Preisverleihung am 27. Januar 2015

Die erste Verleihung des Bertini-Preises ohne den verstorbenen Schriftsteller war geprägt von tiefen Emotionen. Die prämierten Jugendlichen leisten Einsatz für Menschlichkeit und gegen das Vergessen.

Von Matthias Schmoock und Ann-Britt Petersen

Uhlenhorst. Trauer, Empörung, Wut – und Versöhnung. Es waren Stunden tiefer Gefühle im Ernst-Deutsch-Theater an der Mundsburg. Zum 17. Mal wurde der Bertini-Preis verliehen – an Jugendliche, die sich für den Zusammenhalt der Gesellschaft engagieren. Benannt ist der mit jährlich insgesamt 10 000 Euro dotierte Preis nach dem Hauptwerk des kürzlich verstorbenen Ralph Giordano („Die Bertinis“), der damit „Junge Menschen mit Zivilcourage“ geehrt wissen wollte.

Was das bedeutet, zeigten Filme über die Projekte der acht Preisträgergruppen – und immer wieder war auch die Anerkennung der Zuhörer fast mit Händen zu greifen. Zum Beispiel, als Schülerinnen und Schüler der Stadtteilschule Heidberg in einem Altersheim in Chicago hochbetagte Holocaust-Überlebende befragten. Oder als Auszüge aus Yannick Reimers‘ beklemmenden Stück „Die atmende Wand“ zu sehen waren.

Bewegend auch die Reden der Laudatoren, die sich alle Mühe gaben, den Preisträgern gerecht zu werden. Das galt besonders für Michael Magunna, den geistigen Vater des Bertini-Preises, der – von schwerer Krankheit gezeichnet – immer wider mit den Tränen kämpfte.

Schon vor der eigentlichen Verleihung waren die Emotionen hoch gegangen. Das lag zum einen an dem historisch bedeutsamen Datum: Der Preis wird immer am 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, überreicht. Zum anderen aber vor allem daran, dass Ralf Giordano erstmals bei der Verleihung fehlte. „Er ist heute trotzdem hier“, fasste Moderatorin Julia-Niharika Sen zusammen, was wohl viele der rund 300 Gäste an diesem Nachmittag im Theater dachten.

Bekanntlich hatte die Giordano-Familie den Holocaust nur um Haaresbreite in einem Versteck überlebt. Intendantin Isabella Vértes-Schütter erinnerte in ihrer bewegenden Rede dementsprechend an einen Satz Ralph Giordanos: „Mein Kompass ist Auschwitz.“ Für Rührung, aber auch zustimmendes Gelächter sorgte ein weiterer von Vértes-Schütter verlesener Giordano-Satz: „Wer die Demokratie angreift, kriegt es mit mir zu tun, der hat mich am Hals.“

Den großen politischen Bogen spannte Aydan Özoguz (SPD), Staatsministerin für Migration, Flüchtlinge und Integration, die eigens aus Berlin angereist war. Dabei verknüpfte sie die Preisverleihung unter anderem mit den Protesten gegen die Pegida-Bewegung. Mit Ralph Giordano habe sie stets die Liebe zu Hamburg geteilt, so Özoguz. Entsprechend stolz habe es sie gemacht, dass die Hamburger nicht erst auf einen „Pegida-Ableger“ in der Stadt warteten, sondern gleich friedlich dagegen demonstrierten. Im Zusammenhang mit dem Anschlag auf das Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ sagte Özoguz: „Terror darf nicht dazu führen, dass wir die Meinungsfreiheit einschränken. Das wäre die falsche Botschaft.“ Der Preis habe nichts von seiner Aktualität verloren, er sei „nötiger denn je“. Direkt wandte sich Özoguz an die Preisträger: „Ganz im Sinne von Ralph Giordano sorgt ihr dafür, liebe Schüler, dass wir weder unsere Geschichte vergessen, noch unsere Menschlichkeit.“ Özoguz abschließend: „Im Bertini-Preis lebt Ralph Giordano weiter.“

Für den wegen eines Trauerfalls verhinderten Sozialsenator Detlef Scheele sprach stattdessen Staatsrat Jan Pörksen (SPD). Bezogen auf den Tod Giordanos und die Aktualität des Preises sagte Pörksen, es sei ein Ansporn, die Preisverleihung fortzusetzen. „Wenn wir uns heute alle versprechen, diesen Preis weiterzutragen, dann erfüllen wir nicht nur Ralph Giordanos Herzenswunsch, sondern wir stehen dafür ein, dass die Losungen des Preises weiterhin Gültigkeit behalten.“

Insgesamt wurden bisher 1500 Jugendliche mit dem Preis geehrt.

(mit freundlicher Genehmigung unseres Förderers Hamburger Abendblatt)IMG_0679web

Lasst Euch nicht einschüchtern