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Überleben: Laudatio Axel Zwingenberger

Bertini-Preis 2015
Preisverleihung 27.1.2016 im Ernst-Deutsch-Theater Hamburg
Projekt: Szenische Lesung „Überleben“ der Gelehrtenschule des Johanneums, Hamburg
Laudatio Axel Zwingenberger

Liebe Projektgruppe szenische Lesung „Überleben“ des Johanneums!

Ihr habt Euch vorgenommen, einen neuen Zugang zur Auseinandersetzung mit dem Holocaust in Gang zu bringen. Wenn man das Thema sieht: „Wie verändert die Situation des Überlebenskampfes die Identität eines Menschen?“, dann klingt das zuerst einmal fast wie ein wissenschaftliches Thema. Ihr seid mit großer Akribie und Genauigkeit daran gegangen, Euch damit auseinanderzusetzen, mit ganz exemplarischen, berühmten Texten, die Holocaust-Überlebende dazu verfasst haben, und daraus die perversen Umwertungen, die Entwertung aller Werte herauszulesen, diese Situation zu analysieren, in die Menschen geraten, denen es nur ums nackte Überleben geht und wo, wie gesagt, keine Werte mehr gelten.

Ihr habt das in eine szenische Lesung übersetzt, habt die Auseinandersetzung mit dieser Thematik vor allen Dingen benutzt, um Euch hineinzuversetzen in diese Lebensgeschichten und damit Empathie zu erzeugen, das heißt also, demjenigen, dem Ihr etwas vortragt, wie auch Euch selbst, das Mitfühlen zu ermöglichen und diese Situation, die für uns eigentlich völlig unfassbar ist, soweit wie möglich nachvollziehbar zu machen.

In Eurer szenischen Lesung habt Ihr da alle Register gezogen, auch in der Inszenierung. Die ganze Inszenierung dient nicht dazu, ein Wohlfühlerlebnis im Theater zu vermitteln, sondern eher, eine unangenehme Atmosphäre zu erzeugen, damit diejenigen, die diese Aufführung sehen, sich in das Leben dieser Menschen hineinversetzen können, oder hineinversetzt werden in den emotionalen Zwiespalt, in dem die Holocaust-Opfer diese Situation ständig erlebt haben.

Ihr habt den richtigen Raum dafür gesucht, seid nicht in einen strahlenden Theaterraum gegangen, sondern in den Resonanzraum des Bunkers, der eine solch authentische Atmosphäre von Bedrücksein und Bedrohung vermittelt, wie es sonst kaum geht. Man hat gesehen, wie Ihr das Publikum in die Mitte genommen habt, den Raum verengt habt, so dass sich jeder irgendwie angefasst fühlt von dem Ganzen. Über das Licht habt Ihr das ebenfalls erzeugt, und es ist Euch wirklich gelungen, dieses Mitfühlen tatsächlich auszulösen und auf diese Art und Weise Erinnerung fühlbar zu machen.

Wir finden, dass das ein neuer Weg ist, so wie Ihr es wolltet, für die zukünftige Auseinandersetzung mit dem Wahnsinn des Holocaust. Einer, der wegweisend ist für eine Zeit, die kommen wird, in der man die unmittelbaren Zeitzeugen nicht mehr befragen kann, weil sie nicht mehr leben werden. Und wir haben vorhin schon gehört, es besteht die Gefahr, dass dann Erinnern sozusagen beliebig wird, dass es einfach als eine Episode der Geschichte behandelt wird, die man kenntnisreich oder weniger kenntnisreich beleuchten kann. Aber das Entscheidende ist ja, es zu schaffen, dass die Menschen das nachfühlen und sich dafür einsetzen, dass so etwas nie wieder passiert.

Wir finden, dass Euch da eine großartige Arbeit gelungen ist, die eben in dieser Form wegweisend für die Zukunft ist. Ich möchte noch etwas Persönliches anführen. Eure Arbeit macht mich richtig stolz auf meine alte Schule, und ich muss noch etwas sagen: als ich Eure Schule besucht habe, so vor 40, 50 Jahren, hätten wir damals eine solche Arbeit nicht zustande gebracht. Es ist ganz toll, dass es sich so entwickelt hat, dass das Johanneum heute für eine solche Arbeit steht.

