Rede Ralph Giordanos


Anlässlich der Preisverleihung im Ernst Deutsch Theater am 27. Januar 2014

Meine lieben Schülerinnen und Schüler,
liebe Lehrerinnen und Lehrer,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
Sie alle, wie Sie hier versammelt sind,

an den Anfang ein Geständnis: In der Schule hatte ich es nicht so mit Zahlen, mit Arithmetik und Logarithmen, es lag mir einfach nicht – ein strikt durchgehaltenes Defizit. Bis mir jüngst von irgendwoher eine Zahl begegnete, die mich verblüffte: dass das menschliche Herz in 24 Stunden im Sekundentakt sechsundachtzigtausend mal schlage. Wenn man diese Zahl auf die 365 Tage im Jahr hochrechnet, dann sind wir ganz rasch bei Millionen Schlägen, und weiter durch die Jahrzehnte bei Milliarden, einer Ziffer mit neun Nullen. Und das, was mein Herz betrifft, seit über 90 Jahren ohne Unterbrechung, ohne Stocken, ohne Ausfall. Keine Reparaturen, keine Operationen, keine Erneuerungen, seit 1923 – das macht ihm keine Maschine, kein Motor nach.

Was nicht bedeutet, dass alle Organe so folgsam funktioniert haben. Ich konnte voriges Jahr nicht kommen, und auch heute ist Begleitung nötig. Ich zitiere dieses Ding, das sich da unsichtbar in uns abrackert, ohnehin nur, um auf Euer Herz zukommen, liebe Schülerinnen und Schüler. Auf diesen unermüdlichen Muskel, der da pocht und klopft in jeder und jedem von Euch, und mit dem ihr fühlt, und zwar die ganze Skala menschlicher Gefühle: Glück und Traurigkeit, Freude und Verzweiflung, Furcht und Mut, Eifersucht und Liebe. Ein unvollständiger Katalog der Fähigkeiten, über die es verfügt, und zwar uferlos.

Das soll kein Plädoyer für blasse Nächstenliebe sein, sondern ein Appell, was ihr mit Eurem Herzen anfangen könnt. Da gibt es ja, wie gesagt, bis hoch zum Kopf noch viele andere Organe, ohne die es nicht ginge. Aber keines ist vergleichbar mit dem Herzen. Was ihr mit ihm anfangt, wie ihr ihm folgt, oder auch nicht, das wird Euch formen, wird entscheiden über Euer Leben und Eure Persönlichkeit.

Ich habe noch einmal die vergangenen anderthalb Jahrzehnte des „BERTINI-Preises“ Revue passieren lassen, und mir dabei bestätigen lassen, dass sich der Kampf gegen Relikte des Nationalsozialismus wie ein Roter Faden quer durch seine Geschichte zieht.

Was nur das Spiegelbild der Wirklichkeit ist, unserer bundesdeutschen Realität: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“ – so Bert Brecht, nach wie vor aktuell. Hitler, und was der Name symbolisiert, ist zwar militärisch geschlagen, nicht aber auch schon geistig oder besser ungeistig, auch nach siebzig Jahren nicht.

Nun keine Panik! Eine „Machtergreifung“ durch Ewiggestrige steht nicht vor der Tür, die demokratische Republik wird von dieser Seite nicht ausgehebelt werden. Aber die Schmerzgrenze beginnt nicht erst da, wo diese Gefahr besteht, sondern viel früher. Mit Zeichen, die beunruhigend genug sind.

Erinnern wir uns. Da mordet sich quasi spazierengehender Weise eine jugendliche Nazigang quer durch Deutschland, ohne dass sie auffällig wird. Was seither in Zusammenhang mit dem NSU, dem „Nationalsozialistischen Untergrund“, (wie sich die Mörder etikettierten) an Blindheit der Sicherheits- und Schutzorgane des Staates bis in die Komplizenschaft sichtbar wurde, wirft die Frage auf: Wovor haben wir uns eigentlich mehr zu fürchten, vor der braunen Pest, die dabei ist, sich mit ihren ideologischen Tentakeln bis in die Mitte der Gesellschaft wohnlich einzurichten oder vor der staatlichen Indifferenz gegenüber den Hakenkreuzlern unserer Gegenwart? Dann der Eiertanz um das Verbot der NPD! Dieser Partei, der die Verfassungsfeindlichkeit seit ihrer Gründung in die braune Fratze geschrieben steht! Ihre Legalität ist kein Beweis für Demokratie, sondern für ihr Versagen – die NPD hätte nie erlaubt werden dürfen!

