Der Projekttag am Standort St. Pauli der StS Am Hafen ist straff organisiert

Mit lauter Stimme im Netz

Wie Schüler ihr Viertel mitgestalten

Der Andrang im Stadtteilzentrum „Kölibri“ am Hein-Köllisch-Platz ist groß. Im Herzen von St. Pauli treffen sich die Schülerinnen und Schüler der 7b des dortigen Standortes der Stadtteilschule Am Hafen, um an ihrem Projekt „Zivilcourage im Netz“ zu arbeiten. Mit ihrem Stadtteilblog „paulis-fisheye.de“ gehen die Zwölf- bis Dreizehnjährigen ins Rennen im Rahmen der BERTINI-Initiative „Mut im Netz“ In dem Blog berichten die Mädchen und Jungen über ihre Lebenswelten und die der Kinder und Jugendlichen aus ihrem Viertel.

In unmittelbarer Nähe zur Hafenstraße in St. Pauli liegt dieser Standort der Stadtteilschule Am Hafen im Mittelpunkt des Viertels und ist dort tief verankert. Dies spielgelt sich auch in der Arbeit am Blog wieder. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten in örtlichen Einrichtungen wie dem „Kölibri“ und der Medienwerkstatt an ihrem Projekt. „Wir nutzen und intensivieren unsere gute Vernetzung im Stadtteil für das Projekt. Dadurch wollen wir zeigen, dass man an jedem Ort lernen kann“, sagt Projektkoordinator Christoph Berens, der mit den beiden Sozialpädagoginnen Anna Claus und Katrin Steinberger das Grundkonzept entwickelt hat. Berens: „Mit dem Blog sollen die Schülerinnen und Schüler eine Stimme erhalten, Stellung beziehen, um Mut und Zivilcourage zu zeigen, um auf diese Weise auf Missstände im Lebensumfeld von Heranwachsenden aufmerksam zu machen“. Für dieses Ziel arbeiten die Mädchen und Jungen intensiv in den Räumlichkeiten des Stadtteilzentrums.

Wie durch ein Fischaugen-Objektiv den Stadtteil aus junger Sicht betrachten

Bei der Erstellung eines Blogs gibt es zunächst formale Dinge zu beachten. Deswegen treffen sich sechs Mädchen der Projektgruppe mit Gesa Becher, einer Mitarbeiterin der GWA St. Pauli, zu einer Redaktionskonferenz. Da „paulis-fisheye.de“ bereits im Netz erreichbar ist, erklärt Becher den Mädchen, was es mit einem Impressum, einer Chefredakteurin sowie mit Persönlickeits- und Urheberrechten auf sich hat, denn das sind alles wichtige Informationen für das publizistische Arbeiten – auch online.

Nun muss der Blog mit Inhalten gefüllt werden. Der Name gibt die Richtung vor: Wie durch ein Fischaugenobjektiv, wird der Blick auf das Ganze gerichtet, entwickelt sich ein breites Panorama des Stadtteils aus junger Perspektive. Dabei sind die Themen vielseitig: Was erleben junge Leute im Stadtteil? Wie stehen sie zu globalen und gesellschaftlichen Themen? Wo kann man Hilfe und Unterstützung bekommen? Welche Trends sind cool? Was ist in der Schule los?

Die ersten Texte werden bereits vom Redaktionsteam entworfen. Jeweils zu zweit verfassen die Schülerinnen Portraits mit Fotos und Steckbriefen der Sozialpädagogen und der Schulsprecher ihrer Schule. Außerdem entstehen Interviews mit Schülerinnen und Schülern, die am St. Pauli Theater bei der Produktion „Peer Gynt“ als Darsteller mitgewirkt haben. Redakteurin Sophia (14) kann bereits auf erste journalistische Erfahrungen zurückgreifen: „Für die Internetzeitung „Klickerkids“ habe ich den Gruner + Jahr Verlag besucht und über den Michel berichtet“, erzählt sie. Trotzdem holen sich die Mädchen Unterstützung, von allen Seiten. So wird die Klassenlehrerin Meike Nahrun kurzerhand zur Lektorin befördert und darf, ob sie will oder nicht, die bereits vorliegenden Texte redigieren.

