Musik gegen Rassismus: Laudatio von Karlheinz Goetsch

Gehalten von Karlheinz Goetsch am 27. Januar 2016
vom Förderprogramm DEMOKRATISCH HANDELN

Liebe Gäste,
Liebe Schülerinnen und Schüler des Musikprofils
der Stadtteilschule Wilhelmsburg,

Inmitten all der Hasstiraden, den terroristischen Amokläufen und Verkehrtheiten der Welt habt Ihr den Einschüchterungen unserer Zeit etwas entgegengesetzt, was mich mit großer Achtung erfüllt und für das ich Euch heute im Namen der BERTINI-PREIS-JURY auszeichnen darf.

Was Ihr gemacht habt, konnten wir soeben in dem kleinen Filmbeitrag bewundern:

Nachdem Ihr euch in einer Projektwoche mit den Themen IS, Charlie Hebdo und PEGIDA auseinandergesetzt habt, konntet Ihr Euer erworbenes Wissen und auch all Eure bisherigen Erfahrungen und Erlebnisse als Jugendliche aus Einwandererfamilien in sechs eigenen Songs im Musikprofil Eurer Schule verarbeiten.

Eure eigenen Gedanken zu diesem Thema habt Ihr in Texten festgehalten und mit professioneller Unterstützung in Musik und sogar in zwei Videoclips überführt. Finanzielle Hilfe erhieltet Ihr für Euer Projekt durch die Konrad-Adenauer-Stiftung.

Aber seit wann haben Mörder einen Platz im Paradies?

Heißt es in Eurem Song: ALLLE GLEICH.
Wirklich: Ein starker Satz!

Sag mir, warum so voller Hass?
Wir sind doch alle gleich gemacht!

Nur Frieden gibt uns Kraft!

Niemals war der echte Islam für den Krieg bereit,
Frieden war die einzige Wichtigkeit!

Ich wünschte, wir wären alle toleranter,
Selbst ich wünsch mir, ich wäre entspannter.

Ihr habt es gemerkt: Es sind Eure weiteren Zeilen. Und so leistet Ihr mit Euren Songs einen sehr wichtigen Beitrag gegen den Salafismus, indem Ihr den Hass wegsingt:

„Euer Weg ist die Musik! Ihr tragt Eure Botschaft in die Welt hinein und verleiht Euren Gedanken die Stimme, die sie verdient hat!“

Heißt es in einem der Kommentare zu Eurem Videoclip LET ME SPEAK, der auf You Tube zu sehen ist.

Aber auch Eure Zerrissenheit als Kinder aus der 3. oder 4. Einwanderergeneration macht Ihr uns in den beiden Songs: WANN und ICH SING DIESES LIED sehr deutlich:

Wir wurden geboren in diesem Land,
aber: Bleiben immer ein Migrant.

Wenn ein Moslem einen Fehler macht, sind alle Muslime gleich,
und sie behandeln unsere Religion falsch.

Doch ihr müsst bedenken, was sie sagen ist, nicht immer wahr!
„Alle Moslems sind Islamisten …“, kommt mal klar!

Ich will, dass es auf dieser Welt kein Krieg mehr gibt!
Bin ich zu idealistisch oder zu naiv?
Sind meine Erwartungen zu hoch oder zu tief?
Steht die Welt auf dem Kopf oder sehe ich sie einfach schief?

Nachdem Ihr Euer Projekt im Juni 2015 Freunden und Bekannten im Bürgerhaus Wilhelmsburgvorgestellt hattet, wurden die Medien – Zeitungen und Fernsehanstalten – auf Euren Einsatz für ein friedliches Zusammenleben aufmerksam und haben über Euch berichtet.

Doch es gab auch von einigen Gruppen Anfeindungen; woraufhin Ihr einen Videoclip bei You Tube entfernt habt, der sich mit der Anwerbung eines Jugendlichen in Eurem Alter zum IS auseindersetzt.

In Zeiten, in denen jeder alles im Internet kommentieren kann, werden die Widersprüche unserer Gesellschaft besonders deutlich.
Auch Ihr seid und ward verbalen Attacken von rechts im Internet ausgeliefert – eine schwierige Situation – insbesondere für ein Projekt von Schülerinnen und Schülern.

Auch keine leichte Situation für Euren Lehrer, Herrn Lobgesang, dem in diesem Zusammenhang eine ganz besondere Verantwortung gerade für Euch zukommt.

Es zeigt aber deutlich, wie wichtig es ist, Stellung zu beziehen.
Und wenn dass von Euch kommt – der nächsten Generation, die bald in Verantwortung für unsere Gesellschaft ist – erfüllt mich das mit Freude.

Denn Ihr erreicht Eure „Altersgenossen“ häufig viel eher, als es manchmal unsere belehrend auftretende Erwachsenenwelt vermag.

In der Abwandlung eines Zitats bei Wolfgang Borchert finde ich Euch wieder:

„Gerade in diesen Zeiten brauchen wir wieder eine Jugend, die zu allen Problemen aktiv Stellung nimmt.”

Das zeichnet Euch wirklich aus!

Und eins lasst mich noch sagen: Ihr erhaltet nun auch weitere, kräftige Unterstützung:

Sowohl das Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung als auch die Zentrale für politische Bildung werden sich für die Verbreitung Eurer CD LET ME SPEAK einsetzen.

Ich beglückwünsche Euch und darf Euch für Euer großartiges und mutiges Engagement im Namen der Jury mit dem BERTINI-PREIS 2015 auszeichnen.