DAMIT MENSCHEN IN ERINNERUNG BLEIBEN.

10 JUGENDLICHE DER KLASSE 9 P DER SCHULE SCHWARZENBERGSTRASSE IN HAMBURG-HARBURG ENTWICKELTEN EINE AUSSTELLUNG ZUM GEDENKEN AN DIE OPFER DES NAZI-REGIMES. BEI IHREN UMFANGREICHEN RECHERCHEN STIESSEN SIE AUF DAS SCHICKSAL DES CHINESEN CHONG TIN LAM, DES URGROSSVATERS EINES MITSCHÜLERS.

DIE KLASSE 9 P DER SCHULE SCHWARZENBERGSTRASSE IM REGIONALEN BILDUNGS- UND BERATUNGSZENTRUM HARBURG WIRD VON SCHÜLERINNEN UND SCHÜLERN MIT SONDERPÄDAGOGISCHEM FÖRDERBEDARF BESUCHT. Als Lehrerin Irene Knappe im Geschichtsunterricht das Thema „Nationalsozialismus“ behandelte, war das Interesse ihrer Schülerinnen und Schüler sehr groß. Die Klasse besuchte die KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Hier waren in den Jahren 1938 bis 1945 über 25.000 Häftlinge infolge unmenschlicher Haft- und Arbeitsbedingungen umgekommen oder von der SS ermordet worden. „Wir konnten gar nicht fassen, was mit den Menschen passiert ist“, sagt Vanessa Möller, 14. Die Jugendlichen wollten etwas tun, um an die Opfer zu erinnern, und so entstand ein vielseitiges „Erinnerungsprojekt“, das seinen Höhepunkt in einer Ausstellung am 9. November 2016 zum Gedenken an die Reichspogromnacht fand.

MARIETTA SOLTY, TOCHTER VON CHONG TIN LAM
SPURENSUCHE: MARIETTA SOLTY, TOCHTER DES 1926 AUS CHINA EINGEWANDERTEN CHONG TIN LAM, BERICHTET SCHÜLERINNEN UND SCHÜLERN DER KLASSE 9 P ANHAND VON DOKUMENTEN AUS IHRER FAMILIENGESCHICHTE.

Um eine Vorstellung über das Ausmaß der Verbrechen zu gewinnen, trugen die Schülerinnen und Schüler zunächst Plastikverschlüsse von Trinkflaschen zusammen. Vom ehemaligen Hannoverschen Bahnhof im Lohsepark in der heutigen HafenCity waren zwischen 1940 und 1945 insgesamt 7.692 Juden, Sinti und Roma verschleppt worden. „Unser Ziel war es, mindestens 5.000 Deckel zu sammeln“, berichtet Aydin Ay, 14. So wollten sie wenigstens annähernd die unfassbare Zahl von Tausenden von Opfern sichtbar machen. Am Ende der Aktion hatten sie tatsächlich für jedes Opfer einen Plastikverschluss zusammengetragen.

Die Sammlung sollte in der Ausstellung einen besonderen Ort bekommen. Und so baute Mitschüler Leon Kühle während seines Praktikums beim Hausmeister der Schule eine gläserne Box auf Rollen. „Sie steht für den Viehwaggon, in dem die Menschen deportiert wurden“, erklärt Leon, 14. Nachdem alle Plastikverschlüsse gezählt und gewaschen waren, wurden einige mit Deckfarbe bemalt, denn: „Viele Deckel waren mit Zahlen bedruckt. Wir wollten aber nicht, dass die Menschen, die damals im Konzentrationslager Nummern tätowiert bekamen, sich daran erinnert fühlen“, berichtet Vanessa.

CHONG TIN LAM
CHONG TIN LAM

Anschließend befassten sie sich mit der Geschichte in ihrem Stadtteil. Sie suchten Stolpersteine in Harburg auf und reinigten sie; sie notierten sich die Namen, die sie auf den kleinen Messingplatten lasen, um anschlie- ßend die Lebensläufe der Menschen, an die die Gedenksteine erinnern, zu recherchieren. Zudem schauten sie Filme wie „Das Tagebuch der Anne Frank“ oder „Schindlers Liste“ und lasen Bücher, die von Schicksalen im Nationalsozialismus handelten. „Mich hat am meisten das Buch ‚Reise im August’ berührt“, sagt Yassin. Darin erzählt die Autorin Gudrun Pausewang aus der Perspektive des jüdischen Mädchens Alice über die Fahrt mit dem Viehwaggon zum Vernichtungslager Auschwitz. Beeindruckt waren die Jugendlichen auch von dem Buch „Das Kind im Koffer. Eine Geschichte aus dem KZ Buchenwald“ von Ilse Burfeind. „Das ist wirklich geschehen: Ein Junge wurde im Koffer in das KZ geschmuggelt und von den Häftlingen versteckt. Er hat das Lager überlebt“, erklärt Rafael Schenkel, 16.

Über ein weiteres reales Schicksal aus Hamburg gestalteten die Schülerinnen und Schüler eine große Infotafel. „Wir erinnern damit an Chong Tin Lam. Er hatte ein Restaurant auf St. Pauli, sein Urenkel geht auf unsere Schule“, sagt Kristijan Iukovic, 15. Der Chinese Chong Tin Lam kam 1926 nach Hamburg. Am heutigen Hamburger Berg auf St. Pauli eröffnete er ein Restaurant. Heute ist es ein Hotel mit Bar, die „Hong Kong Bar“, betrieben von seiner Tochter Marietta. Die Schülerinnen und Schüler besuchten sie und luden deren Tochter, die Enkelin von Chong Tin Lam, in die Schule ein. Von ihr erfuhren sie mehr über die Lebensgeschichte des Einwanderers. „In der NS-Zeit war es gefährlich für Chinesen, und Chong Tin Lam hielt Landsleute bei sich versteckt“, weiß Kristijan.

Bei einer Razzia 1944 nahm die Gestapo ihn und weitere Chinesen fest. Sie kamen ins Polizeigefängnis Fuhlsbüttel, wo sie gefoltert und misshandelt wurden. Chong Tin Lam wurde danach in mehrere Lager verschleppt und zur Zwangsarbeit verpflichtet. Er überlebte, war aber schwer gezeichnet. Sein Restaurant, das von den Nazis geplündert und zerstört worden war, baute er wieder auf. „Wir haben beschlossen, zur Erinnerung an ihn einen Stolperstein verlegen zu lassen, und sammeln dafür Geld“, sagt Kristijan. Die Schülerinnen und Schüler besuchten auch die Gedenkstätte Bullenhuser Damm. Was sie bei ihren Recherchen erfahren hatten, verarbeiteten sie unter anderem in selbst gestalteten Bilderbüchern. „Da haben wir das Leben von Kindern in der NS-Zeit beschrieben“, erläutert Vanessa. Sie blickten aber auch in die Gegenwart und gestalteten eine Tafel mit einer Liste von Ländern, aus denen die Kinder ihrer Schule stammen, und malten Plakate gegen Ausgrenzung.

Am 9. November 2016 präsentierten sie vor ihren Mitschülerinnen und Mitschülern ihre Ausstellung. Sie erklärten die Schaustücke und Tafeln, die Mitschülerinnen und Mitschüler hörten aufmerksam zu. „Wir waren vor der Präsentation richtig aufgeregt, weil es sonst immer so laut ist. Aber unsere Mitschüler haben uns ausreden lassen“, sagt Vanessa und ergänzt: „Wir wissen jetzt, was damals passiert ist, und wir wollten mit unserem Projekt erreichen, dass die Menschen in Erinnerung bleiben.“ Dass sie mit ihrem Engagement den BERTINI-Preis gewonnen haben, hat die Klasse sehr überrascht und umso mehr gefreut.

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