Ich freue mich sehr und gratuliere Euch ganz herzlich zum Bertini-Preis 2015.

Musik gegen Rassismus: Laudatio von Karlheinz Goetsch

Gehalten von Karlheinz Goetsch am 27. Januar 2016
vom Förderprogramm DEMOKRATISCH HANDELN

Liebe Gäste,
Liebe Schülerinnen und Schüler des Musikprofils
der Stadtteilschule Wilhelmsburg,

Inmitten all der Hasstiraden, den terroristischen Amokläufen und Verkehrtheiten der Welt habt Ihr den Einschüchterungen unserer Zeit etwas entgegengesetzt, was mich mit großer Achtung erfüllt und für das ich Euch heute im Namen der BERTINI-PREIS-JURY auszeichnen darf.

Was Ihr gemacht habt, konnten wir soeben in dem kleinen Filmbeitrag bewundern:

Nachdem Ihr euch in einer Projektwoche mit den Themen IS, Charlie Hebdo und PEGIDA auseinandergesetzt habt, konntet Ihr Euer erworbenes Wissen und auch all Eure bisherigen Erfahrungen und Erlebnisse als Jugendliche aus Einwandererfamilien in sechs eigenen Songs im Musikprofil Eurer Schule verarbeiten.

Eure eigenen Gedanken zu diesem Thema habt Ihr in Texten festgehalten und mit professioneller Unterstützung in Musik und sogar in zwei Videoclips überführt. Finanzielle Hilfe erhieltet Ihr für Euer Projekt durch die Konrad-Adenauer-Stiftung.

Aber seit wann haben Mörder einen Platz im Paradies?

Heißt es in Eurem Song: ALLLE GLEICH.
Wirklich: Ein starker Satz!

Sag mir, warum so voller Hass?
Wir sind doch alle gleich gemacht!

Nur Frieden gibt uns Kraft!

Niemals war der echte Islam für den Krieg bereit,
Frieden war die einzige Wichtigkeit!

Ich wünschte, wir wären alle toleranter,
Selbst ich wünsch mir, ich wäre entspannter.

Ihr habt es gemerkt: Es sind Eure weiteren Zeilen. Und so leistet Ihr mit Euren Songs einen sehr wichtigen Beitrag gegen den Salafismus, indem Ihr den Hass wegsingt:

„Euer Weg ist die Musik! Ihr tragt Eure Botschaft in die Welt hinein und verleiht Euren Gedanken die Stimme, die sie verdient hat!“

Heißt es in einem der Kommentare zu Eurem Videoclip LET ME SPEAK, der auf You Tube zu sehen ist.

Aber auch Eure Zerrissenheit als Kinder aus der 3. oder 4. Einwanderergeneration macht Ihr uns in den beiden Songs: WANN und ICH SING DIESES LIED sehr deutlich:

Wir wurden geboren in diesem Land,
aber: Bleiben immer ein Migrant.

Wenn ein Moslem einen Fehler macht, sind alle Muslime gleich,
und sie behandeln unsere Religion falsch.

Doch ihr müsst bedenken, was sie sagen ist, nicht immer wahr!
„Alle Moslems sind Islamisten …“, kommt mal klar!

Ich will, dass es auf dieser Welt kein Krieg mehr gibt!
Bin ich zu idealistisch oder zu naiv?
Sind meine Erwartungen zu hoch oder zu tief?
Steht die Welt auf dem Kopf oder sehe ich sie einfach schief?

Nachdem Ihr Euer Projekt im Juni 2015 Freunden und Bekannten im Bürgerhaus Wilhelmsburgvorgestellt hattet, wurden die Medien – Zeitungen und Fernsehanstalten – auf Euren Einsatz für ein friedliches Zusammenleben aufmerksam und haben über Euch berichtet.

