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Laudatio von Bernd-Dieter Hessling (ABSALOM STIFTUNG)

Nicht nur, weil Ihr das Theaterstück zur Aufführung  gebracht habt, und auch nicht nur, weil Ihr die epische Vorlage von Janne Teller dramatisiert, umgestaltet und zu einem Theaterstück entwickelt habt, hat sich die Jury des Bertini-Preises veranlasst gesehen, Eure Arbeit heute auszuzeichnen. Was Ihr, liebe Schülerinnen und Schüler des Helmut-Schmidt-Gymnasiums – Wilhelmsburg, geleistet habt, hat uns in mehrfacher Hinsicht ganz besonders berührt:

Ihr habt Euch nicht nur selbst intensiv mit diesem Thema befasst, sondern ihr habt durch Übernahme von Koordinierungsaufgaben auch Führung bewiesen und dafür  gesorgt, dass große Bereiche Eurer Schule unterschiedliche Aspekte dieses Themas bearbeitet haben. Ihr habt damit Euer Projekt zu einem Projekt der ganzen Schule  gemacht. Und dieses Projekt entfaltete sogar Wirkung bis in Euren Stadtteil hinein!

Ohne Eure Bereitschaft, große Teile Eurer Freizeit in dieses Projekt zu investieren, wäre all dies nicht möglich gewesen. Ihr habt damit zum Ausdruck gebracht, wie sehr Euch dieses Thema am Herzen liegt! Und ich hatte den Eindruck, dass viele von Euch sogar aus eigenem  familiären Erleben heraus sehr persönliche Beiträge zu Eurem Vorhaben beisteuern konnten, was das Stück so authentisch gemacht hat.

Mit dem Thema „Flüchtlinge“ greift Ihr eine „Kategorie“ von Menschen in unserer Gesellschaft auf, die sich statistisch inzwischen relativ genau beschreiben lässt. Aber Kategorien, Etiketten, Schubladen und Zahlen bergen immer auch eine große Gefahr! Die Gefahr nämlich, dass sie den Menschen ent-menschlichen. Denn mit Hilfe von Kategorien und Zahlen kann man für oder gegen etwas instrumentalisieren, man kann mit ihrer Hilfe vom Schicksal des einzelnen Menschen abstrahieren, und – wenn man will – kann man mit ihrer Hilfe sogar ohne jedes Mitgefühl über Lösungen diskutieren.
Abstrahieren vom Individuum war der Ausgangspunkt für das begangene Unrecht im Dritten Reich und ist Ausgangspunkt für die vielfachen Verbrechen gegen die Menschlichtkeit in der Gegenwart!

Gerade durch die Methode des Perspektiv-Wechsels ist es Euch, liebe Schülerinnen und Schüler, eindrucksvoll gelungen, spürbar werden zu lassen, dass hinter der abstrakten Diskussion in unserer Gesellschaft zur Flüchtlingsfrage der einzelne betroffene Mensch mit seiner ur-eigenen Würde steht, dessen Würde – wie es im ersten Satz unserem Grundgesetz vorangestellt  ist – „un(!)-antastbar“ ist.

Die Jury ist der Meinung, dass Ihr den Kriterien des Bertini-Preises in besonderer Form  gerecht geworden seid. Ihr habt mit Eurer Arbeit diese Auszeichnung wirklich verdient!
Euch allen herzlichen Dank und herzlichen Glückwunsch zum Bertini-Preis!

» KRIEG: WOHIN WÜRDEST DU FLIEHEN?

Laudatio von Gabriele Kroch (Howard und Gabriele Kroch Stiftung)

Seit einer Woche spielt auf dieser Bühne ein Stück, in welchem in der Mitte des vorigen Jahrhunderts  die junge Biochemikerin Rosalind Franklin, um wissenschaftliche Anerkennung in einer Männergesellschaft kämpft.

Antonia Ricke, die junge Frau,  der wir heute den Bertini-Preis verleihen, teilt mit ihr die Zuversicht, dass ein besseres Leben für alle Menschen möglich ist, indem jeder sein Bestes dafür gibt.

Im Gegensatz zu Rosalind Franklin ist Antonia aber ein Teamplayer. Als sie von der Auszeichnung erfuhr, war neben der großen Freude ihr erster Gedanke, dass eigentlich aber auch ihr Team mit geehrt werden müsste. Dies zeugt ebenfalls für  ihr ausgeprägtes Bedürfnis nach Gerechtigkeit, welches sie auch immer wieder in ihrer ehrenamtlichen Arbeit antreibt.

Antonia zeigt in eindrucksvoller Weise, dass Taubheit nicht bedeutet Stumm zu sein. So nutzt sie z.B. intensiv  soziale Netzwerke , um auf Benachteiligungen tauber Menschen aufmerksam zu machen und engagiert sich seit ihrem 14. Lebensjahr in Gehörlosenorganisationen.

Ihr besonderes Augenmerk gilt jungen tauben Flüchtlingen. Dafür wurde die Initiative „Deaf  Refugees Welcome  Hamburg“ gegründet  Auf der gleichnamigen Internetseite führt Antonia die zweifache Diskriminierung  dieser Gruppe einer breiteren Öffentlichkeit vor Augen.

Antonias  Einsatz  wirkt auf mehreren Ebenen:

Da ist zuerst natürlich die ganz konkrete Hilfe für ihre  Schützlinge beim Bewältigen der alltäglichen Probleme in einem fremden Land. An vorderster Stelle steht hier die Organisation von Sprachkursen zum Erlernen der Deutschen Gebärdensprache, um die Betroffenen aus ihrer kommunikativen Isolierung zu führen.

Die von ihr initiierten und monatlich durchgeführten Vernetzungstreffen ermöglichen eine effiziente Zusammenarbeit aller Helfer, stärken den Teamgeist und helfen vor allem auch die betreuten Flüchtlinge untereinander in Kontakt zu bringen.

Zum zweiten stellt Antonia durch ihre Leistung  ein  Vorbild für die von ihr betreuten Personen dar. Sie selbst ist das beste Beispiel dafür, dass auch taube Menschen ein starkes Glied innerhalb der Gesellschaft sein können.

Und drittens schafft sie es, ihre eigene Überzeugung  und Zuversicht immer wieder auf ihre Arbeitsgruppe  und die weiteren freiwilligen Helfer  zu übertragen, weitere Menschen zur Mitarbeit zu motivieren und vor allem ihren Schützlingen mit ihrer zugewandten Art ein  Stück Geborgenheit und Sicherheit zu geben. Uns alle regt sie sicher zum Nachdenken und vielleicht auch Umdenken an.

Als Chemikerin fasse ich gerne in Formeln zusammen:

„Jung – Weiblich – Engagiert!“

ist eine GEW Handreichung für junge Frauen betitelt,

Für unsere Preisträgerin müssen wir noch „erfolgreich“ hinzufügen, bei all dem, was sie mit ihren gerade mal 22 Jahren, für ein besseres Zusammenleben bereits erreicht hat.

Junge Menschen mit so viel Optimismus, dem Blick für das Notwendige und Tatkraft tun unserem Land gut.

Bevor ich nun die große Freude habe, den Bertini-Preis an Antonia Ricke zu überreichen, stellvertretend für ihr Team und doch als Motor dieser großartigen Gruppe, möchte ich schließen mit einem Songtext von Herbert Grönemeyer:

„Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist, wenn der Boden unter den Füßen bebt, dann vergisst sie, dass sie taub ist.“

Denken wir daran beim Applaus für Antonia, den sie ohnehin sehr kräftig verdient hat.

» DEAF REFUGEES WELCOME-HAMBURG