Erschreckend auch so manche Ergebnisse der zeitgenössischen Antisemitismus- forschung. Nein, Israel steht nicht unter kritischem Naturschutz. Aber die Selbst- verständlichkeit, mit der es von einem beträchtlichen Teil der veröffentlichten und der öffentlichen Meinung einseitig auf die Anklagebank gesetzt wird, ist schon beklemmend. Daneben grassiert auch immer wieder eine Verharmlosung Hitlerdeutschlands durch Angehörige der großelterlichen Generation, die keine Distanz zu ihrer jugendlichen Erlebniswelt im sogenannten Dritten Reich erkennen lassen.

Mir sträuben sich buchstäblich die Haare, wenn ich vor dem Bildschirm Zeuge einer Verniedlichung werde, die ich das „Opa-Syndrom“ genannt habe. Was da an idyllischen Erinnerungen herausgefiltert wird, lässt mich fragen, ob ich in den Jahren 1933 bis 1945 nicht auf einem anderen Planeten gelebt habe. Ich jedenfalls habe dem Nationalsozialismus keine „guten Seiten“ abgewonnen, lasst Euch das nicht erzählen. Ich habe ihn kennengelernt, als er Staatsmacht war und walten und schalten konnte, wie er es wollte. Und wie ich ihn in meiner Erinnerung behalten habe und behalten werde – lebenslang. Was soll ich denn da vergessen?

Ich war 10, als wir Schüler der Hamburger Gelehrtenschule des Johanneums im April 1933 als Sextaner am ersten Schultag in „Arier“ und „Nichtarier“ gespalten wurden, lautloser Gongschlag eines neuen Zeitalters. 12, als mein gleichaltriger (und bis dahin bester) Freund Heinemann mich im Sommer 1935 anblaffte: „Ralle, mit dir spiele ich nicht mehr, du bist Jude!“ 15, als am 10. November 1938, dem Tag nach der Reichspogromnacht, in der Innenstadt die Glassplitter der eingeschlagenen Schaufensterscheiben jüdischer Geschäfte unter meinen Sohlen knirschten. 16 beim Verhör im „Stadthaus“, Sitz der Gestapoleitstelle Hamburg, eingesperrt in einen hölzernen Käfig, in dem ich weder sitzen, liegen noch stehen konnte. Angeklagt „staatsfeindlicher Äußerungen“ wegen, die – so die Verhörer – „das Miststück deiner jiddischen Mamme dir eingegeben hat.“

Als mir, dem „Rassenschänder““ im August 1944 auf der Dependance dieser Behörde am Johannisbollwerk die Seele aus dem Leib geprügelt wurde, war ich 21. Also 22, als wir am 4. Mai 1945 durch die 8. britische Armee aus unserem rattenverseuchten Verlies im Norden Hamburgs befreit wurden, kurz vor dem Hungertod.

Die Aufzählung ist unvollständig, nur ein Teil des Familienleids, und doch wohl ausführlich genug, dass ihr begreift: Leicht war es nicht, in diesem Deutschland geblieben zu sein, zumal die Täter bis auf wenige Ausnahmen davongekommen sind. Und dann taucht in unserer Gegenwart plötzlich der Todfeind von gestern auf in Gestalt von jungen Leuten, die nicht als Antisemiten geboren wurden, wohl aber dazu geworden sind. Wann? Wo? Wie? Im Elternhaus, im Kindergarten, in der Schule? Da werde ich hellhörig, da gehen meine Alarmglocken an, da will ich verteidigen, was ein Bollwerk meines Lebens ist – die demokratische Republik, der demokratische Verfassungsstaat – die einzige Gesellschaftsform, in der ich mich sicherfühle.

Und so wiederhole ich denn, was ich nicht müde werde zu zitieren: „Ob Links oder Rechts, Groß oder Klein, Christ oder Muslim, Atheist oder Gottgläubiger wer die Demokratie attackiert, sie angeht, beschädigt oder gar aufheben will, der kriegt es mit mir zu tun, dem gehe ich an die Kehle, der hat mich am Hals!“

 Mit dieser Versicherung erneuere ich den Kriegszustand, in dem ich mich mit dem Nationalsozialismus und seinen Anhängern 80 von meinen 90 Jahren befinde. Aber nicht nur mit ihnen, sondern auch mit all jenen Terroristen und sogenannten „Heiligen Kriegern“, die uns ihr mörderisches Weltbild aufzwingen wollen. Das ist ein Gefechtsposten, auf dem man nichts dringlicher braucht als Mitkämpfer. Wonach ich denn auch so gut wie mein ganzes Leben Ausschau gehalten habe – und dabei nun auf Euch gestoßen bin, jugendliche Bundesgenossinnen und Bundesgenossen. Etwas Kostbares, etwas, das mein Leben erleichtert, in dem Bewusstsein, dass Andere um die Aufhebung meiner Ängste kämpfen. Das ist wunderbar, daran werde ich mich nicht gewöhnen, das wird nie zur Selbstverständlichkeit.

