Aydan Özoğuz bei der Preisverleihung

Rede von Staatsministerin Aydan Özoğuz

 anlässlich der Verleihung des BERTINI-Preises am 27. Januar 2015 im Ernst Deutsch Theater

Als ich in den 1970er Jahren in Hamburg aufwuchs, da war ein großer Teil dieses Landes noch mitten in der Aufarbeitung seiner dunklen Geschichte. Einige Familien sprachen zu Hause darüber, andere offenbar nicht. Ich bekam davon wenig mit. Ich merkte nur, dass „wir Ausländer“ irgendwie auffällig waren. Es gab nicht so viele, die Deutsch mit Akzent sprachen oder eben einfach anders aussahen. Diese Erfahrung machten wohl die meisten der sogenannten „Gastarbeiter“, die Deutschland seit 1955 ins Land rief und die zunächst sehr freundlich empfangen wurden. Aber vielleicht darf es gar nicht verwundern, dass es auch damals schon die Rufe wie „Ausländer raus!“ gab und die Stimmung gegenüber Ausländern in den 1960er und 1970er Jahren kippte.

Als Studierende habe ich jüdische Gruppen begleitet, Jüdinnen und Juden, die während des Zweiten Weltkrieges aus Deutschland fliehen konnten und niemals zurückgekommen waren. Nie zuvor habe ich menschliches Leid so klar vor Augen geführt bekommen. Nie zuvor habe ich all die Orte Hamburgs, die mir doch so sehr vertraut waren, plötzlich auch mit anderen Augen gesehen. Die Häuser am Grindelhof, die Isestraße, die Moorweide. Wir haben viel zusammen gelacht und wir haben viel zusammen geweint.

Auch heute, im Jahr 2015, ist es wichtig, gegen Rassismus, Ausländerhass und Fremdenfeindlichkeit aufzustehen. Ralph Giordano sagte im vergangenen Jahr bei der Preisverleihung: „Eine Machtergreifung durch Ewiggestrige steht (…) nicht vor der Tür, die demokratische Republik wird von dieser Seite nicht ausgehebelt. Aber die Schmerzgrenze beginnt nicht erst da, wo diese Gefahr besteht, sondern viel früher. Mit Zeichen, die beunruhigend genug sind.“

Giordano hatte damit die Morde der NSU-Terrorzelle zwischen den Jahren 2000 und 2006 gemeint. Und wenn wir sehen, wie wenig wir auch heute über diese Morde und die Fehler der Behörden tatsächlich wissen, dann hatte er gewiss Recht.

Erschreckend ist hier ohne Zweifel auch, dass die NSU-Mordserie und die mutmaßlichen Täter einen sehr engen Bezug zu Sachsen hatten. Und ausgerechnet dort beginnt nun eine neue Bewegung von Rechtspopulisten und ohne Zweifel auch von Neonazis organisiert und angeleitet, die sich das Gewand des bürgerlichen Protestes umgehängt hat.

Da wird von sogenannten „patriotischen Europäern“ gegen eine angebliche Islamisierung des Abendlandes protestiert. Und das in Städten und Bundesländern, in denen weniger als 1 Prozent der Menschen Muslime sind! Da wird gegen Ausländer und Flüchtlinge gehetzt! Und es wird postuliert: „Wir sind das Volk!“ Welche perfide Umdeutung einer friedlichen Revolution!

Der Mob ist das Volk in seiner Karikatur und wird deshalb so leicht mit ihm verwechselt“, schrieb Hannah Arendt 1951. „Kämpft das Volk in allen großen Revolutionen um die Führung der Nation, so schreit der Mob in allen Aufständen nach dem starken Mann, der ihn führen kann.“

Für mich haben diese sogenannten „Spaziergänger“, die ein beleuchtetes Kreuz in Schwarz-Rot-Gold tragen, deshalb etwas Beklemmendes. Ich war auch froh, dass diese Truppe nicht durch das Brandenburger Tor in Berlin marschiert ist. Das haben diesmal Tausende Demonstranten verhindert.

