Erinnerung schenken (Laudatio)

Howard und Gabriele Kroch-Stiftung, Gabriele Kroch:

Im Lager Falkenbergsweg in Hamburg-Neugraben tötete eine Zwangsarbeiterin ihr neugeborenes Kind, um es vor Leiden zu bewahren.

SS-Arzt Mengele hatte verfügt, den Säugling nicht stillen zu lassen, um festzustellen, wie lange er ohne Nahrung überleben kann.

  • Einen Kilometer vom Lager entfernt kam ich 1950 in einer Flüchtlingsbaracke zur Welt.
  • In 500 m Entfernung ging ich zur Grundschule.
  • 300 m weiter steht das Haus, welches ich als mein Elternhaus bezeichne und in dem ich meine weitgehend sorglose Jugend verbrachte.

Wenn unsere Grundschulklasse im Winter zum Rodeln und im Sommer zum Spielen zum Falkenberg wanderte, erfuhren wir von unseren Lehrern viel über Klaus Störtebeker und seinen vergrabenen Schatz. Um die Lagerbaracken machten wir einen weiten Bogen und wurden gewarnt, uns nicht alleine in ihre Nähe zu begeben. Dort lebten, wie ich heute weiß, noch ehemalige Zwangsarbeiter aus Osteuropa, die nicht in ihre Heimatländer zurückkehren wollten oder konnten, sogenannte „Displaced Persons“.

Ich gestehe, es bedurfte Ihrer Bewerbung für den BERTINI- Preis, liebe Preisträger und Preisträgerinnen, um mich tiefer mit den Geschehnissen im Lager Falkenberg vertraut zu machen. Auch die Tatsache, dass während der Zwangsarbeit Kinder zur Welt gebracht wurden, war mir und meinen Mitjuroren nicht so bewusst.

Schwangere Zwangsarbeiterinnen wurden zuerst in ihre Heimatländer zurückgeschickt. Da aber die Behörden eine Schwangerschaft bald als bewusst herbeigeführt ansahen, um heimkehren zu können, wurden Krippen für die Neugeborenen eingeführt, in denen diese von ihren Müttern getrennt systematisch vernachlässigt und dadurch zum größten Teil getötet wurden.

Die polnischen Gäste, die in dem Film zu Wort kommen, haben als Kinder überlebt und Ihnen nun in den Gesprächen die Erinnerungen, die den Eltern wichtig und wertvoll waren, geschenkt. Es sind auch die kleinen Momente des Glücks in einer ansonsten unmenschlichen Zeit. Von Frau Reimers wird berichtet, die als einzige bereit ist, eine hochschwangere Frau auf ihrem Hof, der knapp ihre eigene Familie ernährt, aufzunehmen. So konnten Mutter und Kind nach der Geburt zusammenbleiben.

„Erinnerungen schenken“, so auch der Titel Ihrer Arbeit. Diese leistet aber weit mehr.

Die Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann schreibt in einem Aufsatz, dass die Erfahrung von Menschlichkeitsverbrechen unter anderem durch Ehrung der Überlebenden und durch Annahme von Zeugenschaft beantwortet wird. Durch Ihre intensive Einarbeitung in das Thema, die weit über den schulischen Zeitrahmen hinausgegangen sein muss, sowie die sensible Gesprächsführung haben Sie eine wunderbare Nähe zu den Gesprächspartnern herstellen können. Man spürt, wie gut den Gästen bei den Gängen zu den Orten ihrer Kindheit die Begleitung von jungen, an ihrem Schicksal interessierten Menschen tut. Sie tragen mit Ihrem in allen Belangen hervorragend gemachten Film Zeugenschaft auf eindrucksvolle Weise weiter.

Besonders bewegt hat uns die Szene, in der eine Besucherin im Geburtsregister der ehemaligen Klinik Finkenau den Namen ihrer Mutter liest und ihre eigene Geburt dokumentiert sieht. Eine Schülerin schreibt später darüber: „Ihre emotionalen Reaktionen auf Fotos sowie Einträge ihrer Geburtsdaten in den Geburtsbüchern boten eine eindrucksvolle und einmalige Erfahrung.“

Viele Zwangsarbeiterkinder hatten von ihren Müttern nur wenig über die Umstände ihrer Geburt erfahren, da der deutsche Geburtsort oft Benachteiligungen mit sich brachte und die Mütter diesen bei der Rückkehr in den Papieren der Kinder nicht angegeben hatten.

Nicht zuletzt wird der Zuschauer beinahe zwangsläufig angeregt, weitere Fragen zu stellen.

Sie haben mit dem Film und den dazugehörigen Arbeitsmaterialien ein gelungenes und nachhaltiges Dokument gegen das Vergessen im Sinne des BERTINI-Preises erstellt. Durch den Austausch und die Zusammenarbeit mit Schülerinnen und Schülern Ihrer Partnerschule in Gdansk wurde ein konstruktiver Weg zu einer gemeinsamen Erinnerungskultur beschritten.

Ich habe damals nicht nachgefragt. Bewegt und aufgerüttelt durch Ihre Arbeit habe ich begonnen, Versäumtes nachzuholen, um eine wichtige Lücke für mich zu schließen.

Dafür auch ein persönlicher Dank, in den ich Ihre Lehrerin Elisabeth Kalina ausdrücklich mit einschließen möchte.

Dziękuję bardzo.

Nun freue ich mich und bin stolz, Ihnen den BERTINI-Preis 2014 überreichen zu dürfen.