Begegnung mit Zeitzeugen in Chicago

Elf Schülerinnen und Schüler der Stadtteilschule Am Heidberg trafen in Chicago Menschen, die vor dem Holocaust in die USA geflohen waren. Die Jugendlichen sprachen mit den Zeitzeugen und drehten einen Film darüber.

Der 76-jährige Kurt Gutfreund war fünf Jahre alt, als er und seine Mutter 1943 nach Theresienstadt deportiert wurden. Henry Strauss, 84, musste als Kind miterleben, wie SA-Männer die Wohnung seiner Eltern in Essen während der sogenannten „Reichspogromnacht“ verwüsteten und den Vater verhafteten. Viele nahe Angehörige von Judith Levy-Strauss, 81, darunter ihr Vater, waren von den Nazis deportiert und ermordet worden. Alle drei Zeitzeugen konnten dem Holocaust entfliehen und haben in Chicago eine neue Heimat gefunden. Für ihre Geschichten interessierten sich elf Schülerinnen und Schüler der Stadtteilschule Am Heidberg in Langenhorn und drehten mit ihnen den Film „Making a difference – Meeting the Hidden Children of Chicago“.

Schon seit mehreren Jahren gibt es zwischen der Stadtteilschule Am Heidberg und ihrer Partnerschule in Chicago, der Ogden International School, einen regelmäßigen Schüleraustausch. Auch im Juni 2014 war wieder eine Reise nach Chicago geplant, für die sich Neunt- und Zehntklässler bewerben konnten. „Mich hat besonders die Stadt und das Leben in Amerika neugierig gemacht“, erklärt Swaantje Pöhler, 16, den Grund für ihre Bewerbung. „Ich wollte daran teilnehmen, weil ich mein Englisch verbessern wollte“, fügt Marijke Kalinowski, 15, hinzu. Für sie und ihre Mitschülerinnen und Mitschüler war es die erste Reise in die USA.

Ein halbes Jahr lang trafen sich die Schülerinnen und Schüler alle 14 Tage in der Schule, um den geplanten Schüleraustausch vorzubereiten. Doch es ging nicht nur darum, die Kontakte zu Gastfamilien zu knüpfen oder sich über die Stadt Chicago zu informieren. Im Mittelpunkt ihres zweiwöchigen Aufenthalts sollte, wie auch in den vorangegangenen Jahren, ein Projekt zum Thema Migration und Immigration stehen, sagt Lehrer Ronald Hinrichs. Er, seine Kollegin Theresia Haarmeyer und sein Kollege Michael Busch schlugen den Schülerinnen und Schülern eine Begegnung mit in Chicago lebenden jüdischen Exilanten vor. Dieser Gedanke kam bei den Schülerinnen und Schülern gut an. „Wir hatten uns im Unterricht schon mit dem Thema Nationalsozialismus beschäftigt und fanden es spannend, direkt mit Zeitzeugen zu sprechen”, berichtet Emelie Kaerger, 15. Daraus entstand die Idee, Interviews mit möglichen Zeitzeugen zu führen und sie in einem Film zu dokumentieren.

Zur Vorbereitung sahen die Jugendlichen den Film „Refuge“ von Ethan Bensinger, einen Dokumentarfilm über betagte jüdische Menschen, die in Chicago im Selfhelp Home leben. Sie gehören zur Gruppe der „Hidden Children“, einer Selbsthilfegruppe von europäischen Juden, die als Kinder vor dem Holocaust geflohen waren und in den USA eine neue Heimat fanden. In Chicago konnte die Selbsthilfegruppe ein Haus kaufen, aus dem mittlerweile ein Altersheim für die jüdischen Exilanten geworden ist. Was die „Versteckten Kinder“ auf ihrer Flucht erlebten, konnten die Schülerinnen und Schüler auch in dem Buch „Out of Chaos – Hidden Children Remember the Holocaust“ nachlesen. Es beschreibt die Flucht aus der Sicht jüdischer Kinder. Viele mussten sich allein und unter falscher Identität durchschlagen.

Nachdem sich die Schülerinnen und Schüler in die Materie eingearbeitet hatten, entwickelten sie ihre Interviewfragen. „Wir wollten von den Zeitzeugen erfahren, was ihnen und ihren Familien passiert ist und wie sie in den USA aufgenommen wurden“, erklärt Lewin Schwandt, 15. „Wir mussten aber auch darauf achten, dass wir sensibel vorgehen“, ergänzt Laura Heiser, 15. Eine Herausforderung war nicht nur das Thema, sondern zudem die Fremdsprache. „Wir haben unsere Fragen erst in Deutsch formuliert und dann ins Englische übersetzt“, beschreibt Melanie Olms, 15, ihr Vorgehen. Auch den Umgang mit der Kamera haben die Schülerinnen und Schüler geübt. Und als es im Juni 2014 endlich losging, fühlten die Jugendlichen schon so etwas wie Lampenfieber. „Wir waren uns nicht sicher, ob unsere Englischkenntnisse ausreichen würden“, erinnert sich Swaantje.

Doch die Sorgen waren schnell verflogen. „Unsere Gesprächspartner waren sehr freundlich und haben sich bemüht, verständlich zu sprechen. Viele konnten auch noch Deutsch“, so Laura. Mit fünf Zeitzeugen führten die Jugendlichen schließlich Interviews und nahmen sie mit der Videokamera auf. Zuvor hatten die Jugendlichen auch eine Lesung von Zeitzeugen und das Holocaust-Museum in Chicago besucht. „Es war sehr bewegend, wie unsere Gesprächspartner ihr Schicksal mit uns geteilt haben“, berichtet Marijke. Aber trotz der Erlebnisse erschienen die Senioren den Jugendlichen als „lebensfroh“, so Melanie. Und „es war ihnen wichtig, dass ihre Geschichten weitervermittelt werden, damit so etwas nicht wieder passiert“, betont Laura.

Zurück in Deutschland, organisierten die Schülerinnen und Schüler einen Abend für Eltern, Lehrer und Mitschüler, an dem sie über ihr Projekt und ihre Erfahrungen in Chicago berichteten. Die Resonanz darauf war erstaunt und positiv. „Meine Eltern hatten überhaupt nicht erwartet, dass das so ein großes Projekt war, und fanden es toll“, sagt Laura. Besonders beeindruckend waren die präsentierten Auszüge aus dem rund 15-minütigen Dokumentarfilm. Auch den Schülerinnen und Schülern selbst hat das Projekt viel gebracht. „Was die Zeitzeugen uns berichtet haben, hat uns mehr bewegt als alle Fakten, die wir im Unterricht gelernt haben“, resümiert Marijke.