Ich freue mich über jede Bürgerin und jeden Bürger, die gegen diese Bewegung auf die Straße gehen.

Mit Ralph Giordano teile ich nicht nur die Überzeugung, dass wir uns gegen Unrecht wehren und Zivilcourage zeigen müssen. Ich teile auch die Liebe zu Hamburg.

Vor allem der Umgang der Hamburgerinnen und Hamburger mit der Pegida-Bewegung hat mich sehr bewegt. Ich bin stolz auf die Menschen dieser Stadt, die gar nicht erst auf einen Pegida-Ableger gewartet haben, um eine Gegendemonstration zu organisieren.

Sie haben von sich aus – ohne dass es eine Pegida-Demo in Hamburg gegeben hätte – eine Demonstration mit über 5.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf die Beine gestellt. Das klare Signal: Pegida braucht erst gar nicht in unsere Stadt zu kommen! Ihr seid hier in Hamburg nicht willkommen!

Auch wenn Pegida in Hamburg nicht verfangen hat, so bekomme ich – wie viele andere Politiker auch – plötzlich viele E-Mails oder Internetkommentare zu lesen: „Sie haben zu akzeptieren, dass wir Deutschen diesen islamischen Dreck nicht wollen.“

Sehr deutlich hat sich der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo in Paris geäußert: „Wir sind alle gefordert, Spaltungstendenzen in der Gesellschaft aufzuhalten.“

Beeindruckend waren über drei Millionen Menschen am 7. Januar auf den Pariser Straßen mit dem hunderttausendfach erklingenden Ruf: „Je suis Charlie“, „Je suis Ahmed“ und „Je suis Juif“. Millionen Pariser erinnerten an die ermordeten Karikaturisten und an die muslimischen und jüdischen Opfer dieser Terrortaten. Aus diesen Worten spricht – aus Wut und Verzweiflung geboren – Solidarität.

Ein Gefühl, welches ich auch empfand.

Eine Gesellschaft, die bereit ist, den Zielen von Terroristen zu folgen, hat in meinen Augen verloren. Eine Gesellschaft, die beginnt, sich in ganzen Gruppen zu definieren, hat die Spaltung bereits zugelassen. Wir sind nicht die Juden, die Muslime, die Christen. Es gibt unschuldige Menschen und es gibt Terroristen, es gibt Aggressoren und es gibt Opfer und Leidtragende.

Der Terror in Paris oder anderswo darf nicht dazu führen, dass Menschen auch in unserem Land Angst um ihr Leben haben müssen. Der Terror darf nicht dazu führen, dass Journalisten, Karikaturisten oder sonst jemand Angst haben muss, zu schreiben, zu zeichnen oder zu sagen, was sie oder er denkt. Der Terror darf auch nicht dazu führen, dass wir die Meinungs- und Demonstrationsfreiheit beschneiden. Das wäre die falsche Antwort. Wir lassen uns nicht einschüchtern!

Genau das ist die Botschaft des BERTINI-Preises: „Lasst euch nicht einschüchtern!“

Zum ersten Mal wird der BERTINI-Preis verliehen, ohne dass sein Ehrenvorsitzender Ralph Giordano unter uns weilt. Aber im BERTINI-Preis lebt Giordano weiter. Sein Vermächtnis und seine Botschaften leben weiter. Und zwar auch mit den Preisträgerinnen und Preisträgern.

Wie jedes Jahr wurde auch heute Morgen, am Morgen des 27. Januars, im Deutschen Bundestag an die Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Das ist wichtig, denn die Erinnerungen müssen wach bleiben in unseren Köpfen und in den Köpfen der nachfolgenden Generationen. Das ist ganz im Sinne des Geistes des BERTINI-Preises, der an Jugendliche verliehen wird, die Mut zeigen:

Mut zeigen, Rechtsextremismus entgegenzutreten,

Mut zeigen, die NS-Vergangenheit der Stadt Hamburg und ihrer Bewohner aufzuarbeiten, Mut zeigen, das Unrecht der Vergangenheit vor dem Vergessen zu bewahren, und

Mut zeigen, aktuelle Formen von Ausgrenzung zu bekämpfen.