Und seid euch immer bewusst, welches Glück ihr habt, in einer Demokratie zu leben. Trotz all ihrer Mängel, Schwächen und Fehler ist sie von allen Staatsübeln in der Menschheitsgeschichte doch das kleinste. Als ich einmal gefragt wurde, warum sie mir so viel bedeutet, die demokratische Republik, antwortete ich: „Da gibt es keine KZs.“ Ein ganzer Lebenslauf, in fünf Worte gefaßt.

Hier am Ende nun noch etwas, das ich unbedingt los werden will, eine Liebeserklärung – eine Liebeserklärung an den „BERTINI-Preis“. Wer weiß, wie oft ich dazu noch Gelegenheit haben werde.

Er hat immer mit dem Herzen zu tun gehabt, ihn hat nie eine andere Absicht geleitet, nie eine andere Kraft getragen. Er hat sich offen zum Mit-menschen bekannt und laut aufgeschrien, wenn der versehrt oder in seiner Würde verletzt wurde. Er hat die Courage, öffentlich Gefühl zu zeigen, was in diesem Land nicht das Übliche ist, sondern eher verpönt. Und er wird seine Botschaft „Lasst Euch nicht einschüchtern!“ weiter verkünden, auch wenn sein Ehrenvorsitzender nicht mehr da sein sollte. Es zählt zu den Wundern meines Lebens, dass ich ein Buch geschrieben haben, das zu einer Hamburger Institution führte, die sich um den Mitmenschen kümmert. Schöneres kann es nicht mehr geben.

Und das eingedenk einer Vorgeschichte, die weit, weit zurückreicht, bis zu einer Nacht im Januar 1942 – ich war damals 18 und Deutschland im neunten Jahr der Naziherrschaft. Damals schwur ich, über die eigene, tödlich bedrohte Existenz zu schreiben, ein Eid, ohne zu wissen, ob wir überleben würden. Als sich dann das Mirakel wirklich tat, dauerte es weitere vierzig Jahre, bis das Buch „Die Bertinis“ – heraus kam, 1982. Und noch einmal 16 weitere bis zur ersten „Preis-Verleihung“ 1998, nach jahrelanger Vorarbeit seines Ideenvaters und Initiators, des Hamburger Pädagogen und Freund, Michael Magunna.

Seither liegt eine wahre „Bibliothek der Herzen“ vor uns, die Arbeit, das Werk von über Tausend ausgezeichneten Hamburger Schülerinnen und Schüler, die ihre Energie, ihr Mitgefühl, ihre Scham und ihren Zorn in konkrete Hilfe investiert haben. Nicht zu vergessen die Arbeiten, die unprämiert blieben, weil es natürliche Grenzen bei Preisverleihungen gibt, ohne dass das Zurücksetzung bedeutet hätte. Jede Eingabe ist mit Aufmerksamkeit bedacht worden.

Für mich ist das, was sich da über eine erprobte Strecke vor unseren Augen ausbreitet, ein ermutigendes Beispiel, dass der Stimme des Herzens nachgegangen worden ist. Wie aber könnte ich diese Liebeserklärung schließen, ohne einmal die Kärner zu preisen, jene Unermüdlichen, die übers Jahr hin die eigentliche Arbeit tun und alles regeln, was nötig ist, um das Werk voll und rund zu machen, bis in das Kleinod der alljährlichen Broschüre. Von denen will ich hier nur drei mit Namen nennen – Ulrich Vieluf, Andreas Kuschnereit, Günter Wedderien – und das ausdrücklich stellvertretend für so manchen anderen noch. Ein Gruß natürlich an die Sponsoren, ohne die nichts gehen würde, wie auch an das „Hamburger Abendblatt“ und seine Mentorschaft, allen voran Hans-Jürgen Fink. Nicht zu vergessen den Frankfurter S. Fischer Verlag, der auf das großzügigste alljährlich Hunderte Exemplare des Buches kostenlos an die Preisträger verschenken ließ. Schließlich der treue NDR und seine Moderatorinnen, wie auch die Gastgeberin und Prinzipalin dieses Hauses: Isabella, liebe Freundin, Du hast Dich um den „BERTINI-Preis“ verdient gemacht!

Hier breche ich meine Liebeserklärung ab, nicht ohne zu bekennen, dass etwas ungesagt geblieben ist, etwas, das ich nicht artikulieren kann, weil es mir die Zunge blockiert. Ich bin ein wortgewohnter Mann, der nie Schwierigkeiten hatte, auszudrücken, was er empfindet. Aber hier, beim „BERTINI-Preis“, türmt sich eine Hürde, die ich nicht überwinden kann, stockt und hemmt mich etwas, so auszudrücken, wie es in mir aussieht. Lassen Sie es mich deshalb folgendermaßen sagen: Danke für ein Glücksgefühl, wie es kaum ein anderes gibt in meinem Leben, ein Gefühl, das alles einschmilzt an Bösem, was mir je begegnet ist – dafür danke!