Bei der „Gamix“ Gruppe im großen Aufenthaltsraum des „Kölibri“ rauchen die Köpfe. Hier soll ein Comic entstehen. Die Schülerinnen und Schüler tauchen dazu Unterstützt durch Medienpädagogin Valentina Birke in die virtuelle Welt der „Sims“ ein. Ziel ist es, passende Screenshots aus dem Spiel zu generieren. Zwischendurch wird immer wieder in die Glasschalen auf dem Tresen gegriffen. Der Inhalt: Nervennahrung in Form von Gummibären und Salzgebäck. Und die ist dringend notwendig, denn es ist gar nicht so leicht die im Storyboard gezeichneten Szenen in der computergenerierten Wirklichkeit des Spiels nachzustellen. Die Kinder kämpfen dabei ganz schön mit den Widrigkeiten der Technik. Auch wenn es mühselig ist, die Fortschritte in der Realisation ihres Comics sind unverkennbar. Die Schwierigkeiten gehören dazu und seien durchaus gewollt, betont Christoph Berens: „Die Schülerinnen und Schüler sollen mit und an dem Projekt wachsen. Zudem lässt die gemeinsame Arbeit die Klasse auch über die Zeit des Unterrichts hinaus zusammenwachsen“.

So verschaffen sich die Schülerinnen und Schüler im Netz Gehör

Die Mädchen und Jungen sollen sich kritisch mit den Medien und deren Inhalte auseinandersetzen und die Berichterstattung sowie die Quellen hinterfragen. Als Ansatz dient dabei die handlungsorientierte Medienpädagogik. Deswegen ziehen auch zwei Schüler-Filmteams durch das Viertel und suchen nach geeigneten Drehorten, um Interviews zu produzieren. Interviews, in denen die Schüler in szenischen Darstellungen von ihren Problemen und Widrigkeiten im eigenen Alltag berichten. Auf diese Weise sollen die Schülerinnen und Schüler ihre eigene Meinung herausbilden und als Experten ihr Wissen sowie ihre Erfahrungen und Erlebnisse aus den eigenen Lebenswelten an die jüngeren Kinder im Stadtteil weitergeben. Denn das Projekt soll Nachhaltigkeit entfalten und als ständiges Angebot der Schule etabliert werden. „Wir wollen den Kindern und Jugendlichen im Quartier ein niedrigschwelliges Angebot bieten, über das sie Hilfe und Ratschläge bei Problemen im Alltag erhalten“, sagt Projektkoordinator Christoph Berens. Probleme, die im sozialen und kulturellen Schmelztiegel St. Pauli im privaten und öffentlichen Bereich an der Tagesordnung sind. Die Interviews werden deswegen möglichst an stadtteiltypischen Orten mit Wiedererkennungswert gefilmt: unter den Palmen im „Park Fiction“ oberhalb des Hafens und auf dem Pausenhof der Stadtteilschule vor einem mit bunten Graffiti verzierten Geräteschuppen. Nach einer kurzen Einführung in die Kameratechnik sowie einer Stellprobe der Akteure wird das Gespräch über die ersten Erlebnisse mit Kriminalität im eigenen sozialen Umfeld der Kinder gedreht.

Das Blog verbietet sich keine Themen und wagt sich auch an vermeintliche „heiße Eisen“. So werden die Alltagsprobleme im unmittelbaren sozialen Umfeld der Kinder und Jugendlichen des Viertels direkt an- und ausgesprochen. Die Internetseite soll als Community dienen, zum Austausch über die Alltagssorgen anregen und zur Lösung der vielschichtigen Konflikte beitragen. Berens bewertet die Funktion von „paulis-fisheye.de“ so: „Das Internet eignet sich hervorragend, als interaktives und spannendes Medium, multiperspektivisch zu arbeiten“.

Dabei steht die Kommunikation im Mittelpunkt. Betroffenen Kinder und Jugendliche sollen virtuell „an die Hand“ genommen werden, sich trauen, ihre Ängste, Befürchtungen und Erlebnisse verbal zu äußern, um so auf Missstände, die ihre Lebenswelten betreffen, aufmerksam zu machen. Der Blog dient den Schülerinnen und Schülern dazu, sich Gehör zu verschaffen, um mit der Hilfe und Unterstützung eines weit verzweigten Netzwerkes im Quartier den Stadtteil St. Pauli für Heranwachsende am Leben in St. Pauli aktiv teilzunehmen.

Text und Bilder von Matthias Hase