Der erste Stolperstein für Finkenwerder: Laudatio von Gabriele Kroch

Der erste Stolperstein für Finkenwerder

Laudatio gehalten von Gabriele Kroch am 27. Januar 2016 für die Howard und Gabriele Kroch Stiftung

„Das Kind grinst andauernd blöde, es reagiert auf laute Geräusche, wie Klopfen, Klatschen usw. mit kurzem Hinsehen in Richtung des Schalles, den es mit lautem Stampfen beantwortet. Auf Musik reagiert es nicht weiter, Bauklötze hebt es hoch und lässt sie polternd fallen. Im Übrigen ist es zu keiner sinnvollen Tätigkeit und keiner sprachlichen oder mimischen Äußerung zu bewegen. Schließlich fängt es an zu weinen.“

Ein Auszug aus dem Untersuchungsbericht von 1939, der das Schicksal des dreijährigen Hermann Quast besiegelt. Der vom Down-Syndrom betroffene Junge wird in die Alsterdorfer Anstalten eingewiesen und später in die Pflegeanstalt Eichberg in Hessen verlegt, wo er 1943 siebenjährig dem Euthanasie-Programm zum Opfer fällt.

2015 berichtet eine Mutter in der Zeit:

„Mein Sohn hat das Down-Syndrom. Er ist der lustigste Junge der Welt, aber er wird vielleicht nie bis 10 zählen können. Eines Morgens weckt uns die Große: „Oskar badet.“ Oskar sitzt in der Küchenspüle. Er trägt einen Schlafanzug, patscht mit den Händen im Wasser und strahlt. Mein Mann zählt stolz die logischen Schritte auf, die Oskar absolvieren musste: Kinderstuhl an die Küchenzeile schieben, raufkrabbeln, reinklettern, Wasser andrehen. Ich sag´s euch, richtig blöd ist der nicht.“

Hermann Quast wurde in eine andere Zeit geboren. Während einer Projektwoche am Gymnasium Finkenwerder unter dem Motto „Leben mit Behinderung“ kam sein Schicksal zutage. Bewegt von diesen Vorgängen in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft beschäftigten sich die fünf Preisträgerinnen der gemeinsamen Oberstufe des Gymnasiums und der Stadtteilschule Finkenwerder weiter mit dem Thema und recherchierten die Geschichte genauer. Schließlich entstand die Idee, einen Stolperstein für Hermann Quast zu verlegen.

Eine der kleinen goldfarbenen Gedenk-Platten im Fußweg, über die wir mit Augen und Gedanken stolpern sollen.

Ich gestehe, dass ich lange zu denen gehörte, die die Erinnerungssteine im Boden mit gewissem Bedenken sehen. Als aber ein langjähriger Freund, der Hamburg mit einem Kindertransport verlassen hat und damit äußerlich seine Hamburger Kindheit in die Schublade des Vergessens gelegt hatte, vor zwei Jahren mit knapp 90 Jahren vom Stolperstein für seine Mutter erfuhr, diesen besuchte und seither Kindheitserinnerungen nur so aus ihm heraussprudeln, bin ich zu einem völlig anderen Bild gekommen.

In einem Artikel für den Freundeskreis Gedenkstätte Neuengamme, schreiben Sie, liebe Preisträgerinnen, „Das besondere an den Erinnerungssteinen ist, das jeder Stein eine eigene Geschichte erzählt.“ Ihre Suche über verschiedene Lokalblätter nach Informationen zu Hermann Quast blieb ergebnislos. In Finkenwerder schienen seine Spuren ausgelöscht. Der Stolperstein erzählt nun, vom kurzen Leben des kleinen Hermann. Der Moment des Lesens ist nur ihm gewidmet und führt unsere Gedanken dann vielleicht doch auch zu den vielen anderen, die nur noch in den alten Anstaltsakten auftauchen.

