Estelle bei der Stellprobe für den Film zum Thema Cybermobbing

Mit Blog, App und Film gegen „Cybermobbing“

„Das ist der Super-GAU!“ – Bei den jungen „Programmierern“ der Klasse 8e der Stadtteilschule Stellingen macht sich Frust breit. Sie können ihren frischentwickelten Blog nicht online stellen. „Leider haben wir auf die Firewall keinen Einfluss“, sagt IT-Experte Tim Pfeiffer, der die Gruppe mit seinem Expertenwissen unterstützt. Die Sicherheitsarchitektur des Servers macht den Schülerinnen und Schülern vorerst einen gehörigen Strich durch die Rechnung. Dabei ist der Blog neben der App zentraler Bestandteil des Multimediaprojekts „Cybermobbing“, mit dem die Stellinger Schülerinnen und Schüler an der BERTINI-Initiative „Mut im Netzt“ teilnehmen.

Aber Tim Pfeiffer lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. „Noch ist ja nicht Feierabend“, schmunzelt er. Auch Justin (14) kann dieser Zwangspause etwas Positives abgewinnen und ist guter Hoffnung: „Das ist für uns als Gestalter und Administratoren ein Lerneffekt. Und irgendwie bringen wir die Seite im Internet schon zum Laufen“. Auf Blog und App sollen später alle interessierten Kinder und Jugendliche Texte, Tipps und Ratschläge rund um das Thema „Cybermobbing“ abrufen können. Aber auch Täter und Zeugen von Mobbing sollen digital über das Blog Hilfestellung erhalten. Mit ihrem Projekt wollen die Schülerinnen und Schüler der Stadtteilschule Stellingen über das Phänomen „Mobbing im Netz“ aufklären, Opfern eine schnelle und direkte Anlaufstelle bieten sowie Tätern ihr mobbendes Verhalten vor Augen führen und sie motivieren, über ihr Handeln nachzudenken.

Während die Blogger noch mit der Technik kämpfen, kauen Luis (13) und Milan (14) im Klassenzimmer auf Ihren Bleistiften herum. Sie sollen sich um die App kümmern. Noch liegt diese lediglich als Konzeptskizze vor. „Wir überlegen, welche Inhalte wir wie auf der App abbilden“, sagt Milan. Noch ein paar Striche hier und ein paar Pfeile dort, dann sollen erstmal die Profis ran. Deswegen werden sich die beiden gleich auf den Weg nach Wilhelmsburg zu einem App-Designer machen. „Ohne Profis können wir das nämlich nicht realisieren“, betont Milan. Schließlich sollen Besitzer von Smartphones und Tablets die Inhalte in gleich guter Qualität abrufen können, wie die Nutzer mit normalen Desktop-Computern. „Wir wollen, dass alles professionell wirkt“, betont auch Luis. Die beiden freuen sich sichtlich auf den anstehenden Termin.

„Juristen“ und „Journalisten“ arbeiten Hand in Hand

Wie umfangreich und ambitioniert das gesamte Projekt ist, zeigt ein Schaubild an der der Tafel. Dort kleben große, bunte Zettel mit den Namen der an diesem Projekt beteiligten Kompetenzteams: „Regisseure“ für Real- und Stopp-Motion-Film, „Journalisten“ für Dokumentation und Inhalte, „Programmierer“ für Blog und App. Jede Gruppe bearbeitet dabei ihre Aufgaben und trägt so dazu bei, die Inhalte für das künftige digitale Angebot zu komplettieren.

Die Klasse überlässt dabei nichts dem Zufall. Deswegen gibt es ein Kompetenzteam, das sich ausschließlich um die rechtliche Seite des umfangreichen Projektes kümmert – die „Juristen“. „Wir klären alle juristischen Fragen wie Urheber- und Persönlichkeitsrechte, die sich aus den Texten und Fotos für den Blog und die App ergeben“ erklärt Mona (13). „Dafür recherchieren wir im Internet und haben uns dort selber über das Thema Mobbing informiert“. Mit drei weiteren jungen „Juristinnen“ führt Mona Faktenchecks durch und prüft die Angaben in der Online-Enzyklopädie Wikipedia auf ihre Richtigkeit. Zudem formulieren sie juristische Texte in leicht verständliche Blog-Artikel um. Und wenn alle Stricke reißen, gibt es einen Ansprechpartner beim Landeskriminalamt Hamburg zum Thema „Mobbing“. „Doch diesen Kontakt mussten wir bisher noch nicht nutzen“, betont Mona stolz.

