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Festrede Anja Reschke anlässlich der Verleihung des BERTINI-Preises 2016 27. Januar 2017

Liebe Festgemeinde, liebe Lehrerinnen und Lehrer, liebe Schülerinnen und Schüler,

seid mutig! Setzt euch ein für die, die ausgegrenzt werden, lasst euch nicht einschüchtern, vergesst nicht die Unmenschlichkeit der Vergangenheit.

Das ist die Botschaft des BERTINI-Preises.

Das sind Botschaften, Apelle und Worte, die schon so oft gesagt wurden, die Ihr sicher von Eltern, Lehrern, in Büchern oder Filmen schon oft gehört habt.

Und es sind Worte, die in den vergangenen Jahren zwar oft gesagt wurden, aber die irgendwie immer schwächer, immer bedeutungsloser wurden. Natürlich werden Schwächere nicht ausgegrenzt. Selbstverständlich wird es nicht mehr vorkommen, dass eine Gruppe Menschen beschimpft und sogar angegriffen wird, wegen ihrer Herkunft oder gar wegen ihrer Religion. Das ist doch klar.

Wir leben doch in Deutschland! In einem der sichersten Länder der Welt, man kann überall auf die Straße gehen, ohne sich zu fürchten, man weiß, dass alles in geordneten Bahnen abläuft, ein Land, das schön ist und sauber, das reich ist, das sich Theater leisten kann wie dieses hier und Schulen, in die alle umsonst gehen können, Mädchen wie Jungen. Ein Land, in dem man, wenn man krank ist, einen Arzt in der Nähe hat, in dem sogar die, die keine Arbeit haben, nicht verhungern oder auf der Straße leben müssen. Ein Land, das sich an seine dunkle Vergangenheit erinnert und es trotzdem geschafft hat, von anderen Ländern wieder als Partner gesehen zu werden.

Das ist, wenn man die Welt so anguckt, schon ein ziemlich besonderes Land, und man hat echt Glück gehabt, wenn man hier aufwachsen kann.

Mit dieser Gewissheit bin auch ich groß geworden. Auch ich habe diese Botschaft immer mitbekommen: Sei mutig, setz dich ein für Schwächere, pass auf, dass keiner ausgegrenzt wird. Ich habe diese Worte in der Schule gehört, ich habe „ Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ gelesen und das Tagebuch der Anne Frank, ich bin in München in die Schule gegangen und wir waren an unseren Projekttagen, die damals Wandertage hießen, in der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Dachau. Ich habe gelernt, von allen Seiten, dass diese Geschichte furchtbar war und sich niemals wiederholen darf.

Aber für mich war das trotzdem immer Geschichte. Mutig und stark sein, wie Sophie Scholl, das musste ich zum Glück nicht mehr.

Und dann kam dieses Jahr 2015. Das mich in dieser Gewissheit erschüttert hat. Es war der Sommer, als plötzlich – so jedenfalls fühlte es sich an – tausende Menschen aus Syrien, aus Afghanistan, aus Eritrea nach Deutschland kamen. Und als man sah, wie Flüchtlings-unterkünfte angezündet wurden, wie Menschen in großen Ansammlungen durch Städte zogen und schrien: „Der Dreck muss weg!“ Gemeint waren Flüchtlinge. Es war das Jahr, in dem man überall in den sozialen Netzwerken, in den Kommentarspalten plötzlich diese üblen, hasserfüllten, verleumderischen Kommentare über Ausländer, Flüchtlinge, über Muslime, über Afrikaner lesen konnte.

Und ich dachte, huch, was geht denn hier ab? Das ist doch Deutschland. Und ich habe darauf gewartet in diesem Sommer, dass jetzt mal jemand eingreift und sagt: Das geht nicht.