Finkenwerder, ein Stadtteil der trotz der Nähe der Industrie heute häufig auch mit Romantik gleichgesetzt wird. Der kleine Hermann konnte nicht fröhlich durch die Straßen tollen, so wie ich es in den Kindheitsgeschichten von meiner Großmutter und ihren Vettern, den Kinau Brüdern, gehört habe.

„Boben dat Leben steiht de Dod, aber boben den Dod steiht wedder dat Leben“.

Sie, liebe Preisträgerinnen, haben mit der Erinnerung an Hermann Quast eine weitere Facette der Geschichte Finkenwerders aufgeschlagen und sind dabei auch auf deutliche Widerstände gestoßen. „Was soll das nach so langer Zeit noch?“ Wer, der sich mit unangenehmen Themen der Vergangenheit befasst, hat diese Frage nicht schon einmal gestellt bekommen. Sie haben unbeirrt ihre Idee verfolgt. Dies ist umso erwähnenswerter, als das ursprüngliche Schulprojekt ja längst beendet war. An dieser Stelle auch ein besonderer Dank an Ihre Lehrerin Frau Fielatz. Sie können stolz auf Ihre Schüler sein und seien Sie versichert, das machen Schüler nur für ganz besondere Lehrer, die sie sehr schätzen.

Hermanns Stolperstein – der erste in dem Stadtteil – ist ein weiterer wichtiger Meilenstein für die Auseinandersetzung mit dem in engster Nachbarschaft begangenen Unrecht der Vergangenheit.

Für mich fast noch entscheidender ebenso verbunden mit der Frage an jeden von uns, wie wir heute und in Zukunft mit Behinderung umgehen wollen.

Mongo war in den achtziger Jahren ein gängiges Schimpfwort.

Seit Beginn der Pränatal Diagnostik Mitte der Neunziger Jahre ist das Screening Programm zur Routine für Spätgebärende geworden. Neun von zehn Müttern, die während der Schwangerschaft von einer Chromosomenanomalie ihres Babys erfahren, tragen das Kind nicht aus. Wir streben nach dem Perfekten.

Hermann Quast wurde mit 7 Jahren ermordet, weil er nicht perfekt war. Pablo Pineda, Lehrer und Schauspieler mit Down- Syndrom sagt: „Das größte Manko der Gesellschaft ist, das Anderssein nicht verstehen zu können.“

Wir alle hier wissen, dass, wenn der Trend sich gegen das Anderssein richtet, es auch für den Gutwilligsten immer schwerer wird dagegen zu halten. Sie haben dagegengehalten und mit dem Stein, dem Anderssein von Hermann eine Stimme gegeben. Dies ist besonders anerkennenswert, da wir uns mit dem Gedenken an die NS Euthanasie Opfer oft schwer tun. So gibt es in einem Ort bei Leipzig, wo ansonsten eine hervorragende Erinnerungsarbeit geleistet wird, seit 2010 einen fertigen Entwurf für eine Erinnerungsstätte für 2060 auf einem Anstaltsfriedhof begrabene ehemalige Patienten. Die Stätte sollte „Mantel des Schweigens“ heißen. Dieser scheint sich als solcher dort inzwischen über das Thema gelegt zu haben.

Sie schreiben in dem oben erwähnten Artikel auch „Wir haben das Gefühl, tatsächlich etwas im Stadtteil zum Positiven verändert zu haben“. Das mit Sicherheit! Aufarbeitung kann immer nur die Grundlage sein, entscheidend ist der daraus folgende Dialog, und in den kann man an so einem Stein mit seinen knappen Informationen zu den Lebensdaten besonders gut eintreten.

In einem Finkenwerder Gedicht heißt es

„Fester Kurs durchs ganze Leben,
und weht der Wind auch noch so hart“

Damit wünsche ich Ihnen „Halten Sie Ihren, wie ich denke, guten Kurs, der anderen Orientierung geben kann. Dann müssen wir keine Angst um die Zukunft unseres Landes haben.

Nun freue ich mich, Ihnen den Bertini-Preis, zu dem ich Ihnen ganz herzlich gratuliere, überreichen zu dürfen.

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