Widerstand gegen Rechtextremismus

Preisträger des Ludwig-Meyn-Gymnasiums in Uetersen Sebastian Franke, Maximilian Hanisch, Rebekka Kewitsch, Kimberly Lindemann, Tobias Schubring, Miro Walter; und Ihr BERTINI-Preis Pate Bernd Brauer von der Loge Roland
(Foto: Carsten Thun)
Preisträger des Ludwig-Meyn-Gymnasiums in Uetersen Sebastian Franke, Maximilian Hanisch, Rebekka Kewitsch, Kimberly Lindemann, Tobias Schubring, Miro Walter; und Ihr BERTINI-Preis Pate Bernd Brauer von der Loge Roland

Der Lehrer Walter Vietzen aus Kellinghusen wurde über mehrere Monate von Neonazis terrorisiert. Schülerinnen und Schüler des Ludwig-Meyn-Gymnasiums in Uetersen machten einen Film über den Lehrer, der sich in vielen Projekten gegen Rechts engagiert und sich nicht einschüchtern ließ.

Ein Mann geht durch die idyllisch anmutenden Gassen von Kellinghusen. Man sieht ihn nur von hinten, folgt als Zuschauer seinem Weg, begleitet ihn. Dann werden Schriftzüge quer über das Bild eingeblendet. Nacheinander sind die Worte „Angst“, „Ungewissheit“, „Verzweiflung“ zu lesen. So beginnt der Film „Angst – Widerstand gegen Rechtsextremismus in Kellinghusen“. Gedreht und produziert wurde er von sechs Schülerinnen und Schülern des Ludwig-Meyn-Gymnasiums in Uetersen.

Von den Geschehnissen in Kellinghusen erfuhren die Jugendlichen durch ihren Lehrer Sönke Zankel. Er hatte den Schülerinnen und Schülern, die bereits Erfahrung im Drehen von Filmen besitzen, zwei Themen für einen neuen Dokumentarfilm vorgeschlagen. „Dass das Thema Rechtsextremismus gar nicht so weit von uns entfernt ist, hat für uns den Ausschlag gegeben, diesen Film zu machen“, erklärt Kimberly Lindemann, 16. Die Schülerinnen und Schüler fanden, dass dieses Geschehen mehr Öffentlichkeit braucht. „Dass im kleinen, scheinbar friedlichen Kellinghusen eine größere Gruppe Neonazis agierte, wussten wir vorher auch nicht“, sagt Sebastian Franke, 18. Kellinghusen liegt rund 35 Kilometer entfernt von Uetersen.

Die Übergriffe auf den Lehrer Walter Vietzen begannen 2007. „Zunächst wurde nachts vor seinem Haus randaliert. Es flogen Flaschen gegen die Hauswand, Zaun und Hecke wurden demoliert“, berichtet Sebastian. Erst dachte sich der Lehrer noch nichts dabei. Doch dann tauchten Zettel an seiner Schule auf mit der Aufschrift „Kill Vietzen kill“. Und die Bedrohungen nahmen zu, „es gab mehrere Drohanrufe und sein Auto wurde mit Hakenkreuzen beschmiert“, sagt Maximilian Hanisch, 16. Inzwischen war klar, aus welcher Ecke die Bedrohungen und Angriffe gegen den Lehrer kamen, der sich seit Jahren an seiner Schule in Präventionsprojekten gegen Rechtsradikalismus engagiert. „Er hatte zum Beispiel mit seinen Schülern die Geschichte Kellinghusens während des Nationalsozialismus recherchiert. Damit hatte er sich gegen die Neonazi-Szene gewandt, die Kellinghusen schon in den 1980er Jahren zum Zentrum machten“, weiß Kimberly.

Lehrer Vietzen schaltete die Polizei ein und die nahm die Sache ernst. Sie beriet den Lehrer über Vorsichtsmaßnahmen. Daraufhin brachte er Videokameras an seinem Haus an. Und die Polizei überwachte sein Haus. „Er erzählte uns, dass die Polizisten sogar in ihrer Freizeit Streife vor seinem Haus fuhren. Dieses Engagement über die Dienstzeit hinaus hat uns überrascht“, berichtet Tobias Schubring, 17. Schließlich wurde sogar auf die Polizeiwache ein Molotow-Anschlag verübt. Es gab Brandspuren, aber keine Verletzten. Dank der beharrlichen Ermittlungen der Polizei konnten die Täter nach mehreren Monaten des Terrors schließlich festgenommen werden. Vor dem Landgericht Itzehoe wurden sie verurteilt.

All diesen Tatsachen gaben die Jugendlichen Raum in ihrem Film. Abwechselnd lassen sie den Lehrer Walter Vietzen, den leitenden Ermittler von der Polizeiwache in Kellinghusen Henning Wendt und den Jugendrichter Reinhard Bischof vom Landgericht Itzehoe zu Wort kommen. Durch die persönliche Betroffenheit werden die Geschehnisse für den Zuschauer nacherlebbar. So zum Beispiel, wenn Walter Vietzen über die Auswirkungen der Bedrohungen auf ihn und sein Leben spricht. „Er hat versucht, nicht mit Angst, sondern rational zu reagieren, aber er fühlte sich schon unwohl“, betont Rebekka Kewitsch, 16. „In seiner Arbeit ließ er sich nicht stoppen, trat weiter für Aufklärung ein, rückte aber seine Person mehr in den Hintergrund“, ergänzt Miro Walter, 17.

Die Schülerinnen und Schüler wollten mit ihrem Film auch zeigen, dass es sich lohnt, sich nicht unterkriegen zu lassen, sich zu wehren, auch der Arbeit von Polizei und Justiz vertrauen zu können und gemeinsam etwas zu erreichen. Dafür engagierten sie sich weit über den Unterricht hinaus. Über ein Schuljahr arbeiteten sie an ihrem Film. „Wir fuhren mehrmals nach Kellinghusen, um den Lehrer und den Polizeibeamten zu interviewen, und einmal zum Landgericht nach Itzehoe“, berichtet Miro. Zuvor hatten sich die Schülerinnen und Schüler ein grobes Schema für ihren Film überlegt und Interviewfragen ausgearbeitet. Nach dem Dreh kam das Schneiden, das ebenfalls am Wochenende stattfand. Schließlich konnten sie den fertigen Film gleich zweimal ins Internet stellen: auf YouTtube und auf Uetersentv.de. „Wir waren zum Schluss schon stolz, dass wir das Projekt durchgehalten haben“, sagt Kimberley.

„Die Reaktionen waren durchweg positiv, auch Herr Vietzen war angetan von dem Ergebnis“, berichtet Tobias. Die Schülerinnen und Schüler wollen den Film auch in ihrer Schule präsentieren. „Wir finden es beeindruckend, wie der Lehrer vorgelebt hat, dass man sich nicht unterkriegen lassen darf“, sagt Maximilian anerkennend. „Das Beispiel zeigt: Widerstand ist machbar.“