Wir sind wir

Sie kommen aus verschiedenen Nationen und haben ganz unterschiedliche Schicksale – 25 Schülerinnen und Schüler der Klasse 6a an der Stadtteilschule Barmbek am Standort Fraenkelstraße machten darüber einen eigenen Song.

„Wir hätten nie gedacht, dass wir mal im Rathaus vor dem Bürgermeister unser Lied singen würden“, sagt Selin Ekici, 13. Ihre Klassenkameraden Agata, Maurice, Beriván und Pascal stimmen ihr zu. Gemeinsam mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern der Klasse 6a an der Stadtteilschule Barmbek haben sie einen Klassensong geschrieben, der sie bis zu einem Senatsempfang des Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz gebracht hat. „Wir sind wir“ heißt der Song und erzählt von den verschiedenen Lebensschicksalen, aber auch den Gemeinsamkeiten der 25 Schülerinnen und Schüler.

Den Impuls dazu gab Vera Langer, die in der Klasse ein Musikprojekt leitete. „Sie hatte die Idee, ein Musikvideo mit uns zu machen, in dem wir einen eigenen Song über unser Leben singen“, berichtet Agata Hryniewicz, 14. Der Gedanke gefiel den Kindern gut. Sie stammen aus Ländern wie Mazedonien, Serbien, Polen und der Türkei, aus Afghanistan, Kolumbien, Ghana und aus Deutschland. Viele mussten ihre Heimat verlassen, kamen als Flüchtlinge nach Hamburg, mussten eine neue Sprache lernen, sich in der neuen Umgebung zurechtfinden. „In einer Klasse mit dieser kulturellen Vielfalt sollten die Kinder genügend Raum bekommen, um ihre Geschichten zu erzählen“, so Musikpädagogin Vera Langer.

Zu Beginn des Projekts hat die Klasse sich Gedanken über den Refrain für ihren neuen Song gemacht. „Wir sollten unsere Klasse beschreiben und dafür haben wir viele Stichworte gesammelt“, sagt Pascal Nepf, 12. Ein wichtiger Aspekt war dabei das Gemeinschaftsgefühl. „Wir sind aus so vielen verschiedenen Kulturen, und hier sind wir alle zusammen“, ergänzt Beriván Yilmaz, 12. Die Schülerinnen und Schüler bildeten erste Reime und mit Unterstützung von Vera Langer entstand der Refrain:

„Wir sind wir, wir sind hier, in unserem Revier,
Wir sind wir, wir sind hier, wir halten zusammen.
Land an Land, ungeahnt,
egal woher wir stammen,
Hand in Hand in dieser Stadt an der Waterkant.“

Um Material für die Strophen zu sammeln, begannen die Schülerinnen und Schüler ihre Lebensgeschichten aufzuschreiben. Sie orientierten sich dabei an verschiedenen Fragen, etwa: Wie bist du nach Deutschland gekommen? Mit wem wohnst du zusammen? Was wünschst du dir?
„Dabei stellten sich mehrere Themen heraus, zu denen die Kinder viel zu erzählen hatten“, berichtet Vera Langer. Sie bildete daraus die fünf Themenbereiche
„Umzug“, „Heimat und Kultur“, „Wünsche und Träume“, „Familie“ und „alles außerhalb der Familie“ wie Freunde, Schule, Hobbys. In Gruppen aufgeteilt, beantworteten die Kinder schriftlich Fragen zu diesen Bereichen. „Damit die Kinder sich öffnen können, blieb alles, was sie aufgeschrieben hatten, geheim. Kein Kind sollte mit seiner Geschichte erkennbar werden“, erklärt Musikpädagogin Langer. Die Anonymität sollte auch davor schützen, bloßgestellt zu werden. Aus den zahlreichen Texten der Kinder formte sie schließlich einen Rap mit drei Strophen.

In den Zeilen der Kinder, die die Musikerin für den Rap verwendet hat, stecken viele tragische Geschichten von Krieg, Verlust und getrennten Familien, aber auch vom Glück, zum Beispiel etwas zu essen oder Freunde gefunden zu haben. „Es war erschreckend, was für heftige Geschichten da kamen“, erinnert sich Agata. So heißt es gleich in der ersten Strophe: „Es war traurig, so viele Menschen sterben zu sehn’n“, und eine andere Stelle handelt von Kindern, die auf der Flucht im Moor versunken sind. „Das war für mich am traurigsten“, sagt Selin. Doch dass die Erlebnisse mit dem Song zur Sprache kamen, war auch positiv für die Klasse. Die Schülerinnen und Schüler gehen nachsichtiger und verständnisvoller miteinander um. „Seit wir das Lied gemacht haben, gibt es nicht mehr so viel Streit in der Klasse“, freut sich Selin.

Und während der Proben halfen sich die Schülerinnen und Schüler gegenseitig. „Zum Schluss des Liedes singen wir den Refrain in dreizehn Sprachen, die mussten wir erst mal aussprechen üben“, erklärt Agata. Das haben sich die Schülerinnen und Schüler gegenseitig beigebracht. „Am schwierigsten war für mich Polnisch“, sagt Beriván, die zu Hause Kurdisch spricht. Damit nicht alle Schülerinnen und Schüler ihren eigenen Text singen, teilte Vera Langer sie in Gruppen auf. „Wir haben oft geprobt“, berichtet Maurice Dreyer, 13.

Schließlich ging es ins Tonstudio, wo der Song aufgenommen wurde. Eine Pianistin begleitete die Kinder auf dem Klavier, Marios, ein Schüler aus einer höheren Klasse, übernahm an einigen Stellen die Percussion. Und im Tonstudio wie auch an der Schule und am Elbstrand bei Övelgönne surrte die Videokamera. NDR-Dokumentarfilmer Timo Großpietsch drehte das Musikvideo zu dem Song, das dann ins Internet gestellt werden sollte. Für die Aufnahmen verbrachte die Klasse einen halben Tag lang an der Elbe. „Das war toll, die ganze Zeit am Wasser zu sein“, erinnert sich Maurice.

Insgesamt hat die Arbeit am Projekt die Kinder stärker gemacht und die Klasse zusammengeschweißt. „Ich habe mehr Vertrauen zu den Klassenkameraden, sodass ich mit ihnen meine Geschichte teilen kann“, sagt Agata. Und Selin kann jetzt leichter vor der Klasse sprechen: „Früher hatte ich Angst, ein Referat zu halten. Das ist jetzt einfacher.“
Inzwischen ist das Musikvideo auf YouTtube und in der Mediathek des NDR zu sehen und die Klasse hat ihren Song auch mehrmals live gesungen. Die Rückmeldungen waren positiv. „Meine Eltern waren ganz stolz“, freut sich Beriván. „Wir wurden auch von anderen Mitschülern auf das Video angesprochen“, ergänzt Pascal stolz. Groß war die Freude, als sie die Einladung erhielten, bei einem Senatsempfang für ehrenamtliche Flüchtlingshelfer zu singen. Und riesig war sie, als sie erfuhren, dass sie den BERTINI-Preis gewonnen haben, nachdem Schulleiter Björn Lengwenus sie auf die Idee gebracht hatte, sich dort zu bewerben.

Lasst Euch nicht einschüchtern