Laudatio von Dr. Reiner Brüggestrat (Hamburger Volksbank)

Liebe Senatorin Melanie Leonhard,
liebe Isabella Vértes-Schütter,
liebe Anja Reschke,
liebe Preisträgerinnen und Preisträger,
sehr geehrte Damen und Herren,

HINSCHAUEN, WENN ANDERE WEGSEHEN.
SICH EINMISCHEN, WENN ANDERE SCHWEIGEN.
ERINNERN, WENN ANDERE VERGESSEN.
EINGREIFEN, WENN ANDERE SICH WEGDREHEN.
UNBEQUEM SEIN, WENN ANDERE SICH ANPASSEN.

Unsere ersten Preisträgerinnen und Preisträger, die wir heute bei der 19. Verleihung des BERTINI-Preises auf die Bühne bitten, erfüllen diese Kriterien des BERTINI-Preises vorbildlich.

14 Oberstufen-Schülerinnen und -schüler der Stadtteilschule am Hafen haben sich ein Thema erarbeitet, von dem sie vorher nur sehr wenig oder gar nichts wussten: Sie lesen Gerichtsprotokolle des NSU-Prozesses und setzen diese szenisch in einem Theaterstück um. Dies geschieht zunächst auf Initiative ihrer engagierten Lehrerin Celina Rahman, weil die Entdeckung der NSU zum fünften Mal jährt. Was dann geschieht, gehört ausgezeichnet: Denn aus einer einzigen Theaterprojektwoche hat sich ein sehr anspruchsvolles Ensemble entwickelt. Erinnern, wenn andere wegschauen.

Ziel ist es nicht, eine Wahrheit herauszufinden, sondern eine Haltung zu gewinnen. Die Schülerinnen und Schüler nehmen dabei immer wieder unterschiedliche Perspektiven ein – Täter, Opfer, Nachbarn – schauen genau hin, fragen nach und stellen fest: Das fremdenfreundliche Deutschland hat Risse. Niemand störte sich an der Hakenkreuz-Fahne im Keller der „netten Nachbarin“ Beate Zschäpe? Das sind Neonazis, die haben eine Terrorzelle gegründet! Wie kann das sein? Widersprüche markieren – unbequem sein.

Aus der haptischen Erfahrung des Theaterspiels – darunter Wutproben über das, was unbegreiflich scheint, gerinnt Erkenntnis: Wir müssen uns mit unserer gesellschaftlichen Rolle auseinandersetzen. Auch in Hamburg wurde von den Rechtsextremisten gemordet – in unserer Heimat. Wichtig ist dem Ensemble der Dialog mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern. Deshalb gehört ein Nachgespräch im Anschluss an die Aufführung fest zum Programm. Eingreifen, wenn andere sich wegdrehen.

Und es werden viele Fragen gestellt, zum Beispiel fragt ein Schüler im Anschluss an die Aufführung in der der Aula: „Fühlt Ihr Euch noch sicher in Deutschland?“ Ein anderer Schüler stellt beeindruckt fest: „Ihr seid ganz schön mutig, vor uns anderen Schülern zu spielen.“

Diese Kultur der Auseinandersetzung mit der rechten Szene wurde auch beim Chemnitzer Theatertreffen im November 2016 unter dem Motto „Unentdeckte Nachbarn“ gemeinsam mit Chemnitzer und Zwickauer Schülerinnen und Schülern mit einer gemeinsamen Theateraufführung verprobt. Und der Dialog wurde mit einem Gegenbesuch und gemeinsamen Aufführungen in Hamburg fortgeschrieben.

Heute sind 12 Schülerinnen und Schüler aus Chemnitz und Zwickauer mit ihren Lehrern hier. Herzlich willkommen!

Liebes Ensemble, wir von der Hamburger Volksbank sind sehr stolz und berührt, die Patenschaft für das Theaterprojekt „Rosarot ist eine Mischfarbe“ übernommen zu haben. Macht weiter so. Denn Euer couragiertes Handeln ist zutiefst hanseatisch: Sich mutig einzusetzen gegen Unmenschlichkeit, Intoleranz, politisch oder religiös motivierte Gewalt und Demokratiefeindlichkeit – das ist unser Tor zur Welt. Mit Eurem Ensemble verknüpft Ihr die so wichtige Kultur der Erinnerung mit einer Kultur der Verantwortung – für eine friedliche gemeinsame Zukunft in unserer Hansestadt.

Herzlichen Glückwunsch!

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