Doch es gab auch von einigen Gruppen Anfeindungen; woraufhin Ihr einen Videoclip bei You Tube entfernt habt, der sich mit der Anwerbung eines Jugendlichen in Eurem Alter zum IS auseindersetzt.

In Zeiten, in denen jeder alles im Internet kommentieren kann, werden die Widersprüche unserer Gesellschaft besonders deutlich.
Auch Ihr seid und ward verbalen Attacken von rechts im Internet ausgeliefert – eine schwierige Situation – insbesondere für ein Projekt von Schülerinnen und Schülern.

Auch keine leichte Situation für Euren Lehrer, Herrn Lobgesang, dem in diesem Zusammenhang eine ganz besondere Verantwortung gerade für Euch zukommt.

Es zeigt aber deutlich, wie wichtig es ist, Stellung zu beziehen.
Und wenn dass von Euch kommt – der nächsten Generation, die bald in Verantwortung für unsere Gesellschaft ist – erfüllt mich das mit Freude.

Denn Ihr erreicht Eure „Altersgenossen“ häufig viel eher, als es manchmal unsere belehrend auftretende Erwachsenenwelt vermag.

In der Abwandlung eines Zitats bei Wolfgang Borchert finde ich Euch wieder:

„Gerade in diesen Zeiten brauchen wir wieder eine Jugend, die zu allen Problemen aktiv Stellung nimmt.”

Das zeichnet Euch wirklich aus!

Und eins lasst mich noch sagen: Ihr erhaltet nun auch weitere, kräftige Unterstützung:

Sowohl das Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung als auch die Zentrale für politische Bildung werden sich für die Verbreitung Eurer CD LET ME SPEAK einsetzen.

Ich beglückwünsche Euch und darf Euch für Euer großartiges und mutiges Engagement im Namen der Jury mit dem BERTINI-PREIS 2015 auszeichnen.

Hitler noch Ehrenbürger: Laudatio von Hans-Juergen Fink

Gehalten von Hans-Juergen Fink am 27. Januar 2016
für den Förderer Abendblatt

Bertini-Preis für die jahrgangs-übergreifende Arbeitsgemeinschaft Regionalgeschichte des Ludwig-Meyn-Gymnaasiums Uetersen. Acht Schülerinnen und Schüler, heute 10. und 12. Klasse

Liebe Geschichtsforscherinnen und Geschichtsforscher aus Uetersen,

Sie haben gefragt: Ist „Adolf Hitler – ein Ehrenbürger Uetersens?“

Eigentlich eine einfache Frage, doch Ihre Suche nach der Antwort wurde zur Abenteuerreise. Die erste Frage führte zu weiteren: Wie geht unsere Stadt mit ihrer NS-Vergangenheit um? Warum hat Uetersen eigentlich kein Stadtarchiv? Und: Was lassen wir uns denn da an Informationen vorsetzen?

Die Bürgermeisterin von Uetersen verwies damals wegen der Ehrenbürgerschaft auf Wikipedia. Da stand damals: Hitler ist nicht mehr Ehrenbürger – aber ohne Quellenangabe. Der Verfasser des Beitrags hatte auch keine. Und da es kein Stadtarchiv gibt, das man fragen könne, bleibt die Frage offen. Oder…?

Sie haben diese Erfahrungen zu einer Film-dokumentation über Ihre langwierige Recherche verarbeitet und das im Dezember 2015 bei Youtube öffentlich gemacht. Ihre Aktion hat erhebliche Wellen geschlagen – weit über Uetersen hinaus. Das Thema wurde in vielen deutschen Zeitungen aufgegriffen, die gleich weiterfragten: Wie sieht das eigentlich bei uns aus? Eine höchst wirksame Ausweitung der Fragezone.

Kurz darauf hat Uetersen Klarheit geschaffen. In Wikipedia steht jetzt korrekt, und zwar mit Fußnote: Zitat: „Weil für eine Aberkennung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs durch den provisorischen Stadtrat keine schriftlichen Belege gefunden wurden, beschloss der Stadtrat am 15. Dezember 2015 einstimmig, Hitler die Ehrenbürgerwürde zu entziehen.“

Die Fußnote bezieht sich – was mich als ehemaligen Redakteur der Zeitung besonders freut – als Beleg auf das Hamburger Abendblatt, auf die Regionalausgabe Pinneberg vom 17. Dezember 2015.

