„Zum Andenken“: Vom Leben und Sterben des Ernst Lossa

Von der Volksgruppe der Jenischen hatte der Schüler Sina Moslehi noch nie etwas gehört. Durch ein Buch erfuhr er nicht nur von dem Schicksal eines Jenisch-Jungen, sondern auch von dem grausamen Euthanasie-Programm der Nazis. Er beschloss, einen Film darüber zu drehen.

Es war Zufall, dass Sina Moslehi, 16, Schüler des Heinrich-Heine- Gymnasiums das Buch „Nebel im August“ von Robert Domes zu lesen bekam. Es erzählt von Ernst Lossa, der im Alter von 14 Jahren von den Nazis ermordet wurde. Der Junge gehörte den Jenischen an, einer süddeutschen Volksgruppe, die von den Nazis verfolgt wurde. Ernst Lossa wurde der Familie entrissen und in Heime gesteckt. 1942 kam der körperlich und geistig gesunde Junge in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren/Irsee. © Carsten ThunDie einzige Fotografie, die von Ernst Lossa existiert, zeigt einen Jungen mit einem scheinbar hoffnungsvollen Blick. Doch Ernst Lossa wurde nur 14 Jahre alt. 1944 starb er in einer Heil- und Pflegeanstalt in Kaufbeuren – ermordet von einer Krankenschwester. In seinem Buch „Nebel im August“ erzählt der Journalist Robert Domes die Geschichte des Jungen. Er musste sterben, weil er mitbekommen hatte, wie die Nationalsozialisten ihr menschenverachtendes Euthanasie- Programm durchführten. 1939 erlaubte ein Euthanasie-Erlass Ärzten und Pflegepersonal die Ermordung von geistig und körperlich behinderten Kindern und Erwachsenen. Nach 1941 ging das Töten in verdeckter Form, der sogenannten wilden Euthanasie, weiter. Tausende von Menschen starben, weil sie wegen einer Krankheit oder Behinderung, wegen ihrer sozialen oder ethnischen Herkunft nicht in die perverse Rassen-Ideologie der Nazis passten.

„Ich war schockiert von der Willkür, mit der die Nazis Menschenleben entwerteten, sie als minderwertig einteilten und deshalb töteten“, sagt Sina Moslehi, 16. Der gebürtige Hamburger, dessen Eltern aus dem Iran stammen, hatte das Buch über Ernst Lossa zufällig in die Hände bekommen. „Eine Mitschülerin hatte es mir empfohlen, weil ich mich für historische Themen interessiere“, erzählt Sina. Nach der Lektüre ließ ihn das Schicksal des Jungen nicht mehr los. „Man hatte ihn in eine Heil- und Pflegeanstalt gesteckt, obwohl er körperlich und psychisch gesund war, und dort ermordet, weil man ihn loswerden wollte“, berichtet Sina Moslehi.

Sina Moslehi (16) mit Julia-Niharika Sen auf der Preisverleihung. © Carsten ThunDenn Ernst Lossa hatte in den Augen der Nazis gleich zwei Makel: Zum einen gehörte seine Familie der Volksgruppe der Jenischen an. „Sie werden auch als Landfahrer oder Fahrendes Volk bezeichnet und wurden von den Nationalsozialisten ebenso verfolgt wie die Sinti und Roma“, so Sina. Die Eltern von Ernst waren Händler. Als die Mutter nach schwerer Krankheit starb, rissen die Behörden die Familie auseinander. Der damals Vierjährige und seine beiden Schwestern kamen in ein Augsburger Waisenhaus. Der Vater wurde mit weiteren Familienmitgliedern 1939 in das KZ Dachau deportiert und kam 1942 im KZ Flossenbürg ums Leben.

Ernst, der ohne seine Familie aufwachsen musste, bekam zu seiner Herkunft auch noch einen weiteren Stempel aufgedrückt: Ein ärztlicher Gutachter bescheinigte dem Jungen, er sei ein „asozialer Psychopath“. „Er war im Waisenhaus durch Lügen und kleine Diebstähle aufgefallen und konnte sich dem Alltag nicht gut anpassen“, berichtet Sina. 1941 war Ernst deshalb in ein NS-Erziehungsheim eingewiesen worden. 1942 schob man ihn in die psychiatrische Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren ab, ein Jahr später kam er in die Zweigstelle des Krankenhauses nach Irsee.

