20. BERTINI-Preisverleihung

EIN RAP-SONG GEGEN AUSGRENZUNG UND FÜR MEHR MENSCHLICHKEIT, EIN INTERRELIGIÖSER GESPRÄCHSKREIS, EIN FILM SOWIE DOKUMENTATIONEN UND SZENISCHE LESUNGEN ÜBER DAS SCHICKSAL JÜDISCHER KINDER UND DAS UNRECHT AN RUSSISCHEN ZWANGSARBEITERN WÄHREND DER NS-ZEIT: DAS SIND DIE FÜNF INSPIRIERENDEN PROJEKTE HAMBURGER SCHÜLERINNEN UND SCHÜLER, DIE VON DER JURY FÜR DIE AUSZEICHNUNG MIT DEM BERTINI-PREIS AUSGEWÄHLT WURDEN. IM RAHMEN DES INZWISCHEN TRADITIONELLEN FESTAKTES IM ERNST DEUTSCH THEATER ERHIELTEN DIE ENGAGIERTEN JUGENDLICHEN AM 27. JANUAR 2018 DEN BERTINI-PREIS 2017, DER ZUM 20. MAL VERLIEHEN WURDE.

VORSITZENDE DES BERTINI-PREIS E. V. ISABELLA VÉRTES-SCHÜTTER ERINNERTE IN IHRER ANSPRACHE AN RALPH GIORDANO: »SEINE HALTUNG HAT UNS ORIENTIERUNG GEGEBEN UND MUT GEMACHT. ER FEHLT UNS.«

Die Intendantin und Vorsitzende des BERTINI-Preis e. V. Isabella Vértes-Schütter begrüßte die über 600 Gäste in »ihrem Haus«, dem Ernst Deutsch Theater. In ihrer Ansprache erinnerte sie an Ralph Giordano: »Seine Haltung hat uns Orientierung gegeben und Mut gemacht. Er fehlt uns.« Überdies würdigte die Intendantin den Pädagogen Michael Magunna. Er hatte den Preis initiiert, nachdem er mit seinen damaligen Schülerinnen und Schülern den Spuren der Bertinis nachgegangen war.

VERANTWORTUNG ÜBERNEHMEN: HAMBURGS ERSTER BÜRGERMEISTER OLAF SCHOLZ BETONT IN SEINER JUBILÄUMSANSPRACHE, DASS DER BERTINI-PREIS DEN BLICK AUF HAMBURG ERWEITERT HABE.

Welchen Stellenwert der BERTINI-Preis für die Stadt Hamburg in den zwanzig Jahren seines Bestehens gewonnen hat, hob auch der im Januar noch amtierende Erste Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg Olaf Scholz in seiner Festrede hervor.

Die BERTINI-Preisträger hätten »den Blick auf Hamburg erweitert und ihn teilweise korrigiert «, sagte er. Denn sie hätten Biografien und Stadtgeschichte recherchiert und Erinnerungen von Zeitzeugen dokumentiert. Sie seien »gegen alte und neue Formen des Rechtsradikalismus aufgestanden«. Er betonte, dass gerade an diesem Tag, an dem die Rote Armee vor 73 Jahren das Konzentrationslager Auschwitz befreit habe, die Menschheitsverbrechen unter den Nationalsozialisten nicht vergessen werden dürften. »Unsere Verantwortung für Auschwitz bleibt. Jede Generation muss sich ihr stellen.« Und auf die Zukunft bezogen fügte Scholz hinzu: Man müsse sich damit auseinandersetzen, wie die NS-Vergangenheit einer Einwanderungsgesellschaft vermittelt werden könne. Wer zu uns komme und hier bleibe, müsse sich mit der besonderen deutschen Geschichte auseinandersetzen. »Das gehört dazu, wenn man dazugehört«, so Scholz.

Dass viele der jungen Preisträgerinnen und Preisträger, die zum Teil aus Migrationsfamilien kommen, dieses Gebot bereits umgesetzt haben, wurde im zweiten Teil der Veranstaltung deutlich, der engagiert und zugewandt von NDR-Moderatorin Julia-Niharika Sen moderiert wurde. In kurzen Einspielfilmen der NDR-Mitarbeiter Christian Becker und Christian Mangels wurden die Projekte prägnant vorgestellt. Anschließend bat die Moderatorin die Preisträgergruppen und ihre Laudatoren auf die Bühne.