Bis heute wurden bereits 100 Gruppen und Einzelpersonen mit dem Preis ausgezeichnet. Es waren 1.500 Jugendliche insgesamt. Und heute werden weitere hinzukommen.

Ich glaube, dass uns die Entwicklungen der letzten Wochen vor Augen geführt haben, dass Zivilcourage, dass das „Gesicht zeigen“ in unserer Gesellschaft dringender denn je gefordert ist.

Unter den ausgezeichneten Projekten möchte ich nur beispielhaft das Projekt „Zäune einreißen“ nennen. Es hat mich tief beeindruckt: Die Schüler der Erich Kästner-Schule in Farmsen haben erforscht, was sich – getrennt durch einen Zaun – auf dem Nachbargelände ihrer Schule in der Zeit des Nationalsozialismus abgespielt hat. Dort war ein Versorgungsheim für „sozial schwierige und asoziale Insassen“, in dem die Menschen auch Zwangsarbeit verrichten mussten. Heute, im Jahr 2015, ist neben der Erich Kästner-Schule eine Unterkunft für Flüchtlinge. Ich erinnere nur zu gut, dass sich wegen der Unterbringung der Flüchtlinge im November 2014 dort eine Demo gegen die neuen Bewohner formierte. Es stellten sich aber so viele Hunderte von Gegendemonstranten auf, dass der klägliche Zug von Rechtsradikalen nach weniger als einem Kilometer gestoppt wurde. Und auch Ihr, liebe Schülerinnen und Schüler, habt Euch sofort für die neuen Nachbarn, für die schutzsuchenden Menschen eingesetzt und Freizeitangebote oder Hausaufgabenhilfe organisiert. Und das Beste: Nach Gesprächen mit der Schulleitung und dem Träger der Flüchtlingsunterkunft habt Ihr erreicht, dass der Zaun geöffnet wird und eine Pforte nun zu gegenseitigen Besuchen einlädt. Ich bin mir sicher, dass es genau das ist, was Ralph Giordano mit der Öffnung der Herzen, Eurer Herzen, unser aller Herzen für Zivilcourage gemeint hat.

Zum siebzehnten Mal wird heute dieser Preis verliehen. Er hat nichts an Aktualität verloren. Ja, er ist nötiger denn je! In dem Roman „Die Bertinis“ habe ich mir vor der heutigen Preisverleihung noch einmal die bewegende Passage der Befreiung der Familie angeschaut:

„Die Panzer [der Briten] kamen am späten Nachmittag, dröhnend und von zwei Seiten – aus der Richtung des Ohlsdorfer Bahnhofes, die Alsterdorfer Straße herunter, und vom Stadtpark, über die Kreuzung zum Flughafen Fuhlsbüttel. Was dann nacheinander aus der ehemaligen Waschküche, dem Versteck der Bertinis, hervorkroch, hatte nur noch wenig Ähnlichkeit mit Menschen. Da keiner der Bertinis aufrecht zu gehen vermochte, bewegten sie sich auf allen Vieren über den freien Platz des ausgebrannten Häuserkarrees auf die Panzer zu. Roman Bertini holte sein silbergraues Notizbuch hervor und schrieb da hinein: ‚Wir sind befreit!‘ Dies geschah an einem Freitag, dem 4. Mai, im Jahre 1945.“

Bundespräsident Gauck hat heute Morgen im Deutschen Bundestag gemahnt, dass Gedenktage nicht in Rituale erstarren dürfen. Ihr, liebe Schülerinnen und Schüler, beweist mit Eurem Engagement für Zivilcourage, dass dies nicht passieren wird. Ganz im Sinne von Ralph Giordano sorgt Ihr dafür, dass wir weder unsere Geschichte vergessen noch unsere Menschlichkeit.

Herzlichen Glückwunsch!

 

 

 

 

Lasst Euch nicht einschüchtern