ROSAROT IST EINE MISCHFARBE

14 Schülerinnen und Schüler der Oberstufe der Stadtteilschule am Hafen befassten sich mit den Mordtaten der rechtsextremen Terrorgruppe NSU. Sie lasen die Gerichtsprotokolle des aktuellen NSUProzesses und verfassten ein Theaterstück, das sie mit Schülerinnen und Schülern aus Zwickau und Chemnitz gemeinsam aufführten.

ZWÖLF SCHWARZ GEKLEIDETE SCHÜLERINNEN UND SCHÜLER WIRBELN AUF DER BÜHNE DURCHEINANDER. MIT ROSAFARBENEN LAPPEN IN DEN HÄNDEN DEUTEN SIE INTENSIVES PUTZEN AN. EINE DARSTELLERIN KOMMENTIERT DIE SZENE MIT IMMER GLEICHEN AUSSAGEN: ALLES SEI HIER SO LANGWEILIG. Es gebe viel Zeit zum Putzen. Und Beate Zschäpe sei so eine nette Nachbarin und eine gute Hausfrau. Während die Darsteller ihre Putzlappen durch die Luft gleiten lassen, lösen sich allmählich zwei Gestalten aus der Menge, ziehen die Kapuzen ihrer Pullis über den Kopf, holen zum Angriff aus. Ihre Bewegungen werden immer bedrohlicher, das damit verbundene Gebrüll wird immer lauter. Diese emotionsgeladene Darstellung vermittelt ohne viele Worte: Hier entsteht Terror.

IN SZENE GESETZT: SCHÜLERINNEN UND SCHÜLER AUS DER STADTTEILSCHULE AM HAFEN ANALYSIERTEN DEN NSU-PROZESS MIT THEATRALEN MITTELN.

Die Szene stammt aus dem Stück „Rosarot ist eine Mischfarbe“, das 14 Oberstufenschülerinnen und -schüler der Stadtteilschule am Hafen erarbeitet und auf die Bühne gebracht haben. Es ist eine Auseinandersetzung mit den Taten der rechtsextremen Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU), deren Mitglieder zwischen 2000 und 2006 quer durch die Republik neun Menschen ermordeten – unbescholtene Kleinunternehmer, die aus der Türkei oder Griechenland stammten. Die Nazizelle konnte über Jahre hinweg von Polizei und Verfassungsschutz unbemerkt agieren. Die polizeilichen Ermittlungen konzentrierten sich stets auf das Umfeld der jeweiligen Mordopfer, gingen nie ernsthaft in Richtung Rechtsradikalität. Erst 2011, nach dem Selbstmord der mutmaßlichen Mörder und NSU-Mitglieder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, wurde der NSU aufgedeckt. Seit 2013 stehen Beate Zschäpe, die mit Mundlos und Böhnhardt in Zwickau zusammenlebte, und vier weitere Gesinnungsgenossen als mutmaßliche Mittäter in München vor Gericht.

Weil sich die Entdeckung des NSU 2016 zum fünften Mal jährte, bot Lehrerin Celina Rahman eine Projektwoche im Kurs Darstellendes Spiel an. Viele Oberstufenschülerinnen und -schüler bewarben sich für das Projekt. Es sollte darum gehen, Aussagen aus den Gerichtsprotokollen des NSU-Prozesses szenisch umzusetzen. Dabei waren eine Auseinandersetzung mit dem Thema Rechtsradikalismus wie auch die Entwicklung einer eigenen Position gefragt. „Ich wollte mitmachen, weil ich es gut fand, ein kritisches Thema mit dem Schauspielen zu verbinden“, erklärt Schülerin Bodil Valerie Claußen, 19, ihre Teilnahme. Die Schülerinnen und Schüler lasen die Gerichtsprotokolle aus dem dritten Jahr des NSU-Prozesses. „Wir markierten alles, was uns widersprüchlich vorkam“, sagt Steven Günzel, 19. Die Jugendlichen trugen viele Ungereimtheiten zusammen. „Nachbarn in Zwickau hatten zum Beispiel ausgesagt, dass sie sich bei der Hakenkreuz-Fahne im Keller nichts gedacht hätten“, berichtet Denis Asamovic, 15. Andererseits habe die Polizei Zeugen mehrmals gefragt, ob diese bei ihren Aussagen „150-prozentig sicher seien, was auf die Zeugen einschüchternd wirkte“, so Steven.

In kleinen Gruppen erarbeitete der Kurs einzelne Szenen, so wie die Putz-Szene, die das scheinbar unauffällige Leben der drei Rechtsextremisten in Zwickau aufgreift. „Texte übernahmen wir eins zu eins aus den Protokollen und überlegten uns dazu Gestik und Mimik, um Emotionen darzustellen“, erläutert Bodil. Unterstützung bekamen die Jugendlichen von der Schauspielerin Julia Bardosch, die mit ihnen die Dramaturgie entwickelte. Am Ende der Arbeit sollte ein Stück stehen, das beim Chemnitzer Theatertreffen unter dem Motto „Unentdeckte Nachbarn“ zusammen mit Chemnitzer und Zwickauer Schülerinnen und Schülern aufgeführt werden sollte. Um sich die Teilnahme auch finanziell leisten zu können, wurden die Hamburger Schülerinnen und Schüler vom Bundesverband Freie Darstellende Künste gefördert.

Weitere Impulse für ihr Stück bekamen die Jugendlichen durch Filme über die Terrorgruppe. Und sie befassten sich mit dem sogenannte „Bekennervideo“ des NSU. Darin wurden Bilder und Texte aus der Zeichentrickserie „Der rosarote Panther“ und Medienberichte über die NSU-Morde so zusammengeschnitten, dass sie die Ermordeten und auch die Ermittler verhöhnen. In Anspielung an das Video wählten die Jugendlichen den Titel „Rosarot ist eine Mischfarbe“ für ihr Stück. Sie begaben sich an Tatorte, beispielsweise suchten sie in Altona den Ort auf, an dem im Jahr 2001 der Lebensmittelhändler Süleyman Tasköprü erschossen worden war.

„In einer Szene spielten wir auch Angehörige der Ermordeten, die zu Wort kommen“, betont Emre Jayla, 20. Der türkischstämmige Schüler half zudem bei der richtigen Aussprache der Opfernamen, die alle genannt werden. Szenisch aufgegriffen wurde auch die undurchsichtige Rolle des Verfassungsschutzes, der mehrere V-Männer in das rechte Milieu eingeschleust hatte. Und in Videoeinspielungen äußern die Schülerinnen und Schüler nacheinander ihre Auffassungen über Deutschland, über Freundschaft und über Rassismus.

Im November 2016 führten sie ihr Stück in Zwickau und in Chemnitz auf. Die Zwickauer und Chemnitzer Schülerinnen und Schüler schlossen dabei eigene Szenen an die der Hamburger an. „Die Resonanz war ganz unterschiedlich“, schildert Denis. In Zwickau seien nur wenige Zuschauer gekommen und die Stimmung blieb eher verhalten, in Chemnitz sei das Publikum offen gewesen. „Zuschauer schlugen uns hinterher vor, das Stück auch an weiteren Orten aufzuführen“, berichtet Emre. Das freute die Schülerinnen und Schüler besonders, denn sie hatten offensichtlich etwas bewegt. Auch bei Aufführungen in Hamburg äußerten sich junge Zuschauer positiv. „Und die wollten wir ja mit unserem Stück erreichen“, sagt Steven.

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