Einen Tisch weiter sitzen die „Journalistinnen und Journalisten“. Sie stehen im engen Austausch mit den „Juristen“ nebenan. Sollte eine rechtliche Frage entstehen, ist die Antwort nur eine halbe Drehung entfernt. Hauptaufgabe der Journalisten ist es jedoch, Umfragen in der Schule durchzuführen, Experten der Polizei und des Beratungsdienstes der Stadtteilschule Stellingen rund um das Thema „Cybermobbing“ zu interviewen und im Internet nach Zahlen, Fakten und allgemeine Infos zum Thema „Mobbing“ zu recherchieren. Außerdem dokumentieren einige „Journalisten“ gleich noch das Projekt für die Schule mit.

Filme sollen für das Thema „Cybermobbing“ sensibilisieren

Die jungen „Regisseure“ im Projekt haben die Aufgabe, mittels filmischer Beiträge das ernste Thema aufzulockern und über die Folgen von Mobbing aufzuklären. Deswegen brüten Halenur (13), Friederieke (14) und Estelle (14) über ihrem dreiseitigen Drehbuch. Unterstützung bekommen sie vom Medienpädagogen Robert Falckenberg. Die drei Mädchen sprechen jede Szenen einzeln mit dem Experten durch, klären die nötigen Kameraeinstellungen, erörtern die szenische Gestaltung und begeben sich schließlich auf den Schulhof zur Motivsuche.

Es soll ein Film mit zwei unterschiedlichen Enden werden – einem Happy End und einer Version mit einem alternativen negativen Ausgang. Die drei Schülerinnen sind dabei von der Idee bis zum Schnitt komplett auf sich gestellt. Robert Falckenberg gibt im Vorwege lediglich Tipps für eine erfolgreiche Produktion. Bevor es an die Umsetzung des Films geht, hilft er den Filmemacherinnen im Umgang mit der Kamera und entsprechenden Aufnahmetechniken. Dafür malt er an die Tafel Skizzen und verschiebt im Klassenzimmer Mobiliar, um zu zeigen, wann und wie eine Nahaufnahme, eine Totale und eine Halbtotale für eine Szene am besten wirken können. Falckenberg erklärt den Mädchen, wie ihr Film perfekt in Szene gesetzt werden kann. Begriffe wie „Goldener Schnitt“ und „Achsensprung“ werden diskutiert, bis schließlich alle das .Gefühl haben, dass es losgehen kann..

Unterdessen ist das Kompetenzteam Stopp-Motion-Film der Ruhe und ungestörten Atmosphäre wegen in einen abgelegenen Biologieraum ausgewichen. Zwischen Büchern und Tierpräparaten „basteln“ die Schülerinnen und Schüler konzentriert an ihrem Film. „Wir müssen millimetergenau arbeiten und niemand darf an das Bühnenbild kommen“, erklärt Dana (14) den ungewöhnlichen Produktionsort. Das gesamte Szenenbild sowie die Knetfiguren für den Trickfilm hat die Gruppe selbst per Hand in mühevoller Kleinarbeit hergestellt. Leonardo (13) verantwortet die Aufnahmetechnik und den Schnitt des Stopp-Motion-Films. „In wenigen Szenen wollen wir viel erzählen“, sagt er. Deswegen beschriftet er gemeinsam mit Dana und Jona (13) Sprechblasen, die anschließend mit Nadel und Faden in das Szenenbild gehängt werden. Die Knetfiguren sollen dann das Thema „Cybermobbing“ Schritt für Schritt, Bild für Bild in Szene setzen. Unterstützt werden die drei von Tanja Gwiasda, die bereits mehrere Theaterstücke als Trickfilme umgesetzt hat.

Die ursprüngliche Idee für das gesamte Projekt war lediglich ein kleines Theaterstück für die Initiative „Mut im Netz“ zu inszenieren und somit an der Initiative teilzunehmen. „Das mit dem Theater wäre aber nur eine einmalige Sache gewesen und auch nicht so spannend“, sagt „Programmierer“ Luis. Die Klasse von Tutorin Jantje Sternath wolle vielmehr ein wachsendes, dauerhaftes und damit nachhaltiges Angebot im Internet schaffen, um Opfer, Täter und Zeugen über Cybermobbing zu informieren und aufzuklären. Die Botschaft dabei ist so klar wie einfach: „Behandele andere Menschen im Netz immer so, wie du selbst im ‚echten Leben‘ behandelt werden möchtest!“ Die Tutorin und ihre Klasse sind sich sicher, damit einen guten Beitrag im Kampf gegen Cybermobbing im Internet zu leisten und damit zu „Mut im Netz“ aufzurufen und diesen auch selbst zu zeigen.

Text und Bilder von Matthias Hase