Ein Preisträger hat mir verraten: Manchmal haben wir uns schon gefragt: Sind wir da zu pingelig? Ist das nicht Schnee von gestern? Vielleicht nur eine Formalität? In solchen Momenten haben wir uns vor Augen gehalten, wofür dieser Mann verantwortlich war.

Da denken hier sicher viele von uns an Ralph Giordano, der bis zu seinem Tod in jeder seiner Schlussreden zu den Preisverleihungen warnte:

Hitler und die Gedanken und Taten, die er repräsentiert, sind zwar militärisch geschlagen, aber geistig, besser: ungeistig, sind sie das noch lange nicht.

Im Umgang mit diesem Abschnitt der Geschichte sollte Laxheit keinen Bestand haben. Da geht es im Kern um das, wofür Ralph Giordano stand: Um Klarheit, um Eindeutigkeit, darum, was richtig ist und was falsch.

Ob Adolf Hitler Ehrenbürger einer Stadt ist oder nicht, ja schon, dass unklar ist, ob das so ist oder nicht, darf eigentlich keinem ihrer Einwohner egal sein.

Ihr habt mir Verve und großer Hartnäckigkeit an diese Selbstverständlichkeit erinnert. Und eure Stadt dazu gebracht, Klarheit zu schaffen und Abschied nehmen von dem „Ist das denn heute noch so wichtig?“, das vor allem an unselige Schlussstrich-Debatten erinnert.

Wir sagen: Das Fragen darf nicht aufhören.
Wir danken und ehren wir euch.

Gemeinsam gegen Ausgrenzung: Laudatio von Hubert Grimm

Es gilt das gesprochene Wort!

Liebe Ehrengäste,
liebe Gastgeber,
liebe Schülerinnen und Schüler,
liebe betreuende Lehrkräfte
Maike Kneba und Nils Thomsen,
vom Gymnasium Bondenwald,
meine Damen und Herren,

die jährliche Vergab des BERTINI-PREISES dient,
neben Anderem, auch dazu,
die Erinnerung wach zu halten
an begangenes, schlimmes Unrecht.

Wenn wir nicht erinnern,
kann das Unrecht,
die Intoleranz und alles damit verbundene Übel
ungehindert zurückkehren.

Das heißt aber leider nicht im Umkehrschluss,
wenn wir „richtig“ an vergangenes Unrecht erinnern,
halten wir heute das Böse fern.

Sondern:

Wir müssen täglich gegen Unrecht, Intoleranz
und gegen politisch oder religiös motivierte Gewalt
arbeiten.
Und damit sind wir im “Heute“ angekommen.

Das Geschehene aus der dunkelsten Zeit
der deutschen Geschichte rutscht in eine Zeit,
in der es keine Zeugen mehr gibt.
Man kann erinnern,
ohne persönlich berührt zu sein,
wenn man mit keinem Zeitzeugen mehr sprechen kann.

Dann droht das Erinnern beliebig zu werden.

Wie wir uns heute verhalten ist der
„Lackmustest“ für gelungenes Erinnern.

Dies vorausgeschickt ist es mir eine Ehre,
die Laudatio sprechen zu dürfen für Euer Projekt!

Ihr habt Hindernisse aus dem Weg geräumt,
habt die Hand gereicht
und etwas (nur scheinbar) Einfaches,
aber sehr Wirkungsvolles gemacht:

Sport!

Das Projekt „Sport mit Flüchtlingen“
erhält einen „BERTINI-Preis 2015“
für die gute Idee,
für deren konsequente Umsetzung
und für die Nachhaltigkeit.

Nach den mir vorliegenden Informationen findet
der so organisierte Sport auch heute noch statt.
Ich gratuliere allen Beteiligten herzlich
für die Idee,
für Ihr Engagement und
für die hiermit verliehene Auszeichnung!

