19. BERTINI-Preisverleihung

SIE STANDEN AM 27. JANUAR 2017 IM MITTELPUNKT: 51 SCHÜLERINNEN UND SCHÜLER UND EINE STUDENTIN, DIE FÜR IHR ENGAGEMENT GEGEN DAS VERGESSEN UND VERDRÄNGEN, FÜR IHR EINTRETEN GEGEN DIE AUSGRENZUNG VON MENSCHEN UND FÜR IHRE KÜNSTLERISCHE AUSEINANDERSETZUNG MIT DEN MORDTATEN DES NSU ANHAND VON PROZESSPROTOKOLLEN MIT DEM BERTINI-PREIS 2016 AUSGEZEICHNET WURDEN. Intendantin und Vorsitzende des BERTINI-Preis e. V. Isabella Vèrtes-Schütter begrüßte die über 600 Gäste in „ihrem Haus“, dem Ernst Deutsch Theater. Erstmals übersetzten die Gebärdensprachdolmetscherinnen Celine Sawkins und Christine Müller abwechselnd die Veranstaltung, da auch eine gehörlose junge Frau  unter den Preisträgern war.

ISABELLA VÈRTES-SCHÜTTER
AUFTAKT: ISABELLA VÈRTES-SCHÜTTER HIESS DIE ÜBER 600 GÄSTE IM ERNST DEUTSCH THEATER ZUR 19. VERLEIHUNG DES BERTINI-PREISES WILLKOMMEN

Isabella Vèrtes-Schütter erinnerte in ihrer Ansprache an Ralph Giordano, dessen mahnende und ermutigende Worte sie in einer Zeit mit aufkeimendem Fremdenhass schmerzlich vermisse. Sie zitierte den Publizisten: „Wer die Demokratie angreift, kriegt es mit mir zu tun, der hat mich am Hals!“, und fügte an die BERTINI-Preisträger und das Publikum gerichtet hinzu: „Wer die Demokratie attackiert, sollte uns alle am Hals haben.“

SENATORIN MELANIE LEONHARD
SENATORIN MELANIE LEONHARD BETONTE IN IHREM GRUSSWORT DAS EINSTEHEN DER HAMBURGER SCHÜLERINNEN UND SCHÜLER FÜR DIE DEMOKRATIE.

Senatorin Melanie Leonhard unterstrich diesen Gedanken in ihrem Grußwort: „Eine Demokratie braucht standhafte, wehrhafte Demokraten. Eine Demokratie braucht Menschen wie euch!“, sagte sie mit Blick auf die die BERTINI-Preisträgerinnen und -Preisträger 2016.

JOURNALISTIN ANJA RESCHKE UNTERSTRICH IN IHRER FESTREDE DIE BEDEUTUNG DES PREISES VOR DEM HINTERGRUND AKTUELLER GESELLSCHAFTLICHER ENTWICKLUNGEN.

Festrednerin Anja Reschke ging auf die Bedeutung des Preises vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen ein. „Seid mutig! Setzt euch ein! Lasst euch nicht einschüchtern!“ Diese Appelle hätten für sie vor langer Zeit an Gewicht verloren, weil sie davon überzeugt gewesen sei, dass es in diesem demokratischen Land kaum Ausgrenzung gebe, so die Moderatorin des Fernsehmagazins „Panorama“. Doch dann seien im Sommer 2015 mit dem Flüchtlingszustrom hasserfüllte Kommentare, brennende Asylheime und immer mehr Hetze aufgekommen. Sie habe gedacht, dass jemand nun mal etwas dagegen sagen müsse. Schließlich war es die Moderatorin selbst, die sich in einem vielbeachteten Kommentar in den „Tagesthemen“ gegen Hass und Hetze wandte. Und die von den Zuschauern im Netz nicht nur Zuspruch bekam, sondern sich auch Beschimpfungen und Drohungen ausgesetzt sah: „Ich kam mir zunächst nicht mutig vor, schließlich habe ich mich nicht vor Panzer gestellt. Erst an den Reaktionen habe ich gemerkt, dass es mutig war, mich gegen die Hetze zu wenden. Ich habe gemerkt, dass das, was ich für Geschichte hielt, ganz schön nah kam“, gestand sie offen ein und bekannte: „Ich habe gelernt, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist, dass man sie andauernd verteidigen muss. Die Mehrheit, auf die es dabei ankommt, setzt sich aus jedem Einzelnen zusammen.“ Ihr Plädoyer wurde mit großem Beifall bedacht. NDR-Moderator Christian Buhk, der erstmals durch die Veranstaltung führte, unterstrich diesen Appell: „Ich freue mich ehrlich, hier zu moderieren. In Zeiten, in denen Lügen als alternative Fakten dargestellt werden, ist es ganz wichtig, dass es junge Menschen gibt, die wachsam sind.“

DEAF REFUGEES WELCOME – HAMBURG: ANTONIA RICKE (4. V. L.) UND IHR TEAM UNTERSTÜTZEN GEHÖRLOSE FLÜCHTLINGE.

Die NDR-Mitarbeiter Christian Becker und Christian Mangels hatten die Preisträgerinnen und Preisträger zuvor an ihren Wirkungsstätten aufgesucht und mit Mikrofon und Fernsehkamera anschaulich aufbereitet, wofür die Jugendlichen ausgezeichnet worden sind. Mit den zweiminütigen Einspielfilmen wurden die Preisträger vorgestellt, bevor die Laudatoren in ihren Redebeiträgen ausführten, womit die Jugendlichen die Jury überzeugt hatten: Laudator Dr. Reiner Brüggestrat (Hamburger Volksbank) beschrieb das Engagement, mit dem die 14 Oberstufenschülerinnen und -schüler der Stadtteilschule am Hafen das Thema „Mordtaten des NSU“ anhand der Gerichtsprotolle gründlich erarbeitet haben; wie sie ein Theaterstück daraus entwickelten, in dem sie die unterschiedlichen Perspektiven von Tätern, Opfern und Nachbarn darstellen, hinterfragen und dabei auf Widersprüche aufmerksam machen.

DAMIT MENSCHEN IN ERINNERUNG BLEIBEN: DIE JUGENDLICHEN DER KLASSE 9 P DER SCHULE SCHWARZENBERGSTRASSE IN HAMBURG-HARBURG LEISTETEN ERINNERUNGSARBEIT.

Gabriele Kroch (Howard und Gabriele Kroch- Stiftung) beschrieb in ihrer Laudatio das außerordentliche Engagement der gehörlosen Studentin Antonia Ricke. Sie hat gemeinsam mit weiteren Gehörlosen die Initiative „Deaf Refugees Welcome – Hamburg“ zur Unterstützung gehörloser Flüchtlinge gegründet. Laudator Hubert Grimm (FreimaurerlogeRoland) ehrte mit seiner Laudatio die zehn Schülerinnen und Schüler der Klasse 9 P der Schule Schwarzenbergstraße, ReBBZ Hamburg-Harburg, für ihr Erinnerungsprojekt „Ausstellung zum Gedenken an die Opfer des Nazi-Regimes“.

Bernd-Dieter Hessling (Absalom-Stiftung) betonte in seiner Laudatio den provokanten Perspektivwechsel, den die 27 Schülerinnen und Schüler vom Helmut-Schmidt-Gymnasium mit ihrem Theaterprojekt „Krieg: Wohin würdest Du fliehen?“ vorgenommen haben. In ihrer Inszenierung müssen Europäer vor Krieg und Gewalt in ein arabisches Land fliehen.

ROSAROT IST EINE MISCHFARBE: DR. REINER BRÜGGESTRAT EHRTE SCHÜLERINNEN UND SCHÜLER DER STADTTEILSCHULE AM HAFEN FÜR IHRE EINDRÜCKLICHE AUSEINANDERSETZUNG MIT DEN MORDTATEN DES NSU.
KRIEG: WOHIN WÜRDEST DU FLIEHEN? DIE SCHÜLERINNEN UND SCHÜLER DES HELMUT-SCHMIDT-GYMNASIUMS INSZENIERTEN EINEN PROVOKANTEN PERSPEKTIVWECHSEL.

In kurzen Interviews, die NDR-Moderator Christian Buhk mit den Preisträgerinnen und Preisträgern auf der Bühne führte, kamen die Jugendlichen auch selbst zu Wort. Die Schülerinnen und Schüler der Stadtteilschule am Hafen berichteten, dass sie im Anschluss an die Aufführung die Diskussion mit dem Publikum suchen und dass sie mit ihrem Theaterstück vor allem Jugendliche erreichen. Antonia Ricke betonte, dass sie den BERTINI-Preis stellvertretend für das Engagement ihres Teams entgegennehme. Die zehn Schülerinnen und Schüler der Schule Schwarzenbergstraße erklärten, dass sie mit ihrer Ausstellung einen Beitrag dazu leisten wollten, dass die verschleppten Sinti, Roma und Juden nicht vergessen werden. Und die 27 Schülerinnen und Schüler der Theatergruppe am Helmut-Schmidt-Gymnasium sagten, dass ihre Inszenierung die Zuschauer in die Situation versetzen solle, selbst asylsuchend zu sein.

Den klangvollen musikalischen Rahmen der 19. BERTINI-Preisverleihung gestaltete die fünfköpfige Band „Don´t leave home without your F.U.N.K.“ mit Emma Pincon (Gesang), Birk Reimann (Bass & Gesang), Ascan Tünnermann (Gitarre), Daniel Kröger (Piano) und Jeremias Schwarz (Schlagzeug) von der Staatlichen Jugendmusikschule Hamburg. Sie spielten „Falling“ (Alicia Keys), „City Blues“ (Emma Pincon) und „Rolling in the deep“ (Adele, Paul Epworth).

DON´T LEAVE HOME WITHOUT YOUR F.U.N.K.: EMMA PINCON (GESANG), BIRK REIMANN (BASS & GESANG), ASCAN TÜNNERMANN (GITARRE), DANIEL KRÖGER (PIANO) UND JEREMIAS SCHWARZ (SCHLAGZEUG) GESTALTETEN MIT DREI FUNK-STÜCKEN DEN MUSIKALISCHEN RAHMEN DER PREISVERLEIHUNG.