Wir wollen euch nicht vergessen

In der Stadtteilschule Bergedorf beteiligten sich 17 Achtklässler an einer außergewöhnlichen Hilfsaktion: Sie stellten Pakete mit Lebensmitteln und Alltagsdingen zusammen und schickten sie an Holocaust-Überlebende im Baltikum.

Chanukka-Pakete ins Baltikum: Nachdem deutsche Truppen 1941 das Baltikum besetzt hatten, begannen sie mit der gezielten Ermordung des jüdischen Teils der Bevölkerung. Nur nur wenige Juden in Estland, Lettland und Litauen überlebte den Holocaust. Heute wohnen noch etwa 150 Überlebende in Lettland und Litauen, viele von ihnen sind arm und pflegebedürftig. Um diesen Menschen zu helfen, beteiligten sich 17 Schülerinnen und Schüler der Stadtteilschule Bergedorf im Kurs „Kinder helfen“ an einer Paketaktion.
Chanukka-Pakete ins Baltikum: Nachdem deutsche Truppen 1941 das Baltikum besetzt hatten, begannen sie mit der gezielten Ermordung des jüdischen Teils der Bevölkerung. Nur nur wenige Juden in Estland, Lettland und Litauen überlebte den Holocaust. Heute wohnen noch etwa 150 Überlebende in Lettland und Litauen, viele von ihnen sind arm und pflegebedürftig. Um diesen Menschen zu helfen, beteiligten sich 17 Schülerinnen und Schüler der Stadtteilschule Bergedorf im Kurs „Kinder helfen“ an einer Paketaktion.

17 Schülerinnen und Schüler der Stadtteilschule Bergedorf beschlossen, sich über ihren Schulalltag hinaus zu engagieren. Sie belegten den Wahlpflichtkurs „Kinder helfen“, in dem unter anderem soziale Projekte unterstützt werden. Im Rahmen dieses Kurses existiert die Aktion „Chanukka-Pakete ins Baltikum“, an der sich bereits vorige Klassen beteiligt hatten. Als Lehrer Michael Hannemann den Achtklässlern erklärte, dass die Pakete an jüdische Überlebende des Holocausts gehen, die heute in großer Armut in Lettland und Litauen leben, stimmten sie sofort zu, an diesem Projekt weiterzuarbeiten. „Für uns war es richtig, Menschen zu helfen, denen es nicht so gut geht wie uns“, sagt Kaja Wriedt, 14. „Ich wusste auch gar nicht, dass die deutschen Truppen dort einmarschiert waren und so viel Schlimmes angerichtet hatten“, berichtet die vierzehnjährige Lotte Gehrken.

Zwischen 1941 und 1944 besetzte die deutsche Wehrmacht die baltischen Länder. Rigoros vernichtete die SS dort das jüdische Leben. Sie trieb die Menschen in Ghettos und Konzentrationslagern zusammen und beging systematischen Massenmord. Allein in dem Wald Rumbula nahe der lettischen Stadt Riga erschossen die SS-Truppen rund 3000 Juden. „Von 95.000 lettischen Juden überlebten nur eintausend die Schoah“, sagt Zeitzeuge Alexander Bergmann, 87. Der Anwalt und Vorsitzende der Vereinigung ehemaliger Ghetto- und KZ-Häftlinge Lettlands ist einer der wenigen jüdischen Holocaust-Überlebenden. Insgesamt wurden 90 Prozent aller Juden in Lettland, Litauen und Estland getötet.

„Die wenigen Menschen, die das überlebt haben, sind heute sehr alt, viele von ihnen sind krank und haben nicht viel Geld“, erklärt Schülerin Elisabeth Körs, 13. Erst seit 1999 bekommen die Opfer des Holocausts eine kleine Zusatzrente aus Deutschland, doch die alltägliche Not ist nach wie vor groß. Das deutsch-jüdische Versöhnungswerk Yad Ruth, das 1995 von Deutschen gegründet wurde, engagiert sich regelmäßig für die Überlebenden in Litauen und Lettland. Der Verein unterstützt auch die Paketaktion mit Spendengeldern.