Aber irgendwie war es ganz leise in Deutschland. Es war Sommer, viele Politiker waren im Urlaub, irgendwie hat keiner ganz laut mal `Stopp´ gerufen. Da habe ich in den Tagesthemen abends einen Kommentar gesprochen. Gesagt, dass ich finde, dass das nicht geht, dass man so pauschal gegen Menschen herzieht, nur weil sie von woanders herkommen. Dass ich diesen Hass und diese Hetze nicht in Ordnung finde. Dass es rassistisch ist, wenn man Menschen verurteilt und beschimpft, weil sie eine andere Hautfarbe oder Religion haben.

Später haben mir viele geschrieben und gesagt, das wäre mutig gewesen. Also ganz ehrlich, mutig kam ich mir überhaupt nicht vor. Ich meine, ich habe mich nicht vor rollende Panzer gestellt oder einen Putsch gegen einen Diktator geplant. Ich bin nur an einem Sommertag in ein gut gekühltes Studio im NDR gegangen und habe 1 Minute und 47 Sekunden ein paar klare Worte gesagt. Das halt, von dem ich dachte, dass es eh alle denken.

Komischerweise weiß ich erst heute, dass das doch irgendwie mutig war. Weil ich erst an den Reaktionen auf diesen Kommentar gemerkt habe, dass das ja doch gar nicht allen so klar ist in Deutschland. Dass es immer noch ganz schön viele Menschen gibt, die sich als was Besseres fühlen wollen, die plötzlich sagen, sie wären Deutsche und die anderen nicht und deshalb wäre es auch okay, wenn man die anderen schlecht macht. Deshalb kann man auch über die Schwächeren kübelweise Dreck auskippen und über mich dann gleich mit.

Viele, die meisten, die mir geschrieben haben, haben sich bedankt, aber viele haben mich auch beschimpft, mich bedroht, mir den Tod an den Hals gewünscht. Nur weil ich eine Minute 47 Sekunden was gesagt habe?

Und da habe ich gemerkt, dass das, von dem ich immer dachte, es sei Geschichte, lange her, plötzlich wieder ganz schön nah rückt.

Immer habe ich mich als Jugendliche gefragt, wie konnte es passieren, dass die Nazis an die Macht kamen, dass Deutsche zugesehen und mitgemacht haben, wie Millionen Menschen erst diskriminiert, dann verhaftet und schließlich ermordet wurden? Ich habe das nie begriffen.

Aber seit diesem Sommer 2015 habe ich eine Ahnung davon bekommen. Ah, so kann es anfangen.

Man konnte zusehen, wie sich die Stimmung aufheizt, wie die Sprache immer weiter verroht. Worte wie Volksverräter oder Lügenpresse wurden in den letzten 2 Jahren so selbstverständlich und so oft herausgeschrien, dass sie inzwischen gar nicht mehr schocken. Wohlgemerkt, beides Begriffe der Nazizeit.

Plötzlich ist dauernd vom Volk die Rede. Volk, was soll das sein? Volk, das klingt wie ein Körper, in dem alle gleich sind und gleich denken. In dem nicht der Einzelne und seine Rechte eine Rolle spielen, sondern das Kollektiv. Das Kollektiv des Deutschseins.

Aber man merkt schon an sich selbst, wie schnell diese Begriffe in den Sprachgebrauch übergehen.

Da tauchen Menschen auf, die anderen einreden, sehr geschickt, sie seien was Besseres, weil sie Deutsche seien. Und diese Deutschen seien bedroht. Von den Ausländern und von den Politikern, die Deutschland abschaffen wollten. Und deshalb müssten sich diese Deutschen wehren.

Und diese Worte bleiben nicht ohne Taten. Die Übergriffe rechter Gewalt sind drastisch gestiegen. Flüchtlingsheime angezündet, Politiker, Journalisten, ja selbst Pfarrer werden angegriffen.

Und es werden Reden geschwungen von Menschen, die in Landtagen sitzen, die sich als Politiker bezeichnen, die die Aufarbeitung und Erinnerung an den Holocaust als „dämliche Bewältigungspolitik“ bezeichnen.

