Weg mit dem Zaun!

Acht Jugendliche der Erich Kästner Schule unterstützen Kinder aus Flüchtlingsfamilien, die in den Nachbargebäuden der Stadtteilschule eingezogen sind, die zum Teil noch aus der NS-Zeit stammen. Dafür rissen die Schülerinnen und Schüler sogar einen Zaun ein, der das ehemalige NS-Lager von dem Schulgelände trennte.

Ein zwei Meter hoher alter Zaun mit Wehrspitzen trennt das Gelände der Erich Kästner Schule in Farmsen vom Nachbargrundstück. Dahinter stehen zum Teil alte Backsteingebäude. 2013 fragten sich Schülerinnen und Schüler einer zehnten Klasse: „Was geschah hinter diesem Zaun?“ Sie recherchierten und drehten einen Film, der auch öffentlich vorgeführt wurde und im Stadtteil für Diskussionen sorgte. Denn die Nationalsozialisten hatten auf dem Gelände ein Versorgungsheim für sogenannte „Asoziale“ und „Verwahrloste“ betrieben. Die Internierten mussten dort Zwangsarbeit leisten.

Schon seit längerem engagieren sich die Schülervertreterinnen und -vertreter der Stadtteilschule gegen Gewalt und Rassismus und initiierten Projekte und Aktionen zu diesen Themen. Sie gaben den Anstoß für die Recherche zur Vergangenheit der Nachbargebäude. Dadurch war der Kontakt zu den heutigen Nachbarn entstanden: den Einrichtungen von Pflegen & Wohnen und Fördern & Wohnen. Als die Jugendlichen dann erfuhren, dass auf dem Gelände, auf dem es ein Altenheim gibt, Flüchtlingsfamilien mit ihren Kindern einziehen werden, „war klar, dass wir sie unterstützen und die Kinder hier in der Schule mit einbeziehen wollen“, berichtet Hanna Schweizer, 15.

Schon zuvor hatten sich die Schülersprecher mit der Situation von Flüchtlingen beschäftigt. Nach der Ankunft der sogenannten „Lampedusa-Flüchtlinge“, einer Gruppe von afrikanischen Flüchtlingen, die aus dem überfüllten Flüchtlingslager in Italien nach Hamburg gekommen waren, setzten sich die Schülerinnen und Schüler für ein Bleiberecht der Gruppe ein. „Deswegen haben wir bei einer Demo für die Lampedusa-Flüchtlinge mitgemacht“, erklärt Hanna. Als nun Flüchtlinge aus verschiedenen Ländern in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft einzogen, wollten die Jugendlichen ihnen konkret helfen.

Die acht Schülervertreterinnen und -vertreter dachten an die Kinder der Flüchtlingsfamilien, von denen einige auch auf ihre Schule gehen würden, und überlegten wie sie sie unterstützen könnten. Nach einer ersten Ideensammlung stand fest: Es sollte konkrete Angebote geben wie Hausaufgabenbetreuung, Nachhilfe in verschiedenen Fächern und Freizeitangebote. Sie sollten nachmittags im Schülercafé stattfinden. „Um die Angebote für die zunächst 15 Kinder umsetzen zu können, riefen wir Schülerinnen und Schüler aus höheren Klassen zum Mitmachen auf“, so Klaas Deneke, 18, und es bildete sich schließlich ein Team von einigen Schülerinnen und Schülern, die sich in der Betreuung von Montag bis Donnerstag abwechseln würden.

Es konnte also losgehen, doch gab es noch ein Hindernis. „Der Zaun stand im Weg“, erklärt Hanna. Um für die Nachmittagsbetreuung auf das rund hundert Meter entfernte Schulgelände zu kommen, mussten die Kinder einen Umweg von einer knappen halben Stunde gehen. „Warum denn nicht den Zaun einreißen und einen direkten Zugang zum Schulgelände schaffen?“, dachten sich die Schülervertreterinnen und -vertreter. Das war nicht nur praktisch gedacht. „Wir wollten damit auch ein Zeichen für die Flüchtlinge setzen“, erläutert Ole Szellas, 17. „Es sollte symbolisieren, dass die Welt hinter dem Zaun für die Flüchtlinge nicht zu Ende ist“, ergänzt Hanna.

Damit war das Projekt „Zäune einreißen“ geboren. Doch die Umsetzung gestaltete sich wesentlich schwieriger als gedacht. „Es mussten Genehmigungen von verschiedenen Behörden wie Bauamt und Denkmalschutzamt eingeholt werden, das war ein langer Prozess“, erinnert sich Hanna. Ein Antrag wurde zunächst bewilligt und dann doch wieder abgelehnt. Die Jugendlichen ließen allerdings nicht locker. „Wir haben mit der Leitung der Einrichtung zusammengearbeitet, die standen voll hinter der Idee und auch die Schulleitung hat uns unterstützt“, so Klaas. Schließlich hat es geklappt. Die engagierte Schülerinnen und Schüler erhielten die Genehmigung, den Zaun zu öffnen und eine Pforte einzubauen.

Am 16. Juni 2014 wurde der Plan ausgeführt. Zusätzlich zu den Zaunarbeiten hatten die acht Schülerinnen und Schüler für diesen Tag auch ein großes Nachbarschaftsfest organisiert. „Erst haben Helfer aus der Schule und der Wohnunterkunft gemeinsam den Zaun geöffnet und eine Pforte eingesetzt, die der Leiter der Holzwerkstatt unserer Schule gebaut hatte“, berichtet Ole. Schülerinnen und Schüler legten entlang des neuen Weges durch den Zaun einige Steine, auf die sie ihre Namen geschrieben hatten. Im Anschluss startete das Fest mit Musik von der Schulband und dem gemeinschaftlichen Public Viewing eines Spiels der Fußballweltmeisterschaft am Abend. „Familien von nebenan hatten selbst gekocht und sorgten für die Verpflegung“, sagt Hanna.

Seither werden die Hausaufgabenbetreuung und die Freizeitangebote im Schülercafé gut angenommen. „Bei der Organisation unterstützen uns auch die Vertrauenslehrer unserer Schule“, erklärt Klaas. Doch die Schülervertreterinnen und -vertreter wollen es nicht bei diesem einen Angebot belassen. Auf dem Nachbargrundstück befindet sich noch ein kleines unbenutztes Gebäude, eine ehemalige Garage. „Die soll zu einem Begegnungsort für Jugendliche ausgebaut werden, einem Ort, an dem Erinnerung wachgehalten werden kann und wo gleichzeitig etwas Neues entsteht“, beschreibt Ole ihren Plan. Die Zusage für die Nutzung des Gebäudes haben die Schulsprecher schon in der Tasche.

Mit ihrer engagierten Arbeit, ihren Aktionen und Projekten gegen Diskriminierung und Vorverurteilungen wie dem Projekt „Zäune einreißen“ erreichten die Schülervertreterinnen und -vertreter einen besonderen Erfolg: Ihre Schule ist nun in das Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ aufgenommen worden. „Die Staatsministerin für Migration, Flüchtlinge und Integration Aydan Özoğuz hat die Patenschaft dafür übernommen und wird zur Verleihung des Titels anwesend sein“, berichtet Ole stolz. Ein weiterer Grund zu feiern, ebenso wie der BERTINI-Preis, um den sich die Jugendlichen mit Abschluss ihres Projektes beworben hatten.