Ein Lehrstück für Wachsamkeit und Zivilcourage

21 Oberstufenschülerinnen und -schüler der Stadtteilschule Poppenbüttel bringen das Thema Gewalt und Fremdenhass auf die Bühne. Doch bevor sie zu überzeugenden Darstellern wurden, mussten sie selber erst einige Hürden überwinden.

Lebensweg - Szenenbild

Dunkel gekleidete Jugendliche stampfen auf die Bühne, einer brüllt: „Jetzt gibt’s Ärger!“ Während laute Musik ertönt, pinselt er ein Hakenkreuz an eine Tür. Dann verschwinden alle wie aus dem Nichts. Ein Jugendlicher kommt auf einem Fahrrad angefahren, bleibt vor dem Nazi-Symbol stehen, krümmt sich, seine weiße Kleidung ist blutbefleckt. Etwas Unheilvolles wird passieren, das macht schon die erste Szene des Theaterstücks „Leben(s) weg“ klar. Inszeniert und aufgeführt wurde es vom Theaterkurs der Stadtteilschule Poppenbüttel. Die 21 Schülerinnen und Schüler haben das Thema Gewalt und Fremdenfeindlichkeit aufgegriffen.

Das Stück basiert auf dem Roman „Der Unsichtbare“ des schwedischen Autors Mats Wahl. In dem Buch geht es um den sechzehnjährigen Hilmer Eriksson, der spurlos verschwunden ist. Vor seinem Verschwinden hatte er Streit mit drei Schülern, die als Neonazis gelten. Ein Kommissar wird eingeschaltet, der Schritt für Schritt aufdeckt, was passiert ist. Hilmer hatte einem von den Rechtsradikalen bedrohten Schulkameraden geholfen. Daraufhin wurde er zum Opfer der drei Schläger. Sie prügelten ihn tot.

Lebensweg Szenenbild

„Als wir auf der Suche nach einem neuen Stück für unsere Theatergruppe waren, kamen wir auf dieses Buch“, erinnert sich Haris Aman, 17. Den meisten Schülerinnen und Schülern war der Jugendroman bekannt, sie hatten ihn im Deutschunterricht gelesen, manche auch den darauf basierenden Film „The Invisible“ gesehen. Das Besondere des Stoffes: Während sich aus den Aussagen von Schülern, Lehrern, Eltern und aus den Verhören der Tatverdächtigen allmählich herauskristallisiert, dass Hilmer ermordet wurde, wandelt der getötete Junge dennoch unter den Lebenden. Er will mit ihnen sprechen, doch sie können ihn weder hören noch sehen. „Es gab viele Diskussionen, weil jeder seine eigene Interpretation zu Hilmers Unsichtbarkeit hatte“, berichtet Luca Sammet, 18. „Es zeigt, wie es ist, wenn jemand auf einmal nicht mehr beachtet wird. Das macht Angst, die Person fühlt sich ausgegrenzt“, erklärt Teuta Pernokaj, 18. Doch es kann auch als Mahnung verstanden werden, niemanden unbeachtet zu lassen.

Mit einem originellen Regieeinfall setzten die Schülerinnen und Schüler die Unsichtbarkeit von Hilmer schließlich auf der Bühne um. Sie führten eine zusätzliche Figur ein, die als Schatten von Hilmer fungiert. Wenn Hilmer verzweifelt zwischen den Lebenden umherirrt und trotzdem nicht mit ihnen in Kontakt treten kann, ist die Schattenfigur in seiner Nähe. Sie agiert, als wollte sie den Jungen von den Lebenden wegführen. „In der Figur des Schattens kann jeder etwas anderes sehen: Für die einen stellt sie den Tod dar, für die anderen einen Engel, der den Jungen in eine andere, vielleicht positivere Welt zieht“, erläutert Marcel Garbusinski, 17, der im  Stück den Hilmer verkörperte.

© Projekt Lebensweg

Ein zweiter Aspekt, dem die Schülerinnen und Schüler sich mit viel Detailarbeit näherten, war das Thema Gewalt. In der Handlung geht sie von rechtsradikalen Jugendlichen aus, die ihre Mitschüler einschüchtern, den Schüler Mehmet verprügeln und Hilmer schließlich umbringen. „Wir hatten in einigen Theaterübungen schon ausprobiert, wie man Angst und Gewalt darstellen kann, aber um es überzeugend zu machen, muss man sich überwinden“, berichtet Luca. Er spielt im Stück einen der rechtsradikalen Jugendlichen. „Sich in diese Rolle hineinzudenken war schwierig, denn die Darstellung der rechten Gedanken entspricht ja überhaupt nicht den eigenen Überzeugungen“, so Luca. Die Schülerinnen und Schüler diskutierten und sensibilisierten sich für die Themen Gewalt und Rechtsradikalismus. „Wir fragten uns, was zur Gewalt führt und wie sie sich entwickeln kann“, sagt Merve Karatas, 18. Sie lasen Zeitungsberichte und entwickelten Szenen, in denen sie eigene Erfahrungen mit einbrachten, „ zum Beispiel was wir auf dem Pausenhof mitgekriegt haben“, erzählt Marcel. Wie aktuell ihr Stück ist, wurde den Schülerinnen und Schülern auf dramatische Weise bewusst, als ein rechtsextremistischer Norweger im August 2011 in Oslo und auf der Insel Utoya 77 Menschen grausam tötete, darunter zahlreiche Jugendliche.