Vor drei Jahren hat Ralph Giordano, der Gründer dieses Preises hier gesprochen. In seiner Rede hat er erzählt von der Nazizeit. Und gewarnt: „Hitler, und was der Name symbolisiert, ist zwar militärisch geschlagen, nicht aber auch schon geistig oder besser ungeistig, auch nach siebzig Jahren nicht. Nun keine Panik! Eine „Machtergreifung“ durch Ewiggestrige steht nicht vor der Tür, die demokratische Republik wird von dieser Seite nicht ausgehebelt werden. Aber die Schmerzgrenze beginnt nicht erst da, wo diese Gefahr besteht, sondern viel früher. Mit Zeichen, die beunruhigend genug sind.“

Vor drei Jahren haben seine warnenden Worte bei mir nicht dieselbe Wirkung entfaltet, wie sie das heute, nach den Erfahrungen der letzten beiden Jahre und der momentanen Situation tun.

Ich habe gelernt, dass man sich nicht einfach darauf verlassen kann, dass das, was da ist, so bleibt. Dass ein stabiles Land, in dem Menschen in Sicherheit leben, in dem Minderheiten Schutz genießen, in dem man frei seine Meinung sagen kann, in dem man frei seine Religion ausüben kann, dass all das keine Selbstverständlichkeit ist.

Dass man für das, was diese Gesellschaft auszeichnet, auch die Demokratie, immer wieder einstehen und sich dafür einsetzen muss, und dass es Mutige braucht, die zeigen, dass es für den Reichtum eines Landes spricht, wenn man Schwächeren hilft, oder die daran erinnern, wozu es einmal geführt hat, als Deutsche sich als etwas Besseres, Erwähltes gefühlt haben.

Ihr habt das getan in euren Projekten.

Wenn man sich für Flüchtlinge einsetzt, die taub sind, dann zeigt das, dass in diesem Land auch an die gedacht wird, die wirklich zu den Schwächsten gehören. Dass auch Minderheiten eine Chance haben.

Das ist eine große Errungenschaft einer Gesellschaft.

Wenn ihr in einem Theaterprojekt die Protokolle des NSU-Prozesses darstellt, dann beweist ihr damit, dass diese Gesellschaft diese Terrorgruppe eben nicht einfach übergeht. Dass die Ermordeten nicht einfach in Vergessenheit geraten, nur weil sich kaum mehr einer für den Prozess interessiert. Genauso, wie es für die Ermordeten des Naziregimes gilt.

An die ein weiteres Projekt erinnert, das heute ausgezeichnet wird. Wenn Schüler nach einem Besuch des KZ Neuengamme so berührt sind, dass sie mehr über die Deportierten erfahren wollen, wenn sie die Zahl der Ermordeten sichtbar machen wollen, dann bedeutet das eben, dass man sich für das interessiert, was vor seiner Zeit geschehen ist und dass das keine „dämliche Bewältigungspolitik“ ist.

Und wenn Ihr euch in dem Projekt `Krieg – Wohin würdest Du fliehen´, fragt, was wäre, wenn man selbst betroffen wäre, dann hebt ihr damit die Geflüchteten auf Augenhöhe. Und zeigt damit, dass es nicht um Deutsche und Fremde geht, sondern um die Schicksale von Menschen.

Darauf könnt ihr stolz sein, denn Ihr engagiert euch bereits für eine solidarische Gesellschaft.

Es kommt nicht auf die an, die laut schreien, die pöbeln und hetzen. Es kommt auf die anderen an, die Gesellschaft, die Mehrheit. Die aufstehen muss, die sich wehren muss, die Grenzen aufzeigen muss,

Aber diese Mehrheit setzt sich aus Einzelnen zusammen. Wie jeder Einzelne hier im Saal.

In diesem Sinne: Seid mutig und lasst euch nicht einschüchtern!

Laudatio von Gabriele Kroch (Howard und Gabriele Kroch Stiftung)

Seit einer Woche spielt auf dieser Bühne ein Stück, in welchem in der Mitte des vorigen Jahrhunderts  die junge Biochemikerin Rosalind Franklin, um wissenschaftliche Anerkennung in einer Männergesellschaft kämpft.

