Ist Adolf Hitler immer noch Ehrenbürger von Uetersen?

Adolf Hitler – ein Ehrenbürger Uetersens?“ – Ein Projekt von acht Schülerinnen und Schülern des Ludwig-Meyn-Gymnasiums in Uetersen
Pate: Hans-Juergen Fink, Hamburger Abendblatt

Acht Schülerinnen und Schüler des Ludwig-Meyn-Gymnasiums in Uetersen stellten sich diese Frage, die bislang in der Öffentlichkeit auf wenig Interesse gestoßen war. Sie blieben bei ihren Recherchen hartnäckig und erreichten schließlich, dass die Politiker ihrer Stadt eine eindeutige Entscheidung trafen.

Nachgehakt: Schüler des Ludwig-Meyn-Gymnasiums ließen nicht locker, bis der Stadtrat eine Entscheidung traf

Nachgehakt: Schüler des Ludwig-Meyn-Gymnasiums ließen nicht locker, bis der Stadtrat eine Entscheidung traf

Es war der Besuch im Heimatmuseum von Uetersen, der den Stein ins Rollen brachte. acht Schülerinnen und Schüler des Ludwig- Meyn-Gymnasiums, waren im Rahmen ihres Kurses „Medien – Wirtschaft – Soziales“ auf der Suche nach einem Thema für das „Uetersen TV“. „Es gab schon länger das Gerücht, dass Adolf Hitler Ehrenbürger von Uetersen gewesen sein soll. Im Museum sahen wir eine Liste mit allen Ehrenbürgern der Stadt ein und fanden den Namen dort tatsächlich verzeichnet“, berichtet Arvid Maiwald, 16. Dem Anführer der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft und Hauptverantwortlichen für millionenfachen Mord war 1934 anlässlich der Stadtfeier zum 700-jährigen Bestehen von Uetersen und der Einweihung des Rosariums die Ehrenbürgerwürde der Stadt verliehen worden. Der Diktator war zwar nicht persönlich anwesend, hatte den Titel aber später schriftlich angenommen. Dieses Dokument ist vorhanden. „Wir fragten uns, ob es auch ein Dokument gibt, dass die Aberkennung der Ehrenbürgerwürde belegt“, sagt Florian Steig, 15. Im Museum gab es darauf keinen Hinweis.

So begannen zunächst vier Schüler mit ihrer Spurensuche. „Wir haben per E-Mail die Bürgermeisterin Andrea Hansen (SPD) gefragt, ob sie etwas darüber weiß“, erinnert sich Arvid, der für den Schriftverkehr in der Gruppe zuständig war. Die Bürgermeisterin antwortete, dass sie leider keine schriftlichen Belege habe, verwies aber auf einen Eintrag im Online-Lexikon Wikipedia. Danach sollte Hitler die Ehrenbürgerwürde 1946 vom vorläufigen Stadtrat aberkannt worden sein.

Ein Wikipedia-Eintrag ohne Beleg reichte den Jugendlichen nicht aus. Sie wollten es genau wissen, und so entwickelte sich eine Recherche mit vielen widersprüchlichen und zunächst unbefriedigenden Ergebnissen. Doch die Schülerinnen und Schüler gaben nicht auf. Sie wandten sich erneut an die Bürgermeisterin und befragten auch den Bürgervorsteher Adolf Bergmann (SPD). Sie machten den Autor des Wikipedia-Eintrags ausfindig und kontaktierten Historiker und Experten in der Staatskanzlei des Landes Schleswig-Holstein. „Der Bürgervorsteher berichtete uns, dass es zwei handgeschriebene Bücher des Magistrats gebe, in denen die Aberkennung festgehalten sei, doch die Bücher seien verschwunden“, so Florian. Auch der Wikipedia-Autor konnte keine schriftlichen Quellen vorlegen. Ein Gutachten vom wissenschaftlichen Dienst des Bundestages, das nach einer Anfrage der Bürgermeisterin an den Präsidenten des Bundestages Norbert Lammert entstand, konnte ebenfalls keine Quellen ermitteln. „Die Formulierungen der Gutachter ähnelten den Worten des Wikipedia-Eintrags“, sagt Christopher Babecki, 19. Auch der Hinweis, sich an das Stadtarchiv in Uetersen zu wenden, war wenig hilfreich. „Leider gibt es bei uns kein Stadtarchiv“, erzählt Arvid. Auf Nachfrage beim Ratsherrn Erhard Vogt (SPD) erfuhren die Jugendlichen, dass die Gemeinden und Städte zwar gesetzlich verpflichtet seien, ein Archiv aufzubauen. Doch meist sei kein Geld dafür vorhanden.

Die Schülerinnen und Schüler gingen einer weiteren These aus dem Gutachten nach, der zufolge eine Ehrenbürgerwürde mit dem Tod des Trägers automatisch erlösche. „Bei unserer Anfrage in der Staatskanzlei erhielten wir darauf zwei widersprüchliche Antworten“, berichtet Arvid. So wurde die Aussage von einem Experten bestätigt, von einem anderen jedoch verneint. Grund dafür seien verschiedene Rechtsauffassungen auf Gemeinde- und Länderebene.

Ihre Recherche-Ergebnisse und Gespräche dokumentierte die Schülergruppe mit der Videokamera und schnitt daraus den Beitrag für Uetersen TV unter dem Titel: „Hitler, ein Ehrenbürger Uetersens?“ Am Ende des Films ließen die Jugendlichen einen ehemaligen Ratsherrn und den Bürgervorsteher aus Uetersen zu Wort kommen. „Beide empfehlen, das Thema in der Ratsversammlung aufzugreifen und einen Beschluss zur Aberkennung der Ehrenbürgerwürde zu fassen“, sagt Florian. Ihren achtminütigen Film stellten die Schülerinnen und Schüler am 12. Dezember 2015 ins Netz. Zusätzlich verschickten sie Pressemitteilungen und erreichten, dass über ihren Film und das Thema in mehreren Tageszeitungen berichtet wurde.

Während ihrer Recherchen hatten die Schülerinnen und Schüler an verschiedenen Stellen das Gefühl, „dass das Thema nicht so ernst genommen wird“, berichtet Florian. Umso erfreuter waren sie, als die Presse das Thema nun aufgriff. Zumindest ein Ziel hatten sie erreicht: „Mit dem Projekt Aufklärungsarbeit zu leisten“, so Arvid. Darüber hinaus hat das Projekt den beteiligten Schülerinnen und Schülern auch neue Erfahrungen vermittelt. „Etwa Durchhaltevermögen und dass man die Dinge kritisch hinterfragen und nicht alles glauben muss, was einem gesagt wird“, fasst Florian zusammen.

Am 15. Dezember 2015 hat die Ratsversammlung in Uetersen schließlich die Frage der Aberkennung auf die Tagesordnung gesetzt. Mit eindeutigem Votum wurde offiziell bekräftigt, dass die Ehrenbürgerschaft Adolf Hitlers aufgehoben sei.

» Laudatio

Das könnte dich auch interessieren...