Der erste Stolperstein für Finkenwerder

„Leben mit Behinderung“ – Ein Projekt von fünf Schülerinnen der gemeinsamen Oberstufe der Stadtteilschule Finkenwerder und des Gymnasiums Finkenwerder
Pate: Gabriele Kroch, Howard und Gabriele Kroch-Stiftung

Fünf Schülerinnen der gemeinsamen Oberstufe des Gymnasiums Finkenwerder und der Stadtteilschule Finkenwerder folgten den Spuren des Kindes Hermann Quast, das in einer NS-Tötungsanstalt starb. Sie verfassten eine Dokumentation und machten das Verbrechen mit dem Verlegen eines Gedenksteins öffentlich.

HERMANN QUAST STAMMTE AUS FINKENWERDER. ER WURDE DORT 1936 ALS DRITTES VON VIER KINDERN EINER ARBEITERFAMILIE GEBOREN. Geistig und körperlich entwickelte er sich nicht so wie gleichaltrige Kinder. Nach einer psychiatrischen Untersuchung wurde er 1940 in die damaligen Alsterdorfer Anstalten für Behinderte eingewiesen. 1943 verlegte man ihn mit anderen Patienten in die sogenannte Heilanstalt Eichberg am Rhein. Sie war eine Tötungsanstalt der Nationalsozialisten. Dort starb Hermann mutmaßlich an einer Giftspritze. Er wurde sieben Jahre alt.

Während einer Projektwoche zum Thema „Leben mit Behinderung“ erfuhr eine Schülergruppe aus der Mittelstufe des Gymnasiums Finkenwerder von dem Schicksal des Kindes. Die Jugendlichen waren bestürzt über den Mord an dem unschuldigen Jungen. Am Ende der Projektwoche präsentierten sie in der Schule ihre Ergebnisse und sammelten Geld für die Verlegung eines Stolpersteins. Mitschülerinnen und Mitschüler wurden gesucht, die bereit waren, dieses Vorhaben umzusetzen. Daraufhin meldeten sich fünf Oberstufenschülerinnen des Gymnasiums und der Stadtteilschule Finkenwerder für das Projekt „Stolperstein für Hermann Quast“.

„Wir wollten öffentlich machen, dass es auch in Finkenwerder Menschen gab, die von den Nazis verfolgt wurden“, erklärt Wilma Luth, 18, ihre Motivation. Viele wussten beispielsweise nicht, dass es hier ein Außenlager des KZ Neuengamme mit Zwangsarbeitern für die Deutsche Werft gegeben hat. Und bis 2015 gab es auf der Halbinsel keinen einzigen Stolperstein. „Es ist aber wichtig, die Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit weiterzutragen, auch für die junge Generation“, sagt Julia Klindworth, 19, die bereits ein Praktikum in der Gedenkstätte KZ Neuengamme absolviert hat.

Die Jugendlichen begannen mit intensiven Recherchen zum Schicksal des Jungen, zu den Zuständen in den damaligen Alsterdorfer Anstalten und den historischen Hintergründen. Sie konnten die Patientenakte von Hermann Quast im Archiv der heutigen Stiftung Alsterdorf einsehen. Unterstützt wurden sie von der „Initiative Gedenken in Harburg“ und von der Mathematiklehrerin Hannelore Fielitz, die bereits die erste Projektgruppe unterstützt hatte.

„Die Patientenakte von Hermann Quast konnte uns leider nicht alle Fragen beantworten“, berichtet Wilma. Medizinische Gutachten sprachen von einer „mongoloiden Idiotie“ des Kindes. „Wir vermuten, dass der Junge das Down-Syndrom hatte“, so Lefke Sandrock, 17. Gern hätten die Schülerinnen erfahren, wie es dem Kind in Alsterdorf ergangen war und ob es Kontakt zu seiner Familie hatte. Doch dazu gab es keine Quellen. Rückschlüsse konnten sie nur aus allgemeinen Fakten ziehen.

„Bei unserem Besuch der heutigen Stiftung Alsterdorf erfuhren wir, dass die fürsorglichen Bestrebungen des Gründers Pastor Sengelmann in der NS-Zeit komplett umgekrempelt wurden“, sagt Nele Barghausen, 18. Pastor Karl-Friedrich Lensch und Oberarzt Gerhard Kreyenberg folgten der Nazi-Ideologie, die Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen als minderwertig einstufte. Im Zuge der sogenannten Rassenhygiene erstellte der Arzt Gutachten für Zwangssterilisationen, um die angeblich vererbbare Krankheit „Schwachsinn“ einzudämmen. „Er hatte auch Röntgen-Experimente an Patienten vorgenommen“, ergänzt Rumeysa Yigit, 18. Und er und Lensch befolgten die geheime Tötungsaktion T4, die Hitler 1939 einleitete. Damit begann die systematische Ermordung von Menschen mit verschiedenen Erkrankungen und Behinderungen.

Auch Hermann Quast wurde nach seiner Verlegung nach Eichberg Opfer dieses Massenmordes. „In seiner Sterbeurkunde stand, dass er an Herzschwäche und Geisteskrankheit gestorben sei“, berichtet Nele. Doch glaubwürdig sei das nicht. Denn ab 1941 gab es in Eichberg eine „Kinderfachabteilung“, in der die Patienten mit Schlaf- und Betäubungsmitteln getötet wurden.

Die Schülerinnen verarbeiteten ihre Recherche- Ergebnisse in einer Dokumentation. Und sie organisierten mit dem Künstler Gunter Demnig einen Termin zur Stolperstein-Verlegung vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Quast in der Benittstraße 26. Mit Pressemitteilungen, einer großen Veranstaltung anlässlich der Verlegung des Gedenksteins und der Präsenz bei der Finkenwerder Kulturveranstaltung „Deichpartie“ sorgten die Jugendlichen für Öffentlichkeit. Die Rückmeldungen zum ersten Stolperstein in Finkenwerder waren zahlreich und positiv. Das überraschte die Schülerinnen. „Wir hatten lange das Gefühl, die Finkenwerder wollten ihre Vergangenheit ruhen lassen. Aber das stimmt nicht. Es brauchte nur einen Anstoß. Viele Menschen kamen und zeigten großes Interesse. Das hat uns sehr berührt“, sagt Wilma. Und es hat die Schülerinnen darin bestärkt, sich auch weiterhin gegen das Vergessen zu engagieren.

» Laudatio von Gabriele Kroch

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