KRIEG: WOHIN WÜRDEST DU FLIEHEN?

WAS WÄRE, WENN ES IN EUROPA EINEN KRIEG GÄBE? WENN DEMOKRATISCHE STAATEN WIE DEUTSCHLAND ODER FRANKREICH VON BRUTALEN REGIMEN ZERSTÖRT WÜRDEN UND DIE MENSCHEN IHRE HEIMAT VERLASSEN MÜSSTEN? Wenn die einzige Aussicht auf Rettung in einer Flucht ins „Morgenland“ bestünde? 27 Schülerinnen und Schüler des Theaterkurses in der Oberstufe am Helmut-Schmidt-Gymnasium in Wilhelmsburg setzten sich mit diesem Perspektivenwechsel auseinander. Unter der Leitung ihres Lehrers Hedi Bouden erarbeiteten sie das Theaterstück „Krieg: Wohin würdest du fliehen?“.

PERSPEKTIVENWECHSEL: SCHÜLERINNEN UND SCHÜLER DES HELMUT-SCHMIDT-GYMNASIUMS VERKÖRPERN EUROPÄISCHE ASYLBEWERBER IN EINEM ARABISCHEN LAND.
PERSPEKTIVENWECHSEL: SCHÜLERINNEN UND SCHÜLER DES HELMUT-SCHMIDT-GYMNASIUMS VERKÖRPERN EUROPÄISCHE ASYLBEWERBER IN EINEM ARABISCHEN LAND.

„Wir wollten ein aktuelles politisches Thema aufgreifen, da passte die Flüchtlingsthematik, denn sie betraf auch unsere Schule“, erklärt Abdulehad Kilictas, 18. Die Sporthalle der Schule war im Sommer 2015 vorübergehend zur Flüchtlingsunterkunft geworden. Die Schülerinnen und Schüler des Theaterkurses sind fast alle in Hamburg geboren, doch ihre Eltern stammen aus Staaten wie der Türkei, dem Iran, aus Portugal, Indien, Albanien, Polen oder Mosambik. Ihr Lehrer Hedi Bouden gab ihnen die Erzählung „Krieg: Stell dir vor, er wäre hier“ von Janne Teller zum Lesen.

Die dänische Schriftstellerin dreht darin die gegenwärtigen politischen Verhältnisse einfach um. Sie spielt die Situation eines Jugendlichen aus Deutschland durch, der vor Diktatur und Krieg mit seiner Familie nach Ägypten flieht. Sie landet in einem Flüchtlingslager. „Diese umgekehrte Flüchtlingsbewegung von einem europäischen in ein arabisches Land hat uns alle angesprochen, deshalb wollten wir sie in unserem Theaterstück aufnehmen“, berichtet Abdulehad.

Die Jugendlichen gingen mit Eifer an die Herausforderung. „Zu Beginn des Kurses hatten wir Grundlagen für das Theaterspielen gelernt, zum Beispiel wie man sich auf der Bühne bewegt, wie man den Körper einsetzen kann“, erläutert Kubilay Göktas, 19. Diese Erfahrungen konnten sie nun einsetzen. Als Gestaltungsmittel wählten sie das chorische Spiel. Dabei werden Aussagen im Chor gesprochen, um sie zu verstärken. So etwa in der Anfangsszene der Satz: „Aber ich bin kein Flüchtling, denn ich bin nicht geflüchtet, ich wurde fortgeweht wie ein Blatt eines Baums.“

Nach und nach entstand aus den einzelnen Szenen ein Handlungsstrang, der die Zuschauer auf den Weg der Flüchtenden mitnehmen soll. In kurzen Spielszenen wird dargestellt, wovor die Menschen sich retten, was sie während der Flucht erleben und wie im Aufnahmeland mit ihnen umgegangen wird. In eingespielten Videoszenen werden fiktive TV-Nachrichten gezeigt, die vom Austritt Deutschlands aus der EU und vom Zusammenbruch der Demokratie berichten oder von der Ablehnung der arabischen Gesellschaft, die keine Flüchtlinge aufnehmen will.

Die jungen Schauspieler wechseln mehrmals die Rollen. Sie spielen diejenigen, die alles hinter sich lassen müssen, die verzweifelt sind, weil sie kein Geld mehr haben und ihre Angehörigen auf der Flucht verlieren. Die Schülerinnen und Schüler verkörpern in ihren Rollen aber nicht nur die Sorgen und Nöte der Flüchtenden. Sie stellen auch die Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit im Aufnahmeland dar. In Anlehnung an die Pegida-Bewegung demonstrieren in nachgestellten Szenen nun Araber mit Parolen wie „Kriminelle Ausländer raus!“, „Multi-Kulti stoppen!“ oder „Morgenländische Werte schützen!“ gegen die europäischen Zuwanderer.

Dass die hierzulande bestehenden Vorurteile gegenüber Flüchtlingen aus arabischen Staaten nun auf Deutsche angewendet werden, macht die Lage der aktuell Geflüchteten anschaulich. „Es ist keine leichte Entscheidung, seine Heimat zu verlassen und ins Ungewisse aufzubrechen, und jeder kann in diese Lage kommen“, sagt Abdulehad. Vorurteile basierten oft auf Unwissenheit und Vorwürfe wie „Sozialschmarotzer“ entstünden aus Ignoranz und Arroganz. „Darauf wollten wir mit unserem Stück aufmerksam machen“, ergänzt Kubilay.

Um die Zuschauer von Beginn an in das Geschehen einzubinden, gestalteten die Schülerinnen und Schüler den Zuschauerraum wie eine Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge. „Das soll dem Besucher das Gefühl vermitteln, selbst ein Asylsuchender zu sein“, erklärt Sarah-Christian Grosse, 17. Die Jugendlichen hatten Schilder für die Zentrale Erstaufnahme mit Anweisungen wie „Asylanträge hier“ oder „Wartenummer ziehen“ gemalt und Plakate mit Namen von Vermissten gestaltet, mit denen Flüchtlinge ihre Angehörigen suchen.

Der Einsatz hat sich gelohnt. Die Premiere des Stücks am 26. Februar 2016 in der Schule erhielt viel Applaus. „Einige Zuschauer waren von dem Stück sehr berührt“, erinnert sich Vanessa. Im Anschluss an die Premiere hatte die 12. Klasse noch eine Podiumsdiskussion veranstaltet, an der auch Zuschauer rege teilnahmen.

Die Schülerinnen und Schüler des Theaterkurses präsentierten ihr Stück auch auf dem Bildungsfestival in Berlin und gaben dort Workshops. So konnten sie ihr Anliegen weitertragen und zeigen, „dass wir Jugendlichen aus Wilhelmsburg entgegen den Klischees über unseren Stadtteil etwas zustande bringen können“, betont Vanessa. Dass sie dafür schließlich mit dem BERTINI-Preis ausgezeichnet werden, „hätten wir allerdings nie gedacht“, freut sich Ali.

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