Antonia Ricke, die junge Frau,  der wir heute den Bertini-Preis verleihen, teilt mit ihr die Zuversicht, dass ein besseres Leben für alle Menschen möglich ist, indem jeder sein Bestes dafür gibt.

Im Gegensatz zu Rosalind Franklin ist Antonia aber ein Teamplayer. Als sie von der Auszeichnung erfuhr, war neben der großen Freude ihr erster Gedanke, dass eigentlich aber auch ihr Team mit geehrt werden müsste. Dies zeugt ebenfalls für  ihr ausgeprägtes Bedürfnis nach Gerechtigkeit, welches sie auch immer wieder in ihrer ehrenamtlichen Arbeit antreibt.

Antonia zeigt in eindrucksvoller Weise, dass Taubheit nicht bedeutet Stumm zu sein. So nutzt sie z.B. intensiv  soziale Netzwerke , um auf Benachteiligungen tauber Menschen aufmerksam zu machen und engagiert sich seit ihrem 14. Lebensjahr in Gehörlosenorganisationen.

Ihr besonderes Augenmerk gilt jungen tauben Flüchtlingen. Dafür wurde die Initiative „Deaf  Refugees Welcome  Hamburg“ gegründet  Auf der gleichnamigen Internetseite führt Antonia die zweifache Diskriminierung  dieser Gruppe einer breiteren Öffentlichkeit vor Augen.

Antonias  Einsatz  wirkt auf mehreren Ebenen:

Da ist zuerst natürlich die ganz konkrete Hilfe für ihre  Schützlinge beim Bewältigen der alltäglichen Probleme in einem fremden Land. An vorderster Stelle steht hier die Organisation von Sprachkursen zum Erlernen der Deutschen Gebärdensprache, um die Betroffenen aus ihrer kommunikativen Isolierung zu führen.

Die von ihr initiierten und monatlich durchgeführten Vernetzungstreffen ermöglichen eine effiziente Zusammenarbeit aller Helfer, stärken den Teamgeist und helfen vor allem auch die betreuten Flüchtlinge untereinander in Kontakt zu bringen.

Zum zweiten stellt Antonia durch ihre Leistung  ein  Vorbild für die von ihr betreuten Personen dar. Sie selbst ist das beste Beispiel dafür, dass auch taube Menschen ein starkes Glied innerhalb der Gesellschaft sein können.

Und drittens schafft sie es, ihre eigene Überzeugung  und Zuversicht immer wieder auf ihre Arbeitsgruppe  und die weiteren freiwilligen Helfer  zu übertragen, weitere Menschen zur Mitarbeit zu motivieren und vor allem ihren Schützlingen mit ihrer zugewandten Art ein  Stück Geborgenheit und Sicherheit zu geben. Uns alle regt sie sicher zum Nachdenken und vielleicht auch Umdenken an.

Als Chemikerin fasse ich gerne in Formeln zusammen:

„Jung – Weiblich – Engagiert!“

ist eine GEW Handreichung für junge Frauen betitelt,

Für unsere Preisträgerin müssen wir noch „erfolgreich“ hinzufügen, bei all dem, was sie mit ihren gerade mal 22 Jahren, für ein besseres Zusammenleben bereits erreicht hat.

Junge Menschen mit so viel Optimismus, dem Blick für das Notwendige und Tatkraft tun unserem Land gut.

Bevor ich nun die große Freude habe, den Bertini-Preis an Antonia Ricke zu überreichen, stellvertretend für ihr Team und doch als Motor dieser großartigen Gruppe, möchte ich schließen mit einem Songtext von Herbert Grönemeyer:

„Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist, wenn der Boden unter den Füßen bebt, dann vergisst sie, dass sie taub ist.“

Denken wir daran beim Applaus für Antonia, den sie ohnehin sehr kräftig verdient hat.

» DEAF REFUGEES WELCOME-HAMBURG