„Die Pakete werden zu Chanukka, dem jüdischen Lichterfest, verschickt. Es liegt zwischen November und Dezember und ist ein Fest der Freude“, weiß Lotte. Damit die Pakete rechtzeitig zum Fest eintreffen, fangen die Schülerinnen und Schüler im September mit ihren Vorbereitungen an. „Wir haben uns zuerst bei den Organisationen von lettischen und litauischen Überlebenden erkundigt, wie viele Adressen sie haben“, erklärt Kaja. Wie sich herausstellte, sind es in Lettland noch 36 Überlebende, in Litauen 105, in Estland gibt es keine Überlebenden mehr.

Als Nächstes überlegten die 13- bis 14-Jährigen, was sie in die Sendungen hineinpacken wollten. „Wir haben unsere Eltern und Großeltern gefragt, was sie wohl am besten gebrauchen könnten“, sagt Elisabeth. Die Schülerinnen und Schüler sammelten die Anregungen und hatten schließlich 32 Dinge auf ihrer Einkaufsliste stehen: von Tee, Nudeln und Fischkonserven bis zu Schokolade und Lebkuchen. Auch Dinge, die man im Alltag benötigt, waren dabei, wie Seife, Shampoo oder Body Lotion. Einlegesohlen, „die man sich auf die passende Größe zurechtschneiden kann, wollten wir auch besorgen“, ergänzt Cara Herbert, 13.

Bevor die Schüler mit dem Großeinkauf starteten, durchstreiften sie mehrere Discounter und verglichen die Preise. „Wir haben geschaut, wo was am billigsten ist, wir wollten ja so viel wie möglich für die Spendengelder besorgen“, so Elisabeth. Die Ware bestellten sie dann telefonisch, „denn eine solche Menge von 150 Tee- oder 300 Nudelpackungen hat ja kein Laden vorrätig“, sagt Lotte. Beim Abholen der Produkte halfen dann Eltern mit Auto und Anhänger. In der Stadtteilschule wurde ein Gruppenraum zum Warenlager umfunktioniert. „Dort haben wir alles gestapelt und nach und nach in den 150 Paketen verstaut“, berichtet Elisabeth. Den Transport der Pakete ins Baltikum übernahmen Johanniter und Malteser.

Während ihrer Aktion befassten sich die Achtklässler auch mit weiteren Verbrechen während des Nationalsozialismus. Sie besuchten die Gedenkstätten des ehemaligen KZ Neuengamme und der Schule am Bullenhuser Damm und beteiligten sich an einer Reinigungsaktion von Stolpersteinen. Sie sprachen auch in ihren Familien über die Zeit des Krieges. „Ich habe meine Großeltern gefragt, was damals passiert ist, und meine Oma hat mir viel erzählt“, sagt Elisabeth. Nicht in jeder Familie gab es Antworten. Weitere Erkenntnisse gewannen die Schülerinnen und Schüler beim Besuch einer Zeitzeugin aus Riga an ihrer Schule. „Sie hat uns berichtet, wie sie als Kleinkind mit ihrer Mutter aus dem Ghetto von Riga geflohen ist“, sagt Lotte. So wurde das Thema Nationalsozialismus, das erst später auf dem Lehrplan des Geschichtsunterrichts steht, schon mit diesem Projekt für die Achtklässler auf vielfältige Weise erfahrbar.

Wie wertvoll ihre Hilfe für die Menschen im Baltikum ist, erfuhren die Schülerinnen und Schüler aus Dankesbriefen, die ihnen die Empfänger schickten. „Sie freuten sich über die Lebensmittel und auch über die Grußkarten, die wir für jedes Paket gestaltet haben“, sagt Kaja. Auch der Vorsitzende der ehemaligen Ghetto- und KZ-Häftlinge in Lettland, Alexander Bergmann, schrieb den Schülerinnen und Schülern. „Er hat sich bedankt, dass wir die Menschen nicht vergessen haben, und dafür, dass wir die Pakete mit viel Liebe gepackt hatten“, sagt Elisabeth. Die Schülerinnen und Schüler sind stolz darauf, dass sie etwas bewirken konnten. „Wir wollten ihnen zeigen, dass wir an sie denken“, sagt Lotte. Mit ihrer Aktion haben sie nicht nur diese Botschaft übermittelt, sondern auch auf das Schicksal der fast vergessenen Menschen aufmerksam gemacht.