Der erste Stolperstein für Finkenwerder: Laudatio von Gabriele Kroch

Der erste Stolperstein für Finkenwerder

Laudatio gehalten von Gabriele Kroch am 27. Januar 2016 für die Howard und Gabriele Kroch Stiftung

„Das Kind grinst andauernd blöde, es reagiert auf laute Geräusche, wie Klopfen, Klatschen usw. mit kurzem Hinsehen in Richtung des Schalles, den es mit lautem Stampfen beantwortet. Auf Musik reagiert es nicht weiter, Bauklötze hebt es hoch und lässt sie polternd fallen. Im Übrigen ist es zu keiner sinnvollen Tätigkeit und keiner sprachlichen oder mimischen Äußerung zu bewegen. Schließlich fängt es an zu weinen.“

Ein Auszug aus dem Untersuchungsbericht von 1939, der das Schicksal des dreijährigen Hermann Quast besiegelt. Der vom Down-Syndrom betroffene Junge wird in die Alsterdorfer Anstalten eingewiesen und später in die Pflegeanstalt Eichberg in Hessen verlegt, wo er 1943 siebenjährig dem Euthanasie-Programm zum Opfer fällt.

2015 berichtet eine Mutter in der Zeit:

„Mein Sohn hat das Down-Syndrom. Er ist der lustigste Junge der Welt, aber er wird vielleicht nie bis 10 zählen können. Eines Morgens weckt uns die Große: „Oskar badet.“ Oskar sitzt in der Küchenspüle. Er trägt einen Schlafanzug, patscht mit den Händen im Wasser und strahlt. Mein Mann zählt stolz die logischen Schritte auf, die Oskar absolvieren musste: Kinderstuhl an die Küchenzeile schieben, raufkrabbeln, reinklettern, Wasser andrehen. Ich sag´s euch, richtig blöd ist der nicht.“

Hermann Quast wurde in eine andere Zeit geboren. Während einer Projektwoche am Gymnasium Finkenwerder unter dem Motto „Leben mit Behinderung“ kam sein Schicksal zutage. Bewegt von diesen Vorgängen in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft beschäftigten sich die fünf Preisträgerinnen der gemeinsamen Oberstufe des Gymnasiums und der Stadtteilschule Finkenwerder weiter mit dem Thema und recherchierten die Geschichte genauer. Schließlich entstand die Idee, einen Stolperstein für Hermann Quast zu verlegen.

Eine der kleinen goldfarbenen Gedenk-Platten im Fußweg, über die wir mit Augen und Gedanken stolpern sollen.

Ich gestehe, dass ich lange zu denen gehörte, die die Erinnerungssteine im Boden mit gewissem Bedenken sehen. Als aber ein langjähriger Freund, der Hamburg mit einem Kindertransport verlassen hat und damit äußerlich seine Hamburger Kindheit in die Schublade des Vergessens gelegt hatte, vor zwei Jahren mit knapp 90 Jahren vom Stolperstein für seine Mutter erfuhr, diesen besuchte und seither Kindheitserinnerungen nur so aus ihm heraussprudeln, bin ich zu einem völlig anderen Bild gekommen.

In einem Artikel für den Freundeskreis Gedenkstätte Neuengamme, schreiben Sie, liebe Preisträgerinnen, „Das besondere an den Erinnerungssteinen ist, das jeder Stein eine eigene Geschichte erzählt.“ Ihre Suche über verschiedene Lokalblätter nach Informationen zu Hermann Quast blieb ergebnislos. In Finkenwerder schienen seine Spuren ausgelöscht. Der Stolperstein erzählt nun, vom kurzen Leben des kleinen Hermann. Der Moment des Lesens ist nur ihm gewidmet und führt unsere Gedanken dann vielleicht doch auch zu den vielen anderen, die nur noch in den alten Anstaltsakten auftauchen.