Sina Moslehi (16) © Carsten ThunNoch vorhandene Krankenakten und vor allem die Nachkriegsaussagen von ehemaligen Pflegern ergeben jedoch ein vielfältigeres Bild des Jungen. Das als „abartig und gemeinschaftsunfähig“ eingestufte Kind wurde von Pflegern als freundlich und hilfsbereit beschrieben. „In der Anstalt hatte Ernst Nahrungsmittel gestohlen, um sie an hungernde Patienten zu verteilen“, sagt Sina. Ernst hatte mitbekommen, wie die Nazis die sogenannte „wilde Euthanasie“ betrieben, wie Insassen nachts in Bussen abgeholt wurden und nur ihre blutige Kleidung zurückkam. Wie man Patienten nur eine Wassersuppe gab, sie verhungern ließ. Auch Menschenversuche gab es in der Anstalt. „Vermutlich ahnte er, dass sein Wissen auch für ihn gefährlich wurde. Einen Tag vor seinem Tod schenkte er einem Pfleger ein Foto von sich mit der Aufschrift ,Zum Andenken’“, berichtet Sina. Am 8. August 1944 spritzte eine Krankenschwester ihm die tödliche Dosis eines Beruhigungsmittels, er starb am Tag darauf.

Sina Moslehi beschäftigte sich ausführlich mit der Geschichte des Jungen sowie mit den historischen Hintergründen. Er hatte sich entschlossen, „das Thema Euthanasie aus der Vergessenheit wieder ins Licht zu rücken“, so der Schüler. Und zwar mit einem Dokumentarfilm. „In der fünften Klasse hatten wir in der Schule ein Filmseminar, da habe ich erste Erfahrungen gesammelt, ich habe mich schon immer fürs Filmen interessiert“, erzählt der Schüler des Heinrich-Heine-Gymnasiums.

Er setzte sich mit Buchautor Robert Domes in Verbindung. Der im Allgäu lebende Autor zeigte sich angenehm überrascht, dass sich ein Hamburger Schüler für das Schicksal des Augsburger Jungen Ernst Lossa interessierte und darüber einen Film machen wollte. Er vermittelte ihm den Kontakt zu dem Psychiater Michael von Cranach. Der ehemalige Leiter der Psychiatrie im heutigen Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren hatte sich intensiv mit den Vorkommnissen in der Heil- und Pflegeanstalt während der Nazizeit beschäftigt und auch den Anstoß zu Robert Domes Buch gegeben. Beide wurden zu wichtigen Gesprächspartnern für Sina.

Julia-Niharika Sen interviewt Sina Moslehi und seinen betreuenden Lehrer. © Carsten ThunIn den Herbstferien 2010 fuhr Sina ins Allgäu, um sich mit ihnen zu treffen und sie vor laufender Kamera über das Schicksal von Ernst Lossa berichten zu lassen. Er interviewte auch Dr. Stefan Raueiser, den Leiter des Klosters Irsee. Die heute als Tagungsstätte genutzte Klosteranlage fungierte damals als Zweigstelle der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren, in der Ernst Lossa ums Leben kam. Sina drehte auf dem Gelände des Klosters und in einem Nebengebäude, in dem ein Raum als Sezierraum der Anstalt diente.

„Ich kam mit umfangreichem Material nach Hause und dann begann das Sichten und Filmschneiden“, sagt Sina. Acht Monate hat der Schüler gebraucht, um seinen Film fertigzustellen. Doch die lange Arbeit hat sich gelohnt. Der rund dreißigminütige Film mit dem Titel: „Zum Andenken: Vom Leben und Sterben des Ernst Lossa“ ist ein beeindruckendes Dokument. Sina Moslehi lässt seine Gesprächspartner in gut abgestimmten Sequenzen zu Wort kommen und ergänzt die Berichte mit eingeblendeten Zitaten aus Originaldokumenten und Bildzeugnissen, etwa von dem Nürnberger Ärzteprozess 1946-47.

Der Film wurde mehrmals über den Hamburger Lokalsender Tide TV ausgestrahlt. Sina präsentierte ihn auch auf einer Fachtagung im Kloster Irsee vor Psychiatern, Pflegern, Historikern und weiteren interessierten Teilnehmern. „Ich war sehr gespannt auf die Reaktionen, aber die waren durchweg positiv. Die Zuschauer waren sehr betroffen, fanden es aber gleichzeitig wichtig, sich gerade im Pflegebereich mit dem Vergangenen auseinanderzusetzen“, resümiert Sina. Er möchte mehr Menschen über das Unrecht informieren und plant weitere Vorführungen, etwa in Schulen. „Das Leid der verfolgten Menschen darf nicht vergessen werden“, sagt Sina. Seinen Film hat der couragierte junge Mann den Opfern des Nationalsozialismus gewidmet.