In einem berührenden Film erinnerten die Schülerinnen Merle Lutz und Stela Vitalosova an das Schicksal des zwölfjährigen Walter Jungleib, der zu den ermordeten Kindern vom Bullenhuser Damm gehörte. »Ein Film von schlichter, schnörkelloser Klarheit und gerade deshalb so beeindruckend«, begründete Insa Gall, Lokalchefin vom Hamburger Abendblatt, in ihrer Laudatio das Votum der Jury.

Elf Schülerinnen und Schüler der Stadtteilschule Bergedorf waren den Spuren ehemaliger russischer Kriegsgefangener nachgegangen, an die mehr als 600 Gedenksteine auf dem Russischen Ehrenfriedhof in Bergedorf erinnern. Die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter mussten im damaligen KZ Neuengamme oder in Bergedorfer Betrieben Schwerstarbeit leisten, viele starben entkräftet. »Das Projektteam wollte das Vergessen aufhalten«, resümierte Laudatorin Isa Lübbers, Pröbstin im Kirchenkreis Hamburg- Ost. Die Jugendlichen sprachen mit Zeitzeugen, wandten sich an Betriebe, die damals Zwangsarbeiter beschäftigten, und untersuchten die Rolle der Kirche in jener Zeit. Isa Lübbers: »Diese Art der Aneignung von Schicksalen hat etwas in euch verändert. Und ihr habt es nicht für euch behalten, sondern anderen in szenischen Lesungen in Erinnerung gebracht.«

30 Siebtklässlerinnen und Siebtklässler des Gymnasiums Kaiser-Friedrich-Ufer konzipierten zusammen mit Kindern einer Internationalen Vorbereitungsklasse und einer syrischen Flüchtlingsfamilie ein mitreißendes Musikvideo gegen Vorurteile und Ausgrenzung. »Musik baut Brücken. Der ,Humanity Rap‘ der Kinder und Jugendlichen zwischen sechs und 19 Jahren transportiert diese Botschaft sehr eindrucksvoll«, lobte Heidi Melis von der Hamburger Volksbank die Preisträgerinnen und Preisträger, die ihren Beitrag getextet, choreografiert und produziert hatten.

Sind Freundschaften über kulturelle Grenzen hinweg möglich? Diese Frage war für vier Absolventen des Helmut-Schmidt-Gymnasiums in Wilhelmsburg Motivation genug, die interreligiöse Gesprächsrunde GIRA ins Leben zu rufen – mit Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern sowie interessierten Freundinnen und Freunden, die sich einmal im Monat treffen. Dies sei ein Forum, auf dem »alle alles sagen dürfen«, hob Laudatorin Dr. Sabine Bamberger-Stemmann, Leiterin der Landeszentrale für politische Bildung, hervor. Hier fühle sich niemand beleidigt und niemand könne einen anderen verletzen. Man diskutiere auf Augenhöhe.

Pate Ulrich Mumm von der BürgerStiftung Hamburg ehrte schließlich das Theaterprojekt »Reichsausschusskinder«, in dessen Rahmen 17 Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Klosterschule die Morde an behinderten Kindern durch NS-Ärzte in den Fokus genommen hatten. Ulrich Mumm führte aus: »Die Jugendlichen haben sich intensiv mit den historischen Tatsachen, den Abläufen und einzelnen Personen beschäftigt.« In eindringlichen Szenen habe der Theaterkurs die Zuschauer erreicht und erschüttert. »Dieses großartige Projekt enthält auch einen ethischen Impuls für uns und wirft aktuelle Fragen auf. Auch deswegen ist es so überzeugend.«

Geehrt wurden bei diesem 20-jährigen Jubiläum auch vier Lehrkräfte, die BERTINI-Preisträger bei der Durchführung ihrer Projekte unterstützt hatten: Olaf Bublay, Cläre Bordes, Sabine Hansen und Klaus Möller haben insgesamt 19 Projekte begleitet, die später mit dem BERTINI-Preis ausgezeichnet wurden. Spontan präsentierten die Siebtklässlerinnen und Siebtklässler des Gymnasiums Kaiser- Friedrich-Ufer auf Wunsch des Publikums den mitreißenden Refrain ihres »Humanity Raps« auf Deutsch und Arabisch – ein überzeugendes Symbol des Miteinanders und konkret gelebter Völkerverständigung.

Den musikalischen Rahmen der 20. Preisverleihung gestaltete die fünfköpfige Band »BIAS JAM« mit Marissa Cihan (Vocals), Birk Reimann (Bass & Backing-Vocals), Daniel Kröger (Keyboards & Backing-Vocals), Felix Oppermann (Guitar) und Jacob Wagener (Drums).