Finkenwerder, ein Stadtteil der trotz der Nähe der Industrie heute häufig auch mit Romantik gleichgesetzt wird. Der kleine Hermann konnte nicht fröhlich durch die Straßen tollen, so wie ich es in den Kindheitsgeschichten von meiner Großmutter und ihren Vettern, den Kinau Brüdern, gehört habe.

„Boben dat Leben steiht de Dod, aber boben den Dod steiht wedder dat Leben“.

Sie, liebe Preisträgerinnen, haben mit der Erinnerung an Hermann Quast eine weitere Facette der Geschichte Finkenwerders aufgeschlagen und sind dabei auch auf deutliche Widerstände gestoßen. „Was soll das nach so langer Zeit noch?“ Wer, der sich mit unangenehmen Themen der Vergangenheit befasst, hat diese Frage nicht schon einmal gestellt bekommen. Sie haben unbeirrt ihre Idee verfolgt. Dies ist umso erwähnenswerter, als das ursprüngliche Schulprojekt ja längst beendet war. An dieser Stelle auch ein besonderer Dank an Ihre Lehrerin Frau Fielatz. Sie können stolz auf Ihre Schüler sein und seien Sie versichert, das machen Schüler nur für ganz besondere Lehrer, die sie sehr schätzen.

Hermanns Stolperstein – der erste in dem Stadtteil – ist ein weiterer wichtiger Meilenstein für die Auseinandersetzung mit dem in engster Nachbarschaft begangenen Unrecht der Vergangenheit.

Für mich fast noch entscheidender ebenso verbunden mit der Frage an jeden von uns, wie wir heute und in Zukunft mit Behinderung umgehen wollen.

Mongo war in den achtziger Jahren ein gängiges Schimpfwort.

Seit Beginn der Pränatal Diagnostik Mitte der Neunziger Jahre ist das Screening Programm zur Routine für Spätgebärende geworden. Neun von zehn Müttern, die während der Schwangerschaft von einer Chromosomenanomalie ihres Babys erfahren, tragen das Kind nicht aus. Wir streben nach dem Perfekten.

Hermann Quast wurde mit 7 Jahren ermordet, weil er nicht perfekt war. Pablo Pineda, Lehrer und Schauspieler mit Down- Syndrom sagt: „Das größte Manko der Gesellschaft ist, das Anderssein nicht verstehen zu können.“

Wir alle hier wissen, dass, wenn der Trend sich gegen das Anderssein richtet, es auch für den Gutwilligsten immer schwerer wird dagegen zu halten. Sie haben dagegengehalten und mit dem Stein, dem Anderssein von Hermann eine Stimme gegeben. Dies ist besonders anerkennenswert, da wir uns mit dem Gedenken an die NS Euthanasie Opfer oft schwer tun. So gibt es in einem Ort bei Leipzig, wo ansonsten eine hervorragende Erinnerungsarbeit geleistet wird, seit 2010 einen fertigen Entwurf für eine Erinnerungsstätte für 2060 auf einem Anstaltsfriedhof begrabene ehemalige Patienten. Die Stätte sollte „Mantel des Schweigens“ heißen. Dieser scheint sich als solcher dort inzwischen über das Thema gelegt zu haben.

Sie schreiben in dem oben erwähnten Artikel auch „Wir haben das Gefühl, tatsächlich etwas im Stadtteil zum Positiven verändert zu haben“. Das mit Sicherheit! Aufarbeitung kann immer nur die Grundlage sein, entscheidend ist der daraus folgende Dialog, und in den kann man an so einem Stein mit seinen knappen Informationen zu den Lebensdaten besonders gut eintreten.

In einem Finkenwerder Gedicht heißt es

„Fester Kurs durchs ganze Leben,
und weht der Wind auch noch so hart“

Damit wünsche ich Ihnen „Halten Sie Ihren, wie ich denke, guten Kurs, der anderen Orientierung geben kann. Dann müssen wir keine Angst um die Zukunft unseres Landes haben.

Nun freue ich mich, Ihnen den Bertini-Preis, zu dem ich Ihnen ganz herzlich gratuliere, überreichen zu dürfen.

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