© Projekt Lebensweg

Mit den aktuellen Einflüssen und den Roman- Motiven entwickelten die jugendlichen Darsteller unter Anleitung ihrer Kursleiterin Monika Kuhran-Pfundner ein knapp vierzigminütiges Theaterstück. Sie wählten dafür bewusst den zweideutigen Titel „Leben(s)weg“, der sich sowohl als „Lebensweg“, wie auch als „Leben weg“ liest. Die Schülerinnen und Schüler hatten den Stoff in mehrere Szenen aufgeteilt, Textpassagen aus dem Roman ausgesucht und Dialoge geschrieben. Neben der Darstellung, die ohne Requisiten auskam, wurden auch kurze Musik- und Videoeinspielungen zu tragenden Elementen des Stücks. So verstärkten Videoszenen von Naziaufmärschen und Jugendkrawallen die bedrohliche Wirkung etwa einer marschierenden Gruppe auf der Bühne.

Die Aufführungen des Stücks vor Eltern, Lehrkräften, Gästen und vor allem vor Mitschülerinnen und Mitschülern wurden zum Erfolg. „Die Reaktionen waren positiv, viele waren emotional berührt“, berichtet Merve. „Und es hat auch die Schülerinnen und Schüler erreicht, vor denen wir gespielt haben, sie wurden im Lauf der Aufführung immer ruhiger und beteiligten sich lebhaft an den anschließenden Diskussionen“, so Teuta. Für die Darsteller ein erfreuliches Ergebnis, denn ihre Intention war es „zu zeigen, wie unsinnig Vorurteile gegenüber Ausländern sind und dass Gewalt und rechte Gesinnung nicht der richtige Weg ist“, erklärt Luca. Jeder habe es verdient, beachtet und respektiert zu werden, da sind sich die Schülerinnen und Schüler einig.

© Projekt Lebensweg

Die gemeinsame Bühnenarbeit hat auch die Gruppe der jungen Schauspieler und der an Bild und Ton beteiligten Schülerinnen und Schüler näher zusammengebracht. „Wir sind zusammengewachsen und wir gehen vertrauter miteinander um“, stellt Teuta fest. Einige der Kursteilnehmer haben einen Migrationshintergrund, „es hat deswegen aber nie Probleme gegeben“, versichert Haris, dessen Eltern aus Afghanistan kommen. Dafür hat die Arbeit am Stück die Schülerinnen und Schüler dazu angeregt, sich mehr für den anderen zu interessieren, etwa über den jeweiligen Glauben zu diskutieren, „aber immer mit dem gegenseitigen Respekt“, betont Merve.

Diese Haltung hat der Kurs auch in seine Bühnenarbeit einbringen können und so ein spannendes und lehrreiches Stück zur Wachsamkeit und Zivilcourage geschaffen und diesen Gedanken in die Schülerschaft getragen.

Ein Schüler verschwindet, seine Freunde sorgen sich, die Polizei wird eingeschaltet. Es kommt heraus, dass der vermisste Hilmar von rechtsradikalen Jugendlichen bedroht wurde, als er einen muslimischen Mitschüler vor deren Angriff schützen wollte. Schließlich wird Hilmars Leiche gefunden, er wurde zu Tode geprügelt. In ihrem Theaterstück „Leben(s)weg“ setzten sich 21 Schülerinnen und Schüler der Stadtteilschule Poppenbüttel mit den Themen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit auseinander.
Ein Schüler verschwindet, seine Freunde sorgen sich, die Polizei wird eingeschaltet. Es kommt heraus, dass der vermisste Hilmar von rechtsradikalen Jugendlichen bedroht wurde, als er einen muslimischen Mitschüler vor deren Angriff schützen wollte. Schließlich wird Hilmars Leiche gefunden, er wurde zu Tode geprügelt. In ihrem Theaterstück „Leben(s)weg“ setzten sich 21 Schülerinnen und Schüler der Stadtteilschule Poppenbüttel mit den Themen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit auseinander.