSEN UND GESCHMINKT. SIE NANNTEN SICH SWING-GIRLS UND -BOYS ODER EINFACH SWINGS. DOCH IHRE BEGEISTERUNG FÜR DIE ENGLISCHSPRACHIGE MUSIK, MODE UND LÄSSIGKEIT DURFTEN SIE IM NAZI-DEUTSCHLAND NICHT AUSLEBEN. ZUNEHMEND WURDE DIE SWINGS OPFER VON UNTERDRÜCKUNG UND VERFOLGUNG.

„Die meisten Swing-Kids haben ihre Einstellung trotz der Gefahren aber nicht aufgegeben“, sagt Jannika Möring (18), Schülerin der Bugenhagen-Schule Alsterdorf. Diese Haltung hatte sie und die anderen 17 Schülerinnen und Schülern des Theaterkurses stark beeindruckt. In der Planung für ein neues Stück hatten sich die Jugendlichen gemeinsam mit Theaterlehrerin Corinna Honold intensiv mit der Swing-Bewegung beschäftigt, die sich in den 1940er Jahren in einigen Großstädten, insbesondere auch in Hamburg verbreitete. „Wir wussten bis dahin kaum etwas über die Bewegung“, sagt Louisa Gerds (18).Zur Vorbereitung sahen die Schülerinnen und Schüler einen Film über die Swing-Jugend und lernten selbst, Swing zu tanzen. Die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler hörten die passende Musik und besuchten an den Hamburger Kammerspielen ein Musical über den Jazzmusiker und Gitarristen Coco Schumann. Der Sohn jüdischer Eltern hatte, trotz der Deportation in verschiedene Konzentrationslager, den Holocaust überlebt. „Die Musik hat sein Leben gerettet, aber andere in den Tod begleitet. Er musste an der Todes-Rampe im KZ Auschwitz deutsche Lieder spielen“, berichtet Tom Tavassoli (18).

Aus diversen Zeitzeugenberichten erfuhren die Schülerinnen und Schüler mehr über die Bewegung und deren Unterdrückung, wie etwa in der Biografie von Uwe Storjohann „Hauptsache Überleben“. Der Schauspieler und Hörfunkredakteur, der heute 93 Jahre
alt ist und in Hamburg lebt, war begeisterter Anhänger der Hamburger Swing-Jugend und wurde deshalb selbst Opfer von Strafaktionen der Nazis. „Es war verboten, die sogenannte Musik des Feindes zu hören, auch Tanzveranstaltungen wurden verboten“, sagt Bjarne Gartz (18).

Mit ihrem Freigeist wurden die Swings zu einer Opposition gegen die Nazis. Auf Razzien wurden sie deshalb festgenommen und zum Verhör in die Gestapo-Hauptzentrale an der Stadthausbrücke gebracht. „Verhör bedeutete auch schwere Misshandlung durch Prügel“, sagt Jeanette Nielsen (20). Und es kam noch schlimmer. „1942 ordnete Heinrich Himmler an, dass Angehörige der Swing-Jugend ins KZ gesperrt werden sollten“, berichtet Serguei Vikoulov (18). Auch ein Freund von Uwe Storjohann, der Hamburger Jazzfan Günter Discher wurde in das Jugend-KZ in Moringen deportiert.

Auf der Basis von Originalzitaten aus Zeitzeugenberichten entwickelte der Theaterkurs sein knapp einstündiges Stück „Aus der Reihe tanzen – ein Theaterprojekt zur Hamburger Swing-Jugend“. Ihr Ziel: „Die Geschichte der Swing-Jugend lebendig zu halten“, sagt Tandy. „Damit sie nicht in Vergessenheit gerät, gerade jetzt, wo die Zeitzeugen immer weniger werden“, ergänzt Tom.

Ihr Stück lassen die Oberstufenschüler mit der positiven fröhlichen Stimmung der Swing-Musik starten, zeigen wie sich die Jugendlichen im Swing-Stil kleiden und zum Tanzen gehen. Doch im Laufe des Stückes vermitteln sie auch die düstere Seite dieser Jugend-Bewegung, die zur ersten Subkultur wurde. „Manche führten ein Doppelleben, gingen zu Hitlerjugend und Nazi-Veranstaltungen und lebten heimlich den Swing, andere zeigten offen ihre Einstellung“, berichtet Jannika. Die Konsequenzen waren hart, wie etwa eine Szene zeigt, in der ein Schulleiter von der Swing-Aktivität eines Schülers erfahren hat. „Schüler wurden von der Schule verwiesen und durften auch nicht studieren“, berichtet Louisa. So erging es auch der Kunststudentin Charlotte Heile, die ein Plakat mit einer Satire auf die Nazis entworfen hatte. „Es wurde eingezogen, sie wurde verhaftet und musste das Kunststudium abbrechen“, so Tandy.

Die Schülerinnen und Schüler wollten mit ihrer Inszenierung auch nachvollziehbar machen, welchen Grausamkeiten die Jugendlichen ausgesetzt waren. Mit einem eigenen Dezernat verfolgte die Hamburger Gestapo ab Mitte 1941 die Swing-Jugendlichen und verhaftete sie. Im Hauptquartier an der Stadthausbrücke warteten die Festgenommenen im sogenannten Spiegelsaal auf die Verhöre. „Viele wussten, das Verhöre schwere Prügel bedeuteten“, sagt Jannika. Der Theaterkurs informierte sich an der heutige Gedenkstätte Stadthausbrücke über die Örtlichkeiten und sah sich die ausgestellten Dokumente aus der NS-Zeit an. Mit dem Konzept der jetzigen Ausstellung, die noch weiterentwickelt werden soll, waren die Jugendlichen allerdings nicht zufrieden. „Es
fehlt schon am Eingang ein deutlicher Hinweis auf die Gedenkstätte“, sagt Bjarne. Und: „Es gibt dort nichts zu den Swing-Jugendlichen“, kritisiert Serguei.

In der Schlussszene ihres Stückes stellen die jungen Schauspieler ein Verhör nach. „Ich habe eine Verhaftete gespielt, die gefragt wird, warum sie gegen die Nazis ist, warum sie nicht in der Hitler-Jugend ist. Meine Antwort: „Ich möchte ein freier Mensch sein“, sagt Jeanette. Daraufhin stimmt sie gemeinsam mit den anderen Darstellern einen Song aus der Swing-Ära an. „Mit dem Lied am Ende wollten wir nochmal einen positiven Akzent setzen, zeigen, dass sich die Jugendlichen nicht unterkriegen ließen“, sagt Tandy.

Dreimal führte der Theaterkurs das Stück auf, vor jüngeren Mitschülern ebenso wie vor erwachsenem Publikum. „Die Reaktionen waren sehr positiv. Dass es ihnen gelungen ist, die heiteren Momente des Swing-Kids ebenso darzustellen wie die düstere Seite der Unterdrückung, freut sie ganz besonders. „Es war ja eine ziemlich friedliche Gegenbewegung zu den Nazis, sie haben keine Gewalt angewandt, als sie sich den Vorgaben der Nazis verweigerten, sie wollten nur nicht im Gleichschritt mitlaufen“, sagt Tom. Ihr Mut und ihre Zivilcourage sind für Serguei ein Vorbild auch für die Gegenwart: „Angesichts der Entwicklung der rechten Szene in mehreren Ländern ist es wichtig ihre Geschichte weiterzutragen, die zeigt, dass man sich auflehnen kann“, sagt er. Und es sei ebenso wichtig, an die Ausgrenzung von Menschen zu erinnern, die nichts Böses getan haben. Das dürfe sich nicht wiederholen, da ist sich die Theatergruppe einig.