Begegnung mit Zeitzeugen in Chicago (Laudatio)

Michael Magunna:

Wie berechtigt die Zielsetzung des BERTINI-Preises ist, „Vorhaben, die Erinnerungsarbeit leisten und Spuren vergangener Unmenschlichkeit in der Gegenwart sichtbar machen“, zu ehren, das ist mit dem Projekt „Meeting the Hidden Children of Chicago“ der 9./10. Klasse der Stadtteilschule Am Heidberg aufs Schönste bewiesen!

In einer Zeit, in der wir unseren Unwillen zur Erkenntnis der Geschehnisse des Holocaust durch die Anhäufung von immer mehr Wissen als Goodwill maskieren können; in einer Zeit, in der wir es zulassen können, dass die letzten Inseln der Erinnerung durch computergestütztes und marktkonformes Vergessen geflutet werden und wir uns guten Gewissens von der Erinnerung an Auschwitz befreien zu können meinen, da haben Sie mit Ihrem Projekt zur Erinnerung an die jüdischen Kinder, die es aufgrund der Geschehnisse des Holocaust bis nach Chicago verschlagen hat, ein Beispiel für eine a n d e r e Erinnerungskultur gegeben, eine Erinnerungskultur im Geist des chassidischen Gelehrten aus dem18.Jahrhundert, der auf den Erkenntniswillen der „Tatsachenwahrheit“ (Hannah Arendt) des Einzelnen setzte, als er sagte: „Vergessen verlängert das Exil; in der Erinnerung liegt das Geheimnis der Erlösung.“

Was haben diese Schülerinnen und Schüler nun gemacht? Wenn Sie so wollen: Sie haben etwas sehr Schlichtes gemacht. Sie haben jüdische Menschen in Chicago nach dem befragt, was der Holocaust von ihrem durch ihn zerstörten Leben übrigließ, eine sog. Zeitzeugenbefragung also; man kennt so etwas und fügt eventuell bemäkelnd hinzu, dass es noch nicht einmal eine Täter- oder Gafferzeitzeugenbefragung sei! So weit, so überheblich.

Um diese Befragung ansatzweise angemessen durchführen zu können, hatten Sie sich hier in Hamburg zuvor mit den Ereignissen jedes einzelnen Lebens lange beschäftigt und auseinandergesetzt – wunderbar unterstützt von Ihren Lehrern Busch, Hinrichs und Haarmeyer.
So haben Sie sich auf eine Begegnung mit Menschen vorbereitet, die durch das Erleben dieser Ereignisse den Glauben an die Existenz menschlicher Solidarität haben verlieren müssen. Versteinert Herz und Brust, der ganze Körper ein versteinertes Gefängnis für den Schrei über den Verlust des Urvertrauens – so saßen sie vor Ihnen, wie man auf der DVD sehen kann.

„ Mama, ich möchte mit Dir nach Mauthausen!“
„Nein, Kind, das geht nicht!“, wehrte die Mutter das 5-jährige Kind ab.

Und nun saß das über 80-jährige Kind vor Ihnen, die Mutter in Mauthausen ermordet, der Vater in Auschwitz ermordet, und sagte diese Worte und sprach davon, was es nie hat verwinden können.
Man sieht auf der von Ihnen zeitgleich hergestellten DVD, wie durch Ihr Sprechen die Versteinerungen auf Herz und Brust sich verschieben und die wunden Wunder der eigenen Brust nun zaghaft ans Licht lassen. So behutsam freundlich haben Sie aus dieser Zeitzeugenbefragung
eine wirkliche Zeitzeugenverlebendigung gemacht!

Das scheint ein Wunder, ist aber doch in erster Linie das Resultat Ihrer Verarbeitung der „Wirklichkeit von Tatsachenwahrheiten“, um noch einmal Hannah Arendt zu zitieren. Diese Wirkung ist der eine Teil des „Wunders“. Der andere Teil des Wunders ist Ihr Verhalten selbst. Es hatte eine Dimension, die Joseph Yerushalmi 1995 so beschrieb: Sie sprachen, als hätten Sie „die bitteren Früchte des grotesken Baumes der Erkenntnis, der aus der Asche der Todeslager erwachsen ist, wirklich gekostet, und wissen, was unsere Vorfahren nicht wussten: Wenn dies möglich ist, ist alles möglich!“
Die Menschen vor Ihnen spürten aus Ihrem Sprechen, dass in Ihnen die Dimension einer solchen Erkenntnis in Wahrhaftigkeit lebendig war. Deshalb konnten sich die Versteinerungen lösen.
Sie haben gelebt, was Karl Jaspers im Mai 1945 als einzige angemessene Dimension für die Überlebenden nach dem Holocaust sah: „Unsere einzig noch bleibende Würde ist Wahrhaftigkeit! (…) Verständnis für Opfer und Täter erfordert unendlich geduldige Arbeit. Was daraus in unserem Denken wird, ist unabsehbar.“

Sie sind bis an diese Grenzen gegangen – davon zeugt der mir berichtete Satz von Ihnen:
„Diese Erfahrung hat mein Leben verändert!“ Ja – „Vergessen, auch wenn es sich als Erinnern maskiert, verlängert das Exil; in der Erinnerung, wenn sie so wahrhaftig ist, wie die Ihre, liegt das Geheimnis der Erlösung“. Ich möchte ergänzen: der Erlösung von der Diktatur des Tages, wenn der Wille des Subjekts zur Erkenntnis der „Wirklichkeit der Tatsachenwahrheiten“ so stark ist wie bei Ihnen! Sie haben uns damit ein großes Geschenk gemacht! Vielen Dank!