Preisträger Yannick Reimers und Moderatorin Julia Niharika-Sen

Die atmende Wand

Yannick Reimers verfasste sein Stück „Die atmende Wand“, nachdem er Zeuge eines fremdenfeindlichen Angriffs geworden war. Mit seinem fiktiven Text will er die Unterdrückung und Verfolgung von Menschen veranschaulichen.

Was hat Dich dazu bewegt, ein Stück über Fremdenfeindlichkeit zu schreiben?
Am 21. September 2012 wurde in Bergedorf ein Mahnmal für ehemalige Zwangsarbeiter eingeweiht. Der polnische Bildhauer Jan de Weryha, der in Bergedorf lebt und arbeitet, hatte das Mahnmal geschaffen. Bei der Einweihung war auch eine polnische Delegation ehemaliger Zwangsarbeiter dabei. Plötzlich trat ein Mann im langen schwarzen Ledermantel auf diese Gruppe zu und attackierte sie mit Reizgas. Dabei haben mehrere Menschen Augenreizungen erlitten. Alle waren erschüttert über diesen Angriff. Der Mann wurde festgenommen. Ich war so erschrocken über diesen fremdenfeindlichen Akt. Bis dahin hatte ich so etwas nur gelesen oder davon gehört, es aber es nie selber mitbekommen.

Wie hast Du auf diesen Vorfall reagiert?
Mich hat das nicht mehr losgelassen, so dass ich noch am gleichen Tag meine Empörung darüber auf Facebook gepostet habe. Es sollten viele Leute mitkriegen, was geschehen war. Ich hatte hautnah miterlebt, dass frühere NS-Opfer, wie die ehemaligen polnischen Zwangsarbeiter, heute noch Gewalt und Unrecht erfahren müssen.

Und aus dieser Aktion ist ein interessanter Kontakt entstanden …
… ja, denn darauf hat sich der Künstler Jan de Weryha gemeldet. Wir haben uns geschrieben, und dann habe ich ihn in seinem Atelier in Bergedorf besucht. Ich kannte den Bildhauer vorher nicht. Er hat mir erzählt, dass er sich mit seinen Werken in der Erinnerungsarbeit engagiert. So zum Beispiel mit dem Mahnmal für seine Landsleute, die von den Nazis gezwungen wurden, in Hamburg unter menschenunwürdigen und lebensgefährlichen Bedingungen zu arbeiten.

Wovon handelt Dein Stück?
Es geht um einen Vater und seinen Sohn, die in einem Lager gefangen sind. Sie sind der Willkür, der Macht und der Gewalt des Lageraufsehers, des „Mannes in Schwarz“ ausgesetzt. Als sie voneinander getrennt werden, bekommt der Sohn große Angst. Aber weil sein Vater in einem Nachbarraum ist und die Wände im Lager dünn sind, kann er seinen Vater sprechen und atmen hören. Das vertraute Geräusch ist eines Tages plötzlich weg und eine Mitgefangene erklärt ihm, dass der Vater an einem „besseren Ort“ sei und dass der Kleine seinen Papa wiedersehen werde, weil auch sie am nächsten Tag an einen „besseren Ort“ kämen. Das heißt, der Vater wurde ermordet und dasselbe Schicksal widerfährt auch seinem Sohn.

Du spielst mit dem Stück auf die Vernichtungslager der Nazis an, in der viele Millionen Menschen ermordet worden sind. Wie kamst Du auf die Geschichte mit Vater und Sohn?
Mein Ziel war es, mit meinem Stück zum Erinnern, Bewusstmachen und Verstehen beizutragen. Ich wollte die Situation der Opfer nachvollziehbar machen, so dass man Empathie für sie entwickeln kann. Ich glaube, dass mehr Teilnahme und Verständnis füreinander zu einer friedlicheren Gesellschaft führen. Für die Hauptfiguren Vater und Sohn habe ich mich entschieden, weil ich mich am besten in sie hineinversetzen kann. Es sind einige autobiografische Züge darin enthalten. Denn meine Mutter ist gestorben, als ich acht Jahre alt war, und ich habe eine enge Beziehung zu meinem Vater.

Was hat Dir bei der Erstellung des Textes geholfen?
Ich habe Themen, die mich bewegen, immer schon mit Schreiben verarbeitet. Und dann habe ich auch bei einem Theaterprojekt am Deutschen Schauspielhaus mitgemacht und dadurch Bühnenerfahrung gewonnen. Das hat mir geholfen, mein eigenes Stück zu inszenieren und es als szenische Lesung vor Publikum aufzuführen.

Wie waren die Reaktionen des Publikums?
Bei meiner ersten Aufführung bei der Glinder Lesenacht 2014 war ich sehr gespannt, wie mein Ein-Personen-Stück beim Publikum ankommt. Die Musikerin Karla Feles hatte meine szenische Lesung mit dem Akkordeon begleitet. Nach dem Stück waren die Zuschauer sehr ergriffen und ich bekam viel positives Feedback zu Inhalt und Darstellung. Das war auch bei den nachfolgenden Aufführungen so. Mit einer Zuschauerin, die besonders berührt war, habe ich heute noch Kontakt.

Was hast Du als Nächstes geplant?
Weil das Stück so gut ankam, habe ich beschlossen, einen Film daraus zu machen, mit dem ich noch mehr Zuschauer erreichen kann. Es soll ein Kurzfilm werden, der für mehr Miteinander wirbt. Im Vordergrund sollen die Einsamkeit der Häftlinge und die unmenschliche Behandlung durch die Aufseher stehen. Derzeit werbe ich noch für Unterstützung dieses Projektes. Mein Ziel ist es, den Film unter anderem als Schulmaterial einzusetzen. Und mit weiteren Aufführungen meiner szenischen Lesung möchte ich viele Menschen an die Verbrechen der Nazi-Zeit erinnern und zum Nachdenken anregen.

Lasst Euch nicht einschüchtern