Die Lesenden: Tommaso Cacciapuoti, Jantje Billker, Christoph Tomanek, Isabella Vértes-Schütter, Andreas Grötzinger; Musik: Jakob Neubauer (v.l.)
Lesung "Die Bertinis"
Die Lesenden: Tommaso Cacciapuoti, Jantje Billker, Christoph Tomanek, Isabella Vértes-Schütter,
Andreas Grötzinger; Musik: Jakob Neubauer (v.l.) Foto: Mathias Prange

LESUNG IM ERNST DEUTSCH THEATER VOR ÜBER 300 SCHÜLERINNEN UND SCHÜLERN

Am 20. März wäre der Schriftsteller, Publizist und Namensgeber des BERTINI-Preises Ralph Giordano 94 Jahre alt geworden. Zu Ehren des 2014 verstorbenen Verfassers des Romans »Die Bertinis« veranstaltete das Ernst Deutsch Theater gemeinsam mit dem BERTINI-Preis e. V. eine Lesung, die sich an ein junges Publikum richtete.

Für Ralph Giordano waren „Die Bertinis“ zeit seines Lebens immer „das Buch“, sein Opus magnum, die Geschichte seines Lebens. In dem 1982 erschienenen Roman schildert der Autor eindrücklich das Schicksal der halbjüdischen Hamburger Familie Bertini während der nationalsozialistischen Herrschaft. Die deutsche Familie mit sizilianischen, schwedischen und jüdischen Wurzeln litt unter der zunehmenden Drangsalierung und Verfolgung der Nazis und überlebte die Bedrohung nur knapp. Die Ereignisse und Erlebnisse, die Giordano beschreibt, gehen zurück auf seine eigenen bitteren Erfahrungen während der Zeit des Nationalsozialismus.

Über 300 Schülerinnen und Schüler waren mit ihren Lehrkräften zur Lesung ins Ernst Deutsch Theater gekommen. Bevor die Schauspieler Jantje Billker, Tommaso Cacciapuoti, Andreas Grötzinger, Christoph Tomanek und die Intendantin des Ernst-Deutsch-Theaters Isabella Vértes-Schütter mit der Lesung begannen, begrüßte Gabriele Kroch aus dem Vorstand des BERTINI-Preis e. V. die Gäste. Sie freue sich, dass so viele Schülerinnen und Schüler am ersten Tag nach den Hamburger Frühjahrsferien anwesend seien und schilderte, wie aus dem 780 Seiten umfassenden Roman »Die Bertinis« ein Hörbuch entstanden sei, auf dem auch die inzwischen im zweiten Jahr stattfindende Lesung basierte.

Es sei der Initiator des BERTINI-Preises, der Hamburger Pädagoge Michael Magunna, gewesen, der die Idee hatte, ein Hörbuch zu produzieren, sagte Gabriele Kroch. »Und Ralph Giordano hat diesen Ball gleich aufgenommen und angeregt, das Hörbuch als Benefiz-Edition herauszugeben. Der Erlös aus dem Verkauf sollte dem BERTINI-Preis-Verein zugutekommen«, fuhr Gabriele Kroch fort. Der Verein, in dem sich Hamburger Organisationen, Institutionen und Personen zusammengetan haben, lobt den Preis jedes Jahr aus. Seit 1998 bewerben sich Hamburger Jugendliche mit verschiedenen Projekten für die Auszeichnung. Sie haben an Dokumentationen, Inszenierungen, Ausstellungen oder anderen Projekten gearbeitet, die das Unrecht, die Ausgrenzung oder die Gewalt gegen Menschen aufzeigen oder bei denen sie selbst couragiert für andere Menschen eingetreten sind. Jedes Jahr am 27. Januar, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, wird der BERTINI-Preis im Ernst Deutsch Theater verliehen. 120 Gruppen und Einzelpersonen, insgesamt rund 1 700 junge Hamburgerinnen Hamburgerinnen und Hamburger, wurden bis heute mit dem BERTINI-Preis ausgezeichnet.

Bis 2014 war der Ehrenvorsitzende des BERTINI-Preises Ralph Giordano selbst bei der Verleihung anwesend. In seiner letzten Rede zur Verleihung sagte Ralph Giordano: »Es zählt zu den Wundern meines Lebens, dass ich ein Buch geschrieben habe, das zu einer Hamburger Institution führte, die sich um den Mitmenschen kümmert. Schöneres kann es nicht geben.« Das Erscheinen des Hörbuchs, für das Giordano die gekürzte Textfassung des Romans lieferte, hat der Autor nicht mehr miterlebt. Er starb am 10. Dezember 2014 kurz vor Erscheinen der CD-Ausgabe. Auf einer der drei CDs ist er in einem NDR-Interview anlässlich seines 90. Geburtstags zu hören und mit seiner letzten Rede zur BERTINI-Preisverleihung am 27. Januar 2014. Sprecher der Hörbuchfassung sind: Patrick Abozen, Burghart Klaußner, Erik Schäffler, Isabella Vértes-Schütter und Anne Weber. Regie führte Michael Batz.

Auch bei der Lesung im Ernst Deutsch Theater, ebenfalls unter der Regie von Michael Batz, wechselten sich fünf Sprecher und Sprecherinnen passagenweise ab. Gemeinsam mit Musiker Jakob Neubauer, der zwischen den Textpassagen traurige, schrille oder ruhige Töne auf dem Knopfakkordeon anstimmte, sorgten die Lesenden für eine eindringliche Atmosphäre. Zu Beginn erfuhren die Zuhörer, wie sich der Pianist Alf Bertini

und die schöne Lea in einem Hamburger Konservatorium kennenlernten, sich ineinander verliebten und eine Familie gründeten. Wie ihre ersten beiden Söhne behütet in Barmbek aufwuchsen und der stolze Vater sie in der Gelehrtenschule des Johanneums anmeldete. Wie sich nationalsozialistische Menschenverachtung und Judenhass im Alltag allmählich ausbreiteten und wie vor allem die Romanfigur Roman Bertini, Alter Ego des Autors Ralph Giordano, dies in der Schule zu spüren bekam. Eindringlich beschreibt Giordano, wie ihn ein nazigetreuer Geschichts- und Lateinlehrer, der den Spitznamen »Speckrolle« trug, demütigte und der Barmbeker Junge erkennen musste, dass er vom Lehrer drangsaliert, von Gleichaltrigen verprügelt wurde, nur weil er Jude war.

Ein weiterer Abschnitt erzählt, wie das Leiden sich weiter steigerte. Denn der 15-jährige Roman wird von der Gestapo verhaftet, fünf Tage geschlagen und gefoltert. Man wirft ihm seine kritischen Äußerungen als staatsfeindliche Ideen vor und will ihn zu dem Geständnis zwingen, dass seine jüdische Mutter sie ihm eingetrichtert habe. Er widersteht trotz der Quälereien und wird entlassen. Dann werden die Bertinis ausgebombt, leben neun Monate auf dem Land, kommen nach Hamburg zurück, und die Mutter, Lea Bertini, wird mit anderen jüdischen Frauen aus Mischlingsehen in eine Bahrenfelder Rattengiftfabrik zur Zwangsarbeit abkommandiert.

Als die Mutter deportiert werden soll, taucht die Familie im Februar 1944 unter. Die ehemalige Nachbarin Erika Schwarz versteckt sie in einem feuchten Kellerloch. Dieses Versteck, in das kein Licht hereinkommt und in dem die Ratten immer mehr die Furcht vor den dort hausenden Menschen verlieren, beschreibt Giordano als Gruft. Erst als Hitler tot ist, Hamburg kapituliert und britische Panzer in der Stadt einrollen, kann die Familie ihr Versteck endlich verlassen: schmutzverkrustet, schmerzverzerrt, angenagt von Ratten, kaum noch im Stande sich zu bewegen und an kein Tageslicht mehr gewöhnt, kriechen sie durch ein enges Mauerloch aus ihrem Gefängnis und Roman Bertini schreibt in sein Notizbuch: »Wir sind befreit.«

Um den Schülerinnen und Schülern und ihren Lehrkräften im Anschluss an die Lesung noch die Möglichkeit zu geben, sich über ihre Eindrücke auszutauschen, wurden sie im Foyer des Ernst Deutsch Theater noch zu Laugenbrezeln und Getränken eingeladen. Einige Lehrkräfte versammelten ihre Klassen um sich, andere Schülerinnen und Schüler standen in kleinen Gruppen zusammen und sprachen über ihre Eindrücke. Christa Bachofer-Lenfers von der Stadtteilschule Walddörfer fand den Besuch der Veranstaltung lohnenswert und anregend: »Es ist schwierig für die Kinder, das ganze Buch zu lesen, aber eine Lesung ist eine gute Alternative und bildet mit anderen Elementen, wie dem Besuch der Gedenkstätte des KZ Neuengamme, eine Ergänzung zum Unterricht mit Zahlen und Fakten zum Nationalsozialismus «, sagt die Deutsch- und Kunstlehrerin. Für ihre Kollegin Petra Nettelbeck Nettelbeck war auch die Länge von anderthalb Stunden angemessen für die Lesung, die zum Ende »sehr ergreifend« wurde, so die Lehrerin für Gesellschaftskunde. »Man weiß jetzt mehr über die Zeit und wie die Menschen sich gefühlt haben«, fand Schülerin Jette, 15. Ähnlich ging es auch Sofia, 16, aus dem Goethe-Gymnasium in Hamburg-Lurup. »Ich finde das Buch sehr wichtig, weil es die Vergangenheit zeigt und die menschlichen Qualen veranschaulicht«, sagt sie. Für Jan vom Walddörfer Gymnasium waren »die Ausschnitte aus dem Buch gut gewählt und der Spannungsbogen gut gehalten«, so der 17-Jährige, der mit Mitschülern und Lehrern noch angeregt über Begrifflichkeiten aus der Nazi-Zeit und wie man sie heute verwenden dürfe, diskutierte. Mitschüler Korwinian, 16, fand nach der Lesung am wichtigsten »in Erinnerung zu behalten, was in Hamburg damals passiert ist«.

Auch im kommenden Jahr ist eine Lesung zum Hörbuch »Die Bertinis« am 20. März 2018, dem Geburtstag von Ralph Giordano, für Hamburger Schülerinnen und Schüler geplant.

Von